Avaloq übernimmt Mