10?! Thomas Wüst, ti&m

14. Januar 2021, 11:22
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Der Gründer und CEO über unternehmerische Herausforderungen, Automatisierung, Manuals, Blockchain und Solidarität während Corona.

Monatlich beantworten namhafte Schweizer IT-Persönlichkeiten 10 Fragen, die man ihnen selten oder gar nicht stellt.
1. Was war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell dabei?In meiner Gymi-Zeit habe ich mich noch mehr für Sprache und Literatur interessiert. Erst danach bin ich eher zufällig in die IT gekommen. Daher kann ich auch nicht der typischen Atari- und C64-Game-Story dienen. Meine ersten Erfahrungen im Programmieren habe ich mit einem 80286-basierten Rechner gemacht. Auf diesem habe ich einen Debugger für Industrie-Assembler geschrieben, um mir das Leben bei einem Studentenjob zu erleichtern. Dieser bestand darin, alte Industriesteuerungen zum Laufen zu bringen. Das waren dann kurze Nächte, bevor ich wieder an eine Vorlesung musste.
2. Welchen Informatikberuf möchten Sie selbst nicht (mehr) ausüben und warum?Auf das Einrichten kryptischer Devices kann ich gerne verzichten. Ich finde es wenig inspirierend, mich mit proprietären Detailsprachen, lausigen Manuals und billigen Devices herumärgern zu müssen. Daran werde ich jeweils erinnert, wenn ich bei mir zu Hause IoT-Geräte ausprobiere. Das ist leider noch viel Gebastel, bei nur geringem Output. Es wird aber langsam besser.
3. Welches sind grössten Herausforderungen für IT-Unternehmer in den nächsten 5 Jahren?Einerseits wird sich der Kampf um die besten Talente weiter zuspitzen. Wir wachsen mit 15 Prozent pro Jahr und dabei ist es zentral, die kreativsten und besten Köpfe für uns zu gewinnen. Auch bin ich der Meinung, dass das Techscouting, also das frühe Erkennen und Nutzen von Technologie-Innovationen matchentscheidend sein wird. Zudem gehe ich davon aus, dass der Druck auf unsere Effizienzsteigerung als strikter Onshore Provider zunehmen wird, gerade im Vergleich zu den Low-Cost- und Low-Quality-Anbietern. Daher sind Effizienzsteigerungen und neue Märkte die grössten Herausforderungen.
4. Was raten Sie einem jungen Informatiker, der Karriere machen will?Aus meiner Sicht ist man dort erfolgreich, wo man Spass hat und sich motivieren kann. Informatikabsolventen sollten sich daher ein Unternehmen aussuchen, dessen Fokus auf der IT liegt und diesen hoch innovativ, agil, lokal und ganzheitlich betreibt. Wenn IT das Zentrum der Firma darstellt, dann sind die Entwicklungs- und Entfaltungschancen definitiv am höchsten.
5. Was konnten Sie erst in der jetzigen Rolle über Technologie lernen und nicht vorher?Dass es manchmal länger dauert, als man sich denkt oder wünscht, bis eine Technologie wirklichen Nutzen bringt. Meine Abschlussarbeit an der ETH habe ich über neuronale Netzwerke gemacht. Es hat schliesslich über 20 Jahre gedauert, bis AI im grösseren Stil praxisrelevant geworden ist. Zudem macht Erfahrung leider nicht immer schneller, aber hoffentlich weiser. So stelle ich fest, dass die Themen Ethik, Nachhaltigkeit und Diversity vor 30 Jahren nahezu irrelevant waren, heute aber nehmen sie zentrale Rollen ein. Zudem habe ich gelernt, dass IT-Talente nicht nur ein Topsalärund exzellente Entwicklungsaussichten haben wollen. Sie haben auch berechtigterweise hohe Ansprüche an die gelebten Werte und die Kultur einer Unternehmung.
