Armee-Informatik als Fass ohne Boden

2. November 2009, 14:18
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Die Armee häufte bis 2007 Informatikkosten von 4,5 Milliarden Franken an, rechnete die 'NZZ am Sonntag' aus. Armee-Chef Blattmann stoppt Projekte.

Die Armee häufte bis 2007 Informatikkosten von 4,5 Milliarden Franken an, rechnete die 'NZZ am Sonntag' aus. Armee-Chef Blattmann stoppt Projekte.
Seitdem VBS-Chef Ueli Mauer öffentlich bekannte, sein Departement habe in den letzten Jahren rund 500 teilweise untereinander nicht kompatible Programme gekauft, ist die Armee-Informatik in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. So bezeichnete die 'NZZ am Sonntag' gestern die Armee-Informatik als "Dschungel", dessen Ausmass "erst jetzt ins Bewusstsein vieler Politiker" dringe. Dies obwohl es bereits früher Anzeichen dafür gegeben habe, dass die Informatik-Ausgaben der Armee aus dem Ruder liefen.
So liess sich die Finanzkommission des Nationalrats (damaliges Mitglied: Ueli Maurer) im Herbst 2007 eine Liste der Informatik-Projekte geben, für die Verpflichtungskredite bestanden. Neben den bekannten Projekten FIS Heer (Führungsinformationssystem) und dem SAP-Megaprojekt Log@V gab es über 50 Projekte mit lustigen Namen wie ISDACO, SISSY, INTAFF und U21. Total, so die Zeitung, waren bis und mit 2007 Projekte in der Gesamthöhe von 4,5 Milliarden Franken vergeben worden.
Blattmann stoppt Projekte
Wie das VBS am Freitag bekannt gab, hat der Chef der Schweizer Armee, Korpskommandant André Blattmann, befohlen, dass keine neuen Kredite im Zusammenhang mit dem IT-Projekt "C4ISTAR" vergeben werden dürfen. Das heisst, dass keine neuen Verpflichtungen mehr eingegangen werden dürfen. Das Projekt solle – allerdings, so schränkt das VBS ein, nur "vorerst" - im heutigen Rahmen weiterlaufen. Bestehende Verpflichtungen sollen nicht unterbrochen werden – aber auch das nur "vorerst".
Wieviel Geld so eingespart wird, beziehungsweise mit wieviel weiteren Verpflichtungen das VBS für "C4ISTAR" bisher gerechnet hat, wird in der Mitteilung nicht erwähnt. VBS-Sprecher Christian Burri auf Anfrage: "Die Höhe allfälliger Zusatzkredite sowie verursachte Opportunitätskosten durch Systemsistierungen der Programme C4ISTAR sich Stand heute nicht in Schweizerfranken auszuweisen".
Der Steuerungsausschuss der Taskforce Informatik, die erst letzte Woche von Maurer ins Leben gerufen worden war, soll nun den Überblick gewinnen, wie Burri schreibt: "Eine Gesamtübersicht wird in den kommenden Monaten durch den Steuerungsausschuss der Task Force Informatik VBS ermittelt und dem Bundesrat vorgelegt."
C4ISTAR: Command, Control, Computers, ...
Wie man einer, allerdings anscheinend seit einiger Zeit nicht mehr aktualisierten, Website zum Thema "C4ISTAR" entnehmen kann, geht es dabei um ein übergeordnetes Programm zur Integration der diversen Führungsinformationssysteme aller Armeeteile, um so die Voraussetzungen für eine "vernetzte Operationsführung" zu schaffen. Die Idee ist, dass sämtliche Informationen aus allen möglichen Quellen in einem Einsatzgebiet ohne Zeitverzögerungen den Entscheidungsträgern sowie den Einsatztruppen vor Ort zur Verfügung gestellt werden. "C4I" steht für "Command, Control, Computers, Communications, Information", "ISTAR" für "Intelligence, Surveillance, Target Acquisition, Reconnaissance". (Ein "I" wurde anscheinend der "Einfachheit" halber weggelassen).
Wie man zwischen den Zeilen der Mitteilung lesen kann, könnte es bei der Entscheidung zum Kreditstopp auch um die Entscheidung gehen, ob die Armee lieber ein paar neue Kampfjets oder eine integrierte IT haben will. Die Massnahmen des Armeechefs, so heisst es dort, seien "auch im Zusammenhang mit dem Bundesratsbeschluss vom 21. Oktober zu sehen, an dem im März festgelegten Fahrplan beim Beschaffungsvorhaben Tiger-Teilersatz (TTE) festzuhalten." (hjm / hc)

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