Mercedes lanciert System für autonomes Fahren

6. Mai 2022, 12:58
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Foto: Mercedes-Benz

Als erster deutscher Hersteller bringt das Unternehmen eine eigene Technik für autonomes Fahren auf den Markt. Die Chips kommen von Nvidia.

Tests von Mercedes mit autonomen Fahrzeugen gab es bereits seit längerem. Im Dezember 2021 hat der Automobilkonzern dann vom zuständigen deutschen Bundesamt die offizielle Zulassung für seine Technik erhalten. Nun wird der "Drive Pilot" auf den Markt gebracht, mit dem Serienfahrzeuge aufgerüstet werden können. Während die Bestellungen am 17. Mai anlaufen, dürften erste Fahrzeuge mit dem System laut Mercedes im Sommer ausgeliefert werden und ab dann auf deutschen Strassen unterwegs sein.
Bisher sind in Autos Fahrassistenzsysteme üblich, die dem Fahrer zwar verschiedene Aufgaben wie das Halten der Spur oder des Abstands abnehmen können. Der Mensch bleibt dabei aber in der Verantwortung und muss die Hände am Steuer lassen. Das gilt zum Beispiel für Teslas Assistenzsystem "Autopilot" – selbst wenn die Software sich wie aktuell in den USA am Stadtverkehr versucht.
Mercedes bekam in Deutschland dagegen als erster Autohersteller die Zulassung für den Betrieb eines Systems, bei dem der Fahrer oder die Fahrerin in bestimmten Situationen offiziell die Kontrolle an das Fahrzeug abgeben und zum Beispiel fernsehen darf. Selbst ein Handy kann man dann im Fahrersitz ganz legal nutzen – auch wenn Mercedes-Manager darauf verweisen, dass es keine gute Idee sei, ein Gerät zwischen den Airbag und sein Gesicht zu bringen. Denn der Fahrer muss zugleich jederzeit bereit sein, wieder die Steuerung zu übernehmen.
Der Einsatz von Drive Pilot ist auch durch rechtliche Vorgaben auf sehr konkrete Situationen beschränkt. So funktioniert das System nur auf Autobahnen, bei Geschwindigkeiten bis zu 60 Kilometern pro Stunde und nur im stockenden Verkehr, solange der Abstand zum davor fahrenden Fahrzeug nicht zu gross wird. Erkennt das System, dass die Voraussetzungen da sind, lässt es sich vom Fahrer per Knopfdruck am Lenkrad aktivieren.

System hält Abstand

Das System ist geschult, sich als ein umsichtiger Autofahrer zu verhalten. An Auffahrten lässt es genügend Abstand, damit sich Fahrzeuge von rechts einfädeln können – und ein Sattelschlepper bekommt mehr Platz als ein Auto. Bei niedrigem Tempo hält es sich am Rand der Spur, um wie vorgeschrieben Platz für eine Rettungsgasse zu lassen. Eine Kamera an der Heckscheibe soll das Blaulicht von Rettungsfahrzeugen oder Polizei erkennen.
Während Drive Pilot das Auto steuert, liegt die Verantwortung bei Mercedes. Wenn das System den Fahrer auffordert, wieder die Kontrolle zu übernehmen, muss er das so schnell wie möglich tun – hat aber bis zu zehn Sekunden Zeit dafür. Lässt der Mensch am Steuer diese Zeit verstreichen, bringt das System den Wagen vorsichtig zum Stehen. Die Übergabe wurde vielfach unter anderem mit Probanden durchgespielt, heisst es bei Mercedes.

Baustellen sind noch tabu

Es gibt auch weitere Einschränkungen. In Bereichen mit Baustellen dürfte Drive Pilot in Deutschland zwar fahren, Mercedes verzichtet aber angesichts der zusätzlichen Komplexität zunächst darauf. Gemäss den rechtlichen Vorgaben muss ein Auto im automatischen Betrieb in seiner Spur bleiben. Wenn also etwa ein Spurwechsel an einem Autobahnkreuz notwendig wird, muss der Wagen dafür die Kontrolle dem Fahrer übergeben.
Der zuständige Mercedes-Vizepräsident Georges Massing geht davon aus, dass der rechtliche Spielraum ausgeweitet wird, wenn sich die Systeme im Alltag bewähren und Vertrauen schaffen: "Da wird aus dem Markt und aus allen Ecken Druck auf das System kommen, so dass man mehr Freiheit kriegt."
Die Fahrzeuge erfassen ihre Umgebung mit einer Kombination aus Kameras, Radarsensoren und einem Laserradar im Kühlergrill. Das hat seinen Preis: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erwartet, dass es dank Assistenzsystemen und automatisiertem Fahren weniger Unfälle geben wird – und zugleich Reparaturen teurer werden.
"Unter dem Strich werden durch die neuen Systeme bis 2040 die Unfallzahlen um 13 bis 19%, die Entschädigungsleistungen der Kfz-Versicherer nur um rund 12% sinken", sagte die stellvertretende GDV-Hauptgeschäftsführerin Anja Käfer-Rohrbach zur Verkaufsankündigung von Mercedes.

Zusätzliche Funktionen kosten

Zugleich wird in der Branche an selbstfahrenden Autos gearbeitet, die komplett ohne einen Menschen am Steuer sowie ohne Lenkrad und Pedale auskommen sollen. So sind die Google-Schwesterfirma Waymo und die General-Motors-Tochter Cruise dabei, Robotaxi-Dienste in den USA zu starten. Verglichen damit wirkt das Einsatzszenario von Drive Pilot noch sehr eingeschränkt. Massing sieht jedoch "zwei Welten", die sich aufeinanderzubewegen. Die Mercedes-Fahrzeuge mit Drive Pilot seien für Privatkunden gedacht, betont er.
Für die Branche sind automatisierte Fahrfunktionen eine willkommene neue Erlösquelle. So schliessen Mercedes-Manager nicht aus, grössere Verbesserungen des Systems – wie das Fahren durch Autobahn-Baustellen – kostenpflichtig zu machen. Hersteller gehen auch dazu über, die dafür nötigen Fahrcomputer in ihre komplette Modellpalette zu verbauen.
Mit dem Zugang dazu lässt sich dann zusätzlich Geld verdienen. "Auch bei einem Einstiegsmodell kann der Besitzer mit der Zeit neue Funktionen aktivieren, und das verändert das Geschäft des Herstellers", sagt etwa Danny Shapiro, Auto-Chef des Chipkonzerns Nvidia, dessen Chips in allen künftigen Mercedes-Autos verbaut werden.

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