10?! Claude Honegger, Advisor

10. Juni 2021, 10:08
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Der langjährige Group CIO der Credit Suisse über seine Begeisterung für Technologien und seine Vorbehalte gegenüber "Technologie-Gläubigkeit".

Regelmässig beantworten namhafte Schweizer IT-Persönlichkeiten 10 Fragen, die man ihnen selten oder gar nicht stellt.
1. Was war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell dabei?Mein erster "Computer" war ein Texas Instruments Taschenrechner, welchen ich von meinem älteren Bruder übernommen hatte. Man konnte damit alle möglichen komplizierten Rechenoperationen ausführen. Beruflich habe ich zu Beginn auf einem IBM System36 programmiert. Dabei durfte ein Programm die Grösse von 64KB nicht überschreiten! Man hat also die Logik möglichst "kondensiert" codiert, was häufig zu wenig wartungsfreundlichen Programmen geführt hat.
2. Welchen Informatikberuf möchten Sie selbst nicht (mehr) ausüben und warum?Ich habe über die letzten 30 Jahre verschiedenste Rollen ausgeübt. Neue Herausforderungen haben mich immer motiviert. Aber natürlich gibt es auch Dinge, die ich nicht vermisse. So bin ich zum Beispiel froh, dass ich mir nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen muss, wenn irgendwelche Systeme nicht laufen.
3. Wohingehend wird sich die Stelle eines CIO in den nächsten Jahren verändern? Der CIO wird eine wesentliche Rolle bei der Digitalisierung der bestehenden Geschäftsmodelle spielen. Dabei werden immer mehr technische und operative Bereiche von externen Partnern wahrgenommen. Der CIO muss dabei die bestehenden Geschäftsprozesse hinterfragen, diese end-to-end vereinfachen und die Integration der eigenen Plattform in das firmenübergreifende Ökosystem orchestrieren.
4. Was raten Sie einem jungen Informatiker, der Karriere machen will?Sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, in immer wieder neuen Geschäfts- und Technologiebereichen zu arbeiten und sich so einen breiten Erfahrungsschatz anzueignen. Ausserdem sind gute Kommunikationsfähigkeiten und ein gutes Netzwerk innerhalb und ausserhalb der Firma wichtig.
5. Was konnten Sie erst in der jetzigen Rolle über Technologie lernen und nicht vorher?Seit ich nicht mehr Group CIO bin, habe ich etwas mehr Zeit, mich auch vertiefter mit gewissen Technologien und Trends zu beschäftigen und ein wenig weiter in die Zukunft zu blicken.
6. Hat die Informatik etwas abgeschafft, das Sie vermissen?Eigentlich nicht. Andererseits bin ich auch kein Freund völliger "Technologie-Gläubigkeit". Ungeachtet aller unterstützenden Tools und aller kleinen Helferlein, sollten wir nie vergessen unser Hirn zu nutzen und unseren gesunden Menschenverstand einzusetzen.
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwerer, sich für Technologie-Versprechungen zu begeistern? Die Begeisterung dafür, was mit dem richtigen Einsatz neuer Technologien erreicht werden kann, ist bei mir ungebrochen. Durch meine langjährige Erfahrung erkenne ich aber auch relativ schnell, welche Limitationen neue Lösungen haben. Teil meiner jetzigen Rolle ist es, die Chancen und das Potential von neuen Technologien aufzuzeigen, gleichzeitig aber gewisse Verkaufsversprechen zu entmystifizieren.
8. Was/Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss auf die Finanzbranche haben? Und warum? Cloudlösungen in Kombination mit AI zu nutzen, wird grosse Fortschritte im Bereich Data Analytics und Automatisierung ermöglichen. Die Digitalisierung/ Tokenisierung von Anlagen (Digital Assets) hat das Potential, gewisse Prozesse grundlegend zu verändern. Ausserdem werden open-APIs helfen, Angebote von Providern und Mitbewerbern einzubinden. Dabei werden Bigtechs, Fintechs, aber auch traditionelle Anbieter eine Rolle spielen.
9. Gibt es eine Technologie im Moment, die Sie für total überschätzt halten? Wie erwähnt, haben alle Technologien ihre Vor- und Nachteile. Es gibt keine "Silver Bullet". Es gilt, für das jeweilige Problem die am besten passende Technologie zu wählen. Der Entscheidungsprozess sollte dabei immer mit dem klaren Verständnis der Business-Problemstellung starten und nicht mit einer Technologie, die nach einem passenden Problem sucht.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt? Es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich sich Leute in Drucksituationen verhalten. Man lernt in solchen Zeiten viel über seine Mitmenschen, Arbeitskollegen, aber auch darüber, wie widerstandsfähig die angestammten Business-Modelle und Prozesse sind. Krisen sind immer auch eine Chance, herkömmliche Verhaltensmuster zu hinterfragen und bereits laufende Transformationen zu beschleunigen.

Zur Person:

Claude Honegger ist ein erfahrener Senior Executive mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Führung und Transformation grosser, komplexer und globaler Organisationen. Er bekleidete mehrere CIO-Positionen, darunter Group CIO der Credit Suisse, bevor er sich aus der operativen Funktion zurückgezogen hat, um sich auf seine Beratungs- und Verwaltungsrattätigkeit zu konzentrieren.
In seiner momentanen Rolle berät Claude Honegger das Senior Management der Credit Suisse betreffend verschiedenster Technologie-, Innovations- und Transformations-Themen. Er ist Mitglied des Verwaltungsrats von Fides Treasury Services und RawLabs, im Private Equity Investment Advisory Komitee von Credit Suisse Entrepreneur Capital und im Beratungsausschuss des Swiss Entrepreneurs Fonds. Daneben ist Claude Honegger im Board von SwissICT und einigen anderen Industry Advisory Komitees.

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