Also will jetzt doch ein Paneuropäer sein

24. Juli 2006, 17:06
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Weitere, rasche Expansionsschritte angekündigt. Einstieg ins Komponentenbusiness auch in Deutschland und der Schweiz. Schnappt Also demnächst nach Actebis-Teilen?

Weitere, rasche Expansionsschritte angekündigt. Einstieg ins Komponentenbusiness auch in Deutschland und der Schweiz. Schnappt Also demnächst nach Actebis-Teilen?
Distributoren-Ranglisten gab es auf einer von Also-Chef Thomas Weissmann (Foto) geleiteten Pressekonferenz noch nie zu sehen. Jahr für Jahr verkündete Weissmann, schiere Grösse interessiere ihn nicht und die von der Konkurrenz angepriesenen "economies of scale" seien nichts als Propaganda. Heute morgen an der Pressekonferenz zur zur Übernahme der finnischen GNT-Gruppe war nun (fast) alles anders. Weissmann bestätigte die mittelfristige Zielvorgabe von acht bis 10 Milliarden Franken Umsatz pro Jahr und zeigte eine Folie mit den 10 grössten Distributoren in Europa. Und GNT-Mehrheitsaktionär Mikko Pakkanen sagte einen Satz, der in früheren Also-Zeiten so nicht zu hören gewesen wäre: "Size does matter." Zusammen mit GNT wird "New Also" knapp hinter Actebis zur "Nummer 4 in Europa".
Synergien ohne Synergien
Doch viele Unterschiede zu den Konzepten von Ingram Micro und Tech Data, die auf möglichst viel Zentralisierung setzen, bleiben bestehen. Während Ingram und Tech Data ihre Lagerhäuser möglichst zusammenfassen und dafür auch Umsatzverluste in Kauf nehmen, will Also / GNT wo immer möglich lokale Lager und damit eine möglichst hohe Qualität der Logistik behalten. Auch bleibt das komplette Management von GNT an Bord und man spricht ebenfalls nicht von Zusammenlegung der betriebswirtschaftlichen Systeme.
Vorteile aus der Übernahme von GNT versprechen sich die Also-Leute anderswo: GNT distributiert ein viel breiteres Sortiment als Also, so auch Computer-Komponenten. Weissmann kündigte denn auch den Einstieg ins Komponenten-Business an und glaubt, in der Schweiz etwa einen Umsatz von 40 bis 80 Mio. Franken im Assemblierer-Business erzielen zu können. Ein lauter Schuss vor den Bug der kränkelnden COS, von Ingram und Actebis!
Weissmann spekuliert gar damit, dass der Einkauf und die Hersteller-Beziehungspflege für das Komponenten-Geschäft von Finnland aus gemacht werden könnte. Dies mag für einzelne Komponenten, z.B. Harddisks oder CPUs gelten, doch ohne lokale Spezialisten wird es nicht gehen.
Ging GNT das Geld aus?
Die GNT-Gruppe machte diesen Dezember einen einen grossen Expansionsschritt mit der Übernahme des fast gleich grossen Distis Santech Micro. Bereits zwischen 2001 und 2004 ist GNT jährlich um über 15 % gewachsen. Solches Wachstum will finanziert sein, denn Distributoren haben einen naturgemäss riesigen Kapitalbedarf.
Auf unsere Frage, ob seiner Gruppe das Geld ausgegangen sei, antwortete Hauptaktionär Mikko Pakkanen klar mit nein. Er sei nicht unter Druck gestanden, GNT zu verkaufen und es habe auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel einen Börsengang gegeben. Doch die Spekulation, dass GNT bereits beim Kauf von Santech Micro mit Also über eine Übernahme gesprochen hatte und die Finnen damit wussten, dass sie sich finanziell nicht "überlupfen", ist nicht von der Hand zu weisen.
Aggressive Ziele - was will Schindler?
Finanzchef Hans Wyss sagte auf die Frage nach dem bezahlten Goodwill (immaterielle Firmenwerte) für GNT, dieser könne je nach dem erfolgsabhängigen Preis für die zweite Tranche der GNT-Aktien, bis zu 100 Millionen Franken betragen. Viel Geld, das Also bezahlt, um aus den gesättigten Märkten von Deutschland und der Schweiz auszubrechen und in die schnell wachsenden Märkte Osteuropas (Baltikum und Polen) und Skandinaviens vorzustossen.
Der neue paneuropäische Distributionsriese will unter dem Druck der Hersteller, die ihre Kanäle konsolidieren möchten, auf zwei Seiten als Konsolidierer wirken: In den angestammten Märkten Deutschland und Schweiz wird man die Marktanteile auch bei Preiskämpfen mit Zähnen und Klauen verteidigen und zudem in Geschäftsfelder (Komponenten, VAD-Geschäft, Supplies) vorstossen. Damit wird Also früher oder später schwächere Mitbewerber aus den Heimmärkten drängen. Mit GNT will die Gruppe in Osteuropa und Skandinavien wachsen. Dazu sollen weitere Übernahmen kommen - der Spekulation (Frankreich? England? Actebis-Teile? ...) sind bis zum nächsten Überraschungscoup Tür und Tor geöffnet.
Für Rätselraten sorgte ein Communiqué der 65-Prozent-Mutter Schindler. Den nächsten Expansionsschritt von Also wolle Schindler nicht mehr "alleine vollziehen." Offenbar möchte der Schindler-Konzern, der in einem ganz anderen und vor allem höhermargigeren Geschäft aktiv ist, bei einer allfälligen Kapitalerhöhung von Also nicht oder nur teilweise mitmachen.
Die nie endende CHS-Story
GNT entstammt aus einem Management-Buyout der einst mit grossem Getöse zusammengekrachten CHS-Gruppe, die ehemalige Nr. 3 in Europa. Auch bei Actebis, dem jetzigen Rivalen als drittgrössten Disti in Europa, sind einige CHS-Reste (unter anderem die Schweiz) untergekommen.
Man könnte nun zynisch behaupten, Also hätte GNT und ein paar Actebis-Teile vor ein paar Jahren für viel weniger Geld (nämlich gratis) haben können. Doch dies ist natürlich eine Milchmädchen-Rechnung - denn Also hätte auch viele Probleme und Verlustquellen mitgekauft. Trotzdem zitieren wir zum Schluss noch einmal Thomas Weissmann: "I'm glad not to be an analyst. I'm just running the company." (Christoph Hugenschmidt)

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