10?! Pascal Specht-Keller, neuer Inventx-COO

4. März 2021, 12:51
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Der Ex-Googler über den Menschen, Hypes und die Technologien der Zukunft. Tipp: Es ist nicht Cloud, nicht DLT und auch nicht AI.

Monatlich beantworten namhafte Schweizer IT-Persönlichkeiten 10 Fragen, die man ihnen selten oder gar nicht stellt.
1. Was war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell dabei?Pascal Specht-Keller: Als Kind hatte ich einen Texas Instruments TI-99/4A. Mein Vater war Sekundarlehrer und gab schon Mitte der 80er Jahre erste Computerkurse. Da ich keine Applikationen hatte, fing ich an, eigene BASIC-Programme zu basteln. Die Programme konnte man nur auf einem angeschlossenen Kassettenrecorder speichern. Das war dann der, mit dem ich normalerweise meine Kinderhörbücher abspielte.
2. Welchen Informatikberuf möchten Sie selbst nicht (mehr) ausüben und warum?Ich bewundere die Software Engineers und habe als Student selbst gerne programmiert, weil es eine sehr kreative Tätigkeit ist. Nach dem Studium bin ich aber ins Consulting gegangen. Das Wirtschaftsgeschehen und sein Funktionieren haben mich interessiert. Ich wollte so viele Branchen wie möglich und ihre verschiedenen Geschäftsmodelle kennenlernen. Das Engineering-Denken, das ich von der ETH mitgenommen habe, konnte ich im Business-Umfeld sehr gut anwenden. Mein Fokus liegt heute darauf, neue Technologien für den Geschäftserfolg unserer Kunden in der Finanz- und Versicherungsindustrie nutzbar zu machen und dafür die ohnehin schon schlagkräftige Organisation der Inventx mit ihren kreativen Köpfen und der effizienten Umsetzung noch stärker zu machen.
3. Wohingehend wird sich die Stelle eines CIO/Ihre Stelle in den nächsten Jahren verändern?Technologie hat eine ausserordentliche Relevanz und ist zum zentralen Faktor für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit geworden. Entsprechend ist auch die CIO-Rolle relevanter geworden – aber nicht als technische Funktion, sondern im «Enabling» einer effizienten Kollaboration, von Data-driven Business oder Marketing Automation. Der CIO wird sich immer mehr auf die strategische Technologieplanung für das digitalisierte Geschäft konzentrieren und wird pro Geschäftsanforderung den wirtschaftlich attraktivsten Service identifizieren und beziehen – inhouse, aus der Private Cloud oder aus der Public Cloud.
4. Was raten Sie einem jungen Informatiker, der Karriere machen will?Drei Ratschläge würde ich der jungen Informatikerin oder dem jungen Informatiker gerne mitgeben:
  • Stelle den Menschen in den Vordergrund, nicht die Technologie – so spannend sie auch sei.
  • Lerne zu erklären und zu vermitteln, damit du deine Begeisterung für die Technologie an andere weitergeben kannst, die sie weniger gut verstehen.
  • Bleib immer neugierig. Stelle Fragen, versuche immer die Hintergründe zu verstehen und nimm nichts als gegeben hin.
5. Was konnten Sie erst in der jetzigen Rolle über Technologie lernen und nicht vorher?Erst in den letzten Jahren konnte ich hautnah miterleben, wie die Technologie nicht nur bestimmte Prozesse verbessern, sondern einen tiefgreifenden Kulturwandel im gesamten Unternehmen bewirken kann. "New Ways of Working" erfassen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichzeitig und verändern deren Zusammenarbeit und Kommunikation fundamental – vorangetrieben durch neue Kollaborationsplattformen, Unterstützung durch AI und Online-Kundeninteraktion.
