Antitrust-Schalmeienklänge aus Redmond

20. Juli 2006, 13:57
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Welch Zufall: Kurz nach der Verhängung einer Riesenbusse gegen Microsoft durch die EU singen die Redmonder das hohe Lied der Konkurrenz und Offenheit.

Welch Zufall: Kurz nach der Verhängung einer Riesenbusse gegen Microsoft durch die EU singen die Redmonder das hohe Lied der Konkurrenz und Offenheit.
Gestern Nacht veröffentlichte Microsoft Chefjurist Brad Smith "zwölf Grundsätze für die Förderung der Konkurrenz". Man anerkenne die wichtige Rolle, die Windows in der Informationswirtschaft spielt und die Verantwortung die dieser Umstand mit sich bringt, heisst es in der Einleitung. Die "12 Prinzipien" gehen gemäss Microsoft über die Vorschriften der US (!) Antitrust Gesetzgebung hinaus.
Microsoft bekennt sich fortan zu 12 Prinzipien in drei Kategorien: Freie Wahl für Hersteller und Kunden , Chancen für Entwickler und Interoperabilität für Kunden.
Vieles, was Microsoft nun als grosse Errungenschaft ankündigt, haben die Redmonder bereits aufgrund von Gerichtsurteilen in Antikartell-Verfahren zwangsweise eingeführt. So "erlaubt" Microsoft PC-Herstellern den Internet Explorer und den Windows Media Player aus Windows zu entfernen und statt dessen andere Software zu installieren. Es gibt sogar ein extra Tool, um dies rationell zu tun. Dieses Werkzeug musste Microsoft aufgrund eines Urteils der US Antitrust-Behörden entwickeln.
Die 12 Prinzipien
  1. Computerhersteller und Kunden können jede beliebige Software auf Windows PCs installieren. Hersteller dürfen auch alternative Betriebssysteme, Applikationen und Internet-Dienstleistungen (z.B. Google Toolbar) vorinstallieren und promoten.


  1. Computerhersteller dürfen Icons etc. ins Windows-Startmenu einfügen.


  1. Windows wird so programmiert, dass man Nicht-Microsoft-Programme (z.B. Firefox) einfach als Standard definieren kann.


  1. Computerhersteller können Teile von Windows (z.B. Internet Explorer) entfernen und Alternativen installieren.


  1. Microsoft wird Computerhersteller, die Nicht-Microsoft-Software (z.B. OpenOffice) promoten, nicht benachteiligen und nicht höhere Lizenzpreise verlangen.


  1. Microsoft wird Entwickler mit den nötigen APIs (Application Programming Interface) versorgen, damit sie eigene Software für Windows herstellen können. Microsoft wird auch nach Ablaufen eines US Gerichtsentscheids weiterhin Informationen für Schnittstellen so weit offenlegen, dass Konkurrenten Software mit den gleichen Chancen wie Microsoft selbst entwickeln können. Alle Schnittstellen innerhalb von Windows, die von anderen Produkten (z.B. Office) benützt werden, sollen offen gelegt werden.


  1. Windows Live (Online Dienstleistungen wie Mail, Virencheck, kleine Buchhaltungen etc.) werden nicht mit Windows verknüpft.


  1. Windows wird den Zugang zu legalen Internet-Seiten nicht blockieren.


  1. Microsoft wird keine Verträge abschliessen, in denen die exklusive Verwendung von Windows oder anderer MS-Software vorgeschrieben ist. (Auch dies war Bestandteil des US Antitrust-Urteils).


  1. Alle Protokolle innerhalb von Windows, die für die Kommunikation mit Windows-Serverprodukten gebraucht werden, werden dokumentiert und man kann sie für Dritt-Produkte lizenzieren.


  1. Microsoft wird Patente, die in Zusammenhang mit Windows erworben wurden, zu "fairen und vernünftigen Bedingungen" lizenzieren.


  1. Microsoft verpflichtet sich, ein breites Spektrum von Standards zu unterstützen.

PR-Gag oder Besserung?
Viele der 12 Prinzipien hat Microsoft zwangsweise umsetzen müssen. So hat die EU-Kommission gerade letzte Woche Microsoft zu einer Riesenbusse verknurrt weil der Softwarehersteller ihrer Ansicht nach die Kommunikationsprotokolle für Windows Server zu wenig klar und zu wenig schnell offen gelegt hat.
Am interessantesten finden wir Punkt 12 - die Unterstützung von Standards. Ist dies ein erster Hinweis darauf, dass Microsoft von seiner negativen Haltung zum wichtigen Standard "Open Document" abrückt? Wir werden es an der Vielfalt von erhältlichen Programmen (und an den Preisen) ablesen können, wie ernst es Microsoft mit den nun verkündigten "Prinzipien zur Förderung der Konkurrenz" meint. Gute PR sind sie allemal. (Christoph Hugenschmidt)

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