Anbieter von Open-Source-Business-Software will die Grossen herausfordern

13. Oktober 2016, 14:12
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Die deutsche Virtual Network Consult (VNC) will die Schweiz zum Zentrum ihrer Open-Source-Projekte machen.

Wenn es nach der Virtual Network Consult (VNC) geht, gibt es in fünf bis zehn Jahren keine proprietäre Software mehr. Der Business-Software-Hersteller auf Open-Source-Basis will die Schweiz zum Produkt- und Projektzentrum machen.
Sie sind 1998 in Deutschland und 2002 in der Schweiz angetreten, Open-Source-Software aus der Spezialisten-, Freak- oder Nerds-Nische herauszuholen. Statt sich der Enge von standardisierten Programmen marktbeherrschender Software-Anbieter wie beispielsweise SAP und Microsoft zu beugen, verspricht Virtual Network Consult (VNC) den Unternehmen eine hundertprozentige Open-Source-Alternative für ihre Business-Software. Die Kundenliste ist inzwischen beachtlich angewachsen und enthält in der Schweiz beispielsweise die Credit Suisse, Universität Lausanne oder Adnovum.
Das von Andrea Wörrlein und Bernd Rodler gegründete Unternehmen setzt seit 2008 komplett auf Open Source. Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit biete man nun einen kompletten End-to-End-Stack an Enterprise-Business-Software inklusive der notwendigen Experten für die Integration und den Support an. Das einzige, was die Unternehmen für den Einsatz benötigen, ist ein Browser, wie Rodler in einem Gespräch mit inside-it.ch sagt.
Pluspunkt Schweizer Qualität
Auf der Basis der vollständigen Geräteunabhängigkeit stelle man alle Arten von Business-Applikationen unter anderem auch CRM und ERP zur Verfügung, erklärt der Mitgründer und CEO. So lassen sich Kommunikations- und Kollaboration-Lösungen inklusive Video-Conferencing aufgleisen oder Server-Virtualisierung, Datenspeicher-Systeme und Backup-Lösungen oder skalierbare Server-Umgebungen abrufen. Und wer will, kann auch das Hosting und den SaaS-Bezug über das VNC-Rechenzentrum abwickeln, das man bei E-Shelter in Rümlang unterhalte, wie Rodler anfügt. Derzeit arbeite man an einer Workplace-Version, die im nächsten Frühjahr verfügbar sein werde und in Sachen Usability heute gängigen Produkten überlegen sein werde.
Aktuell beschäftigt VNC rund 150 Mitarbeiter weltweit. Mit Hauptsitz in Zug unterhält sie ein RZ in der Schweiz und verfügt über drei Standorte in Deutschland und ist auch in Indien vertreten. Und die Cashflow-finanzierte VNC will mehr. Der internationale Verkauf und das weltweite Marketing sollen nun gepusht werden. Hierfür habe man in der Schweiz bereits einen Schwerpunkt gelegt und Nico Gramegna als Verantwortlichen gefunden. In den nächsten zwei Jahren sollen hierzulande bis zu 25 festangestellte Mitarbeiter tätig sein. Laut Rodler werde zusätzlich ein Zentrum für das Produkt- und Projektmanagement aufgebaut. Er nennt unter anderem die Zuverlässigkeit und Präzision als hiesige Qualitäten, die zu diesem Entscheid geführt hätten.
Die virtuelle Firma
Aktuell arbeitet knapp die Hälfte der festangestellten Belegschaft in Beratung, Training, Verkauf und Marketing, während rund 80 Mitarbeiter im Support, in Projekten, in der Plattform-Entwicklung oder im Bereich Usability im Einsatz stehen. Die Besonderheit ist dabei, dass VNC auf die mehrere tausendköpfige Open-Source-Entwickler-Community zurückgreift, die sich auf den Unternehmenseinsatz von quelloffener Software spezialisiert hat. Sie sind als Freelancer im Einsatz und lassen sich je nach Qualifikation, Interesse und Problem für ein Projekt begeistern, sagt Rodler. Im Kern müsse man sich VNC als virtuelle Firma vorstellen, die nur einen kleinen Kreis von festen Mitarbeitern zur Steuerung der Entwicklerarbeiten und Kundenaufträge erfordert. Rechne man alle diejenigen aus der Open-Source-Community hinzu, die sich schon einmal an VNC-Entwicklungen beteiligt haben, brauche man den Vergleich mit den grossen (proprietären) Software-Playern nicht scheuen, fügt Rodler schmunzelnd an.
