Arbeitslose Infor­matiker trotz Fachkräftemangel

12. November 2015, 12:43
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Was läuft in der IT-Branche falsch?

Was läuft in der IT-Branche falsch? Obwohl die Arbeitslosenquote bei Informatikern im Vergleich klein ist, steigt das Risiko in zunehmendem Alter an.
In der IT-Branche herrscht Fachkräftemangel. Gleichzeitig aber, verdoppelte sich zwischen 2008 und 2014 die Zahl der arbeitslosen Informatiker im Kanton Zürich. Vor diesem Hintergrund haben das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (AWA ZH) und ICTswitzerland die Situation arbeitsloser Informatiker ab 45 Jahren genauer untersucht. Die Ergebnisse der Studie "Arbeitsmarktfähigkeit arbeitsloser Informatiker 45plus" wurde heute im Rahmen einer Pressekonferenz von Regierungsrätin Carmen Walker-Späh, Nationalrat und Präsident des Branchenverbands ICTswitzerland Ruedi Noser sowie Studienautor Nils Braun-Dubler vorgestellt.
Verdacht der Altersdiskriminierung?
Die Arbeitslosenquote bei den Informatikern ist zwar seit der Finanz- und Wirtschaftskrise angestiegen, im Vergleich jedoch zum Durchschnitt bleibt sie tiefer. Im Mai 2015 waren in der Schweiz 1,9 Prozent der Informatiker als arbeitslos gemeldet, während sich die Quote über alle Berufe bei 2,9 Prozent befand.
Wird die Quote nach Altersgruppe analysiert, zeigt sich ein atypisches Bild im Vergleich zu den anderen Berufsgruppen: Bei Informatikern steigt das Risiko, arbeitslos zu werden, mit zunehmenden Alter, während es bei den anderen Berufsgruppen abnimmt, so die Studienautoren. Für die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen ist das Risiko rund 50 Prozent höher als bei den jüngeren Informatikern. Eine endgültige Antwort, warum dies so ist, kann die Studie jedoch nicht liefern. Der Verdacht der Altersdiskriminierung liegt nahe.
These der "veralteten" Fähigkeiten lässt sich nicht erhärten
Im Rahmen der Studie wurden gut 200 Dossiers auf die genannten IT-Fähigkeiten untersucht. Diese Skills lassen sich grob in vier Gruppen einteilen: Programmiersprachen, Betriebssysteme, Datenbanken und Anwendungsprogramme. Bei Letzteren wurde hauptsächlich Microsoft Office genannt. Da diese Kenntnisse bei fast allen Büroarbeiten als Standardanforderung gilt, wurden sie in der Studie nicht weiter berücksichtigt. Bei den verbleibenden drei IT-Fähigkeiten zeigen sich kaum Unterschiede was die Altersgruppen anbelangt. So weisen alle Altersgruppen einen Anteil von rund 45 Prozent an Personen auf, die über Datenbankkenntnisse verfügen. Im Schnitt verfügen die Bewerber über Kenntnisse in 4,3 Programmiersprachen. Bei den Über 55-Jährigen sind es 5,7 Sprachen.
Die These, dass ältere arbeitslose Informatiker primär über veraltetes Wissen verfügen, könne mit den vorhandenen Daten nicht erhärtet werden. Es zeige sich höchstens, dass bei den untersuchten Dossiers Kenntnisse in den Sprachen des Apple-Ökosystems (Objective-C und Swift für iOS und OSX) kaum vorhanden sind. Auch die 2007 von Google vorgestellte Sprache Go, beherrschte nur eine Person in der Stichprobe.
Weil das Berufsfeld Informatik noch jung ist, können viele ältere IT-Fachleute nicht die gleichen formalen Abschlüsse wie ihre jüngeren Branchenkollegen vorweisen. Der IT-Hochschulabschluss existiert erst seit den 80er-Jahren und die berufliche Grundbildung erst seit Mitte der 90er-Jahre.
Zertifikat für Unternehmen geplant
Gerade wenn die formalen Abschlüsse nicht vorhanden seien, sei es umso wichtiger, die Fähigkeiten klar auszuweisen. Im Rahmen der Studie zeigte sich, dass verschiedene Arbeitgeber Bewerbungsdossiers sehr unterschiedlich beurteilen. Dies liege auch daran, dass stellensuchende Informatiker ihre Kompetenzen häufig zu wenig klar und prägnant ausweisen. Arbeitgeber wiederum sollten in Stelleninseraten die Profile in standardisierter Form ausweisen, so die Studie.
ICTswitzerland fordert, dass gemeinsam mit den Arbeitgebern ein Set von IT-Skills als Grundlage für Rekrutierung und Personalentwicklung definiert wird. Gleichzeitig sollen auch die Bildungsinstitutionen ihre Angebote durchlässiger gestalten und auf das zu definierende Set von IT-Fähigkeiten ausrichten.
Wie ICTswitzerland Ruedi Noser ebenfalls ausführte, seien auch die Arbeitgeber in der Verantwortung, ihre IT-Mitarbeiter arbeitsmarktfähig zu halten. Das Berufsumfeld entwickelt sich schnell und Arbeitgeber müssen ihre Angestellten weiterbilden. Systematische Weiterbildung der IT-Mitarbeitenden ist weit verbreitet. ICTswitzerland fordert zudem, ein Gütesigel für Unternehmen einzuführen. Dieses soll Firmen auszeichen, die Weiterbildungsprogramme für IT-Mitarbeitende durchführen und diese somit arbeitsmarktfähig halten. (Katharina Jochum)

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