Avaloq-Übernahme abgeschlossen, Apobank-Projekt fast

23. Dezember 2020, 15:21
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Avaloq ist definitiv japanisch. Derweil erklären sich die Firma und ihr Vorzeige-Kunde zur missglückten Migration 2020.

Die japanische NEC Corporation hat die Übernahme von Avaloq abgeschlossen. Die Übernahme wurde erstmals im Oktober 2020 angekündigt.
NEC, ein multinationales Unternehmen, das die Integration von IT- und Netzwerktechnologien anbietet, hält nun 100% der Anteile an Avaloq. Die wird weiterhin als eigenständiges Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz operieren und die Übernahme führt nicht zu einer Veräusserung in einer seiner Schlüsselregionen oder von Produkten.
In den deutschen Medien werden derweil noch Altlasten abgearbeitet, insbesondere die holprige Migration der Apotheker- und Ärztebank (Apobank) auf Avaloq an Pfingsten und deren Nachwehen. In Interviews mit der deutschen Zeitung 'IT-Finanzmagazin' nahmen ein Avaloq- und ein Bank-Vertreter Stellung aus technischer und strategischer Sicht.

Avaloq ist nicht allein

Erneut wurde betont, dass man das Kernbankensystem migriert und gleichzeitig die komplette technische Infrastruktur der Bank umgestellt habe, sei es das Kernbankensystem, die RZ, die Arbeitsplätze wie das Netzwerk bis hin zur Haustechnik.
Als IT-Dienstleister war also nicht Avaloq allein involviert, sondern insbesondere auch DXC.
"Insgesamt waren da 230 Subsysteme umzuziehen sowie die komplette Hardware", so Karl im Brahm, CEO Avaloq Sourcing (Europe). Des Weiteren wurde die Wertpapierplattform abgelöst.
Und dies mit einem Big Bang am Pfingstwochenende, mitten in der Corona-Pandemie. Man habe zuvor "fast ein Dreivierteljahr lang Migrationstests und Dress Rehearsals durchgeführt", so der Avaloq-Mann. "Wegen der Corona-Situation fanden diese Dress Rehearsals sowie die eigentliche Umstellung am Pfingstwochenende komplett remote statt."

Wochenlange Kundeproteste, monatelanges Bug-Fixing

Nun ist das nicht die erste Avaloq-Migration und im Interview nimmt er mit keinem Wort Bezug darauf, dass die Migration zu wochenlangen Kundenprotesten führte, zu offiziellen Entschuldigungen der Bank-Oberen, einer externen Untersuchung und monatelangem Bug-Fixing. "Wir haben daraus die Erkenntnis gewonnen, dass man die Komplexität niemals unterschätzen sollte, und dabei die Zusammenhänge zwischen technischen und bankfachlichen Aspekten der Migration stets kritisch in Betracht ziehen muss", so im Brahm vage.
Wer die Komplexität unterschätzt hat und den Big Bang mit welchen Argumenten durchsetzte, bleibt unklar. Die Schweizer Raiffeisen-Banken jedenfalls kamen von der Idee ab und etappierten die Migration auf Avaloq richtigerweise.

"Unvorhersehbare Probleme"

"Es gab verschiedene unvorhersehbare Probleme und nicht alle Funktionen des neuen Systems liefen fehlerfrei. Viele Fehler und Einschränkungen haben wir mittlerweile behoben," so Eckard Lüdering, Mitglied des Vorstands der Apobank in einem weiteren Interview, das vor einigen Tagen veröffentlicht wurde.
Er sieht es als Vorteil, dass man 30 Legacy-Systeme in Avaloq zusammengeführt habe. Inzwischen habe man auch eigene Anwendungen angebunden, ebenso solche von Dritten.
Aber man habe für die mit 3-stelligen Millionen-Kosten verbundene Migration keine Alternative, nimmt er die Bank-Entscheider in Schutz: "Migrieren mussten wir in jedem Fall, da die Fiducia & GAD unser damaliges System bank21 abgekündigt hat. (...) Vielmehr müssen wir die Investitionen mit den Kosten für alternativen Lösungen vergleichen. Aus dem Business Case, den wir aufgestellt haben, ergaben sich keine spezifischen Nachteile für die Lösung mit Avaloq und DXC."
Ziel sei es, nach dem Technologie-Wechsel kundengerechte Angebote zu entwickeln. "Das Avaloq-System ist hierfür die Basis," so Lüdering.
Kurzfristig erwartet die Apobank selbst laut 'Börsen-Zeitung' spürbar steigende Sachkosten wegen der "Stabilisierung der technischen Funktionalitäten" und der "Wiederherstellung der durch die anfänglichen IT-Störungen geschädigten Reputation".
Nichtsdestotrotz gewann Avaloq für genau dieses Projekt gar einen englischen Award.

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