Applikationen abschalten als Last und Notwendigkeit

22. März 2011, 13:50
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Laut einer Studie sind durchschnittlich ein Fünftel aller Applikationen in Unternehmen überflüssig. Sie loszuwerden ist aber nicht so einfach.

Laut einer Studie sind durchschnittlich ein Fünftel aller Applikationen in Unternehmen überflüssig. Sie loszuwerden ist aber nicht so einfach.
"Die Applikations-Landschaft ist wie eine riesige komplexe Maschine, an der dauernd Ingenieure irgendwo rumhämmern müssen, damit sie richtig läuft", meint Greg Branch, Chief Architect beim Telekomunternehmen Colt. Robert Borchelt, Manufacturing IT Director beim Motorenhersteller Cummins, findet einen anderen Vergleich, um die Komplexität der IT darzustellen: "Unsere IT-Landschaft gleicht einem arktischen Eisfeld, gespickt mit Klippen, verborgenen Abgründen und dünnem Eis, in das man einbrechen kann, ohne vorher eine Gefahr zu sehen."
Komplexität verursacht, knapp gesagt, höhere Betriebskosten, geringere IT-Stabilität und grössere Schwierigkeiten bei der Einführung von innovationen. Angesichts der Folgen der sowieso schon hohen Komplexität vieler IT-Landschaften ist unnötige Komplexität wegen des Mitschleppens überflüssiger Applikationen umso ärgerlicher. Laut einer aktuellen, von HP und Capgemini in Auftrag gegebenen Studie sind trotzdem im allgemeinen Duchschnitt ein Fünftel aller von Unternehmen betriebenen Softwareanwendungen redundant – ihre Funktionalitäten werden auch von anderen, im Betrieb befindlichen Applikationen abgedeckt.
Der Durchschnitt trügt zudem etwas: Rund die Hälfte der Befragten glaubt, dass dies auf bis zu fünzig Prozent ihrer Anwendungen zutreffen könnte, und manche CIOs von internationalen Grosskonzernen glauben, dass ein noch höherer Anteil ihrer Applikationen eigentlich ins Grab gehört.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass der Anteil kleiner Unternehmen, deren IT-Verantwortliche glauben, dass sie zu viele Applikationen betreiben, sehr klein ist. Bei mittelgrossen Unternehmen sind es dagegen ebenso wie bei Grossunternehmen schon über vierzig Prozent, bei internationalen Konzernen rund 60 Prozent.
Der Zyklus von Geburt, Kindheit und... ewigem Leben
Bei der Vielzahl von Applikationen, die in Unternehmen betrieben werden – bei Grosskonzernen sind es manchmal tausende – ist es allerdings oft schon schwierig, zu bestimmen, welche Funktionen doppelt oder mehrfach abgedeckt werden.
Einer der internen Gründe für den Wildwuchs ist, so die Studie, dass über Jahrzehnte oft eigens massgeschneiderte Applikationen implementiert wurden, um ein spezifisches Problem zu lösen, ohne dass dabei ein Gedanke daran verschwendet wurde, wie man sie später wieder ausser Betrieb nehmen könnte. Die Lösung des unmittelbaren Problems liegt allen Beteiligten eher am Herzen als die ferne Zukunft. Die Planung für den Lebenszyklus einer Applikation bleibt damit aber unvollständig. Zudem liegt die Verantwortung für die Entwicklung und den Betrieb von Applikationen meist bei getrennten Teams, was diese Haltung verschärft.
Bei Grossunternehmen führen zudem Übernahmen und Fusionen zu einer häufigen Verdoppelung von Applikationen. Und die absehbare zunehmende Verlagerung von
Applikationen in die "Cloud", so die Studienautoren, dürfte darüber hinaus den Bedarf nach einer systematischen, ordentlich gemanagten Stilllegung von Applikationen noch beschleunigen.
"Trotz der Tatsache, dass die Datenarchivierung und Applikationsabschaltung signifikante Kosteneinsparungen, Prozesseffizienz und eine höhere Agilität liefern können, finden sich diese Themen noch nicht adäquat auf der CIO-Agenda wieder", bilanziert Olaf-Rüdiger Hasse, Mitglied des globalen Management Teams von Capgemini für Application Lifecycle Services.
Kein Ausschaltknopf
Ein Grund dafür sind die Kosten und Probleme, welche Dekommissionierungsprojekte verursachen, bevor sie einen Nutzen bringen. Zudem ist es oft schwierig, den Return-on-Investment finanziell zu beziffern, was die Projekte schwer "verkaufbar" macht.
Schwierigkeiten im Laufe solcher Projekte treten oft auf, wenn Interaktionen zwischen verschiedenen Applikationen mangelhaft dokumentiert wurden. Ein noch grösseres Problem ist zudem oft der Mangel an Entwicklern für die Migration oder Archivierung der Daten aus den Alt-Applikationen. Nicht zuletzt müssen auch häufig "kulturelle" Wiederstände überwunden werden – Mitarbeiter A hat schon immer Applikation A benützt, und sieht keinen Grund, dies zu ändern, während Mitarbeiterin B Applikation B bevorzugt, um das gleiche zu tun.
Trotzdem gibt es erfolgreiche Rationalisierungsprojekte. Im letzten Juli hat beispielsweise laut der Studie eine grosse italienische Bank während eines einzigen Wochenendes über 100 Core-Banking-Applikationen abgeschaltet und ersetzt – allerdings nach einer vorgängigen Planungsphase von über zweieinhalb Jahren.
Die komplette Studie kann hier kostenlos bezogen werden. (Hans Jörg Maron)

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