6. Hat die Informatik etwas abgeschafft, das Sie vermissen?Ich betrachte Technologie als eine Erweiterung – nicht Ersatz – unserer menschlichen Interaktion. Als Musik-Fan schätze ich zum Beispiel die Streaming-Dienste, weil sie uns Zugang zu nahezu allen jemals aufgenommenen Alben geben und gleichzeitig neuen Künstlern die Chance bieten, rasch und ohne Eintrittshürden an ein grosses Publikum zu gelangen. Trotzdem möchte ich die Atmosphäre eines Live-Konzerts niemals missen - und das fehlt mir aktuell, bedingt durch die Pandemie.
Ähnlich sehe ich die Interaktion im Unternehmen: Moderne Kollaborationsplattformen erlauben uns, ortsunabhängig produktiv zu sein und mit Kolleginnen und Kollegen über Video sehr natürlich zu kommunizieren. Die Technologie ist eine Bereicherung, ersetzt aber nicht den spontanen Austausch, wenn man sich z.B. im Büro zufällig begegnet oder einen Team-Ausflug macht. Dort können spannende Ideen entstehen. Daher werden wir in Zukunft sicher einen flexiblen Mix aus Remote Work und regelmässigem physischen Zusammenkommen haben.
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwerer, sich für Technologie-Versprechungen zu begeistern?Meine Begeisterung für Technologie ist nach wie vor ungebrochen und treibt mich täglich an. Man lernt mit der Zeit, die Versprechungen von neuen Technologien objektiver zu beurteilen, ganz nach dem bekannten Motto: "We overestimate the impact of technology in the short-term and underestimate the effect in the long run". Und das aktuelle Beispiel Blockchain/DLT zeigt sehr deutlich, dass von der initialen Begeisterung bis zum Durchbruch mit tatsächlichem Mehrwert gut und gerne 10 Jahre vergehen können.
8. Was/Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss auf Ihre Branche haben? Und warum?Es ist nicht Cloud, es ist nicht DLT und es ist auch nicht AI. Es ist ihr Zusammenspiel. Cloud steuert die Skalierbarkeit der IT-Ressourcen bei und fördert rasche, iterative Entwicklungszyklen mit agilen Methoden. Mit DLT und Smart Contracts können Daten mit dezentralisierten Verträgen fälschungssicher ausgetauscht werden. AI ermöglicht die Automatisierung von ganzen Prozessen. Alle drei zusammen lassen vielfältige Use Cases und komplett neue Geschäftsmodelle entstehen.
9. Gibt es eine Technologie im Moment, die Sie für total überschätzt halten?Die Spekulationen mit den über 8’000 Crypto-Währungen stellt für mich einen klassischen Hype dar. Der Zahlungsverkehr wird nur einer unter vielen Use Cases für DLT sein – ich sehe den grössten Nutzen im fälschungssicheren Datenaustausch in Kombination mit Klein- und Mikrotransaktionen, sowie in der Tokenisierung von Assets.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt?Die moderne Technologie im Arbeitsumfeld hat sich bewährt. Die Geschäftstätigkeit kann standortunabhängig auch über längere Zeit in höchster Qualität weitergeführt werden. Die Menschen sind enorm anpassungsfähig und haben es teilweise geschafft, in der Krise sogar noch produktiver zu werden. Die Vorteile des flexiblen Arbeitens für die Mitarbeiter werden wir uns erhalten, freuen uns aber gleichzeitig darauf, uns wieder öfter zu treffen, um Kultur und Kreativität leben zu lassen. Jede Krise birgt Chancen. Dem Digitalisierungsschub steht die Erkenntnis gegenüber, dass auch Entschleunigung uns von Zeit zu Zeit gut tun kann. Was mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat, war die Solidarität in unserem Land, aber vor allem auch innerhalb der Organisation der Inventx.
Pascal Specht-Keller ist seit 1.1.2021 Chief Operating Officer (COO) bei Inventx. Er verantwortet die gesamte operative Leistungserbringung der IT-Spezialistin für Banken und Versicherungen. Der 41-jährige ETH-Informatiker und Kellogg MBA-Absolvent leitete zuletzt die DACH-Region der G Suite Cloud bei Google.

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