6. Hat die Informatik etwas abgeschafft, das Sie vermissen?Die ungeteilte Aufmerksamkeit in Gesprächen und Meetings existiert fast nicht mehr. Alles wird parallel gemacht, people are always online und lassen sich durch Instant Messaging, Online News und vieles mehr leicht ablenken. Das nervt und entwertet die direkte Kommunikation. Leider bin ich diesbezüglich auch nicht immer ein gutes Beispiel, aber ich arbeite an mir. Denn Menschen sind letztendlich immer interessanter als Tools.
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwieriger, sich für Technologie-Versprechungen zu begeistern?Ich lasse mich immer noch von Ideen und neuen Konzepten verführen und inspirieren. Ich habe enorm viel Spass daran, mit tollen Leuten Zukunftsszenarien, mögliche Anwendungen und Marktchancen zu diskutieren. Ich hoffe, dass sich heute mehr Augenmass habe als früher und mich nicht so schnell von neuen Technologien verführen lasse.
8. Was/Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss auf Ihre Branche haben? Und warum?Aus meiner Sicht werden die Themen Cloud und AI unsere Branche nachhaltig verändern. Anwendungen und auch zahlreiche horizontale Services werden zukünftig aus der Cloud heraus betrieben werden. Der Software-Serviceanbieter wird so noch zentraler für die Kunden und integrativer Bestandteil von Businessmodellen werden. AI wird sich nachhaltig in den Themen Entscheidungsfindung, Analyse und Beratung festsetzen und verfügt über enormes Automatisierungspotenzial. Wir stehen erst am Anfang einer langen und sehr spannenden Entwicklung, die alle Wirtschaftsbereiche nachhaltig verändern wird.
9. Gibt es eine Technologie im Moment, die Sie für total überschätzt halten?Aus meiner Sicht wird die Blockchain-Technologie überschätzt. Sie scheint bis zur Marktreife mehr Zeit zu benötigen, als es Investoren lieb ist. Das Digitalisieren und Handeln von Assets via Blockchain finde ich nach wie vor sehr spannend und verspricht Effizienz- und Liquiditätsgewinn. Auch die Self Sovereign Identity, zu der wir zu Testzwecken mehrere Lösungen gebaut haben, finde ich als Demokrat sehr spannend. Leider fehlt bisher die Marktakzeptanz.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt?Ich habe gelernt, in einem sich teils auf stündlicher Basis ändernden und teils chaotischen Umfeld in der 1. Welle agil sinnvolle Entscheide zu fällen. Wenige Wochen vor Ausbruch der Corona-Pandemie haben wir unsere Niederlassung in Singapur eröffnet. Seitdem wächst und gedeiht Singapur, obwohl wir nur digital Kunden gewinnen und neue Mitarbeiter lokal anstellen können. Dies funktioniert, weil wir eine tolle, sehr autark funktionierende Schweizer Start-Crew von Beginn an vor Ort hatten. Das freut mich sehr und bestärkt mich in meiner Meinung, dass Talente der Garant für Erfolg sind. Sehr dankbar bin ich für die Loyalität sowohl der ti&m-Mitarbeitenden wie auch unserer Kunden. Diese haben es sehr geschätzt, dass wir stets alle Versprechen und Services eingehalten haben, trotz Homeoffice und Unsicherheiten. Wir sind 2020 zwar nicht wie geplant um 20%, sondern nur um ca. 14 % gewachsen. Auch mussten wir die Eröffnung einer weiteren Niederlassung verschieben. Ich bin aber trotzdem sehr dankbar dafür, dass wir mit hoher Disziplin und Teamgeist unseren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie geleistet haben. Obwohl ich unseren Föderalismus über alles schätze, bin ich ein wenig enttäuscht, wie uneins und unsolidarisch wir als Schweiz mit der 2. Welle umgegangen sind. Denn wir kommen da nur gemeinsam durch!

Zur Person:Thomas Wüst hat 2005 ti&m gegründet. Er ist zudem im Beirat von Swico und  war bis Ende 2020 Mitglied des Steering Committee von Digitalswitzerland. Er hat seinen ETH-Abschluss Dipl. Ing., Informatik 1990 gemacht.

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