Hinzu komme, dass man eine breite Partnerschaft mit anderen Open-Source-Herstellern unterhalte. Im Infrastrukturbereich könne das beispielsweise Red Hat sein. Insbesondere verweist Rodler aber auf eine enge Kooperation mit Zimbra. Deren gesamte Kommunikationspalette sei in die VNC-Plattform integriert. Umgekehrt agiere man zudem als OEM-Player, so dass auch andere Hersteller die Angebote integrieren respektive verkaufen können. Als Beispiel verweist er hierfür auf T-Systems in Deutschland, wo inzwischen gut 100 Mitarbeiter geschult wurden, um VNC-Produkte zu verkaufen und integrieren. Denn die Nachfrage sei gross, zumal es für die Unternehmen immer wichtiger werde, sich von Lizenzkosten zu befreien und nur noch die Nutzung von Software und den Support abzurechnen, was die bisherigen Kosten um 30 bis 50 Prozent reduziere.
Doch bei der Betonung der virtuellen Firma ist für Rodler nicht die Anzahl Mitarbeiter wichtig. Er betont vielmehr, dass man trotz Zeiten des Fachkräftemangels jederzeit weltweit auf hochqualifiziertes Personal zurückgreifen könne. Es handle sich um eine neue Generation von IT-Spezialisten, deren Lebenseinstellung kaum mehr mit der eines klassischen, angestellten, karrierebewussten IT-Spezialisten zu vergleichen sei. Dass zeige sich beispielsweise darin, dass solche Spezialisten nicht selten gerade für besonders anspruchsvolle Projekte Interesse zeigen, wie Rodler anfügt. Feste Arbeitszeiten oder -orte treten bei ihnen dagegen in den Hintergrund.
Er sieht sich bei den Fachkräften denn auch gut aufgestellt, weil VNC nicht zuletzt solche vielfach Unangepassten anspricht. Als wichtigstes Arbeitsinstrument zur Kooperation mit solchen Spezialisten verweist Rodler übrigens auf die wachsende Bedeutung der sozialen Medien.
Open Source ist im Trend
Nach eigenen Angaben will VNC inzwischen international zur ersten Adresse für Unternehmen geworden sein, die die Vorteile des professionellen, lizenzfreien Software-Einsatzes erkannt hätten. Wegen der schnellen Entwicklung von Business-Applikationen müsse niemand mehr seine Infrastrukturen den Standards der grossen Software-Hersteller anpassen. Ausserdem sei eine Open-Source-Alternative markant billiger als - in welchem Modell auch immer - lizenzierte Programme, so Rodler weiter. Und auch in Sachen Security müsse heute keiner mehr Abstriche machen, der in seinem Unternehmen auf "Closed-Source-Software" verzichte, schiebt er nach. Die Release-Fähigkeit, Auditierbarkeit, Kontinuität und Professionalität sei auf allen Ebenen garantiert und habe sich in der Praxis bewährt.
Insgesamt, so der VNC-Mitgründer, lasse sich im Markt klar ein Trend zur Nutzung quelloffener Software ablesen. Das belege die Beliebtheit der eigenen Angebote. - Erinnert sei hier auch daran, dass sich zum Beispiel SAP 2014 zur Mitwirkung bei wichtigen Open-Source-Communitys entschlossen hat.
Interessant ist, dass Rodler behauptet, in fünf bis zehn Jahre werde Closed-Source-Software kein Thema mehr in den Unternehmen sein. Generell werde sich die Software-Entwicklung wandeln, schiebt er nach. Wer die besten Köpfe für ein Projekt will, muss ihnen die gewünschten Freiheiten ermöglichen. Um sie zu gewinnen, müssten man wie VNC die dazu nötigen virtuellen Strukturen aufbauen. (Volker Richert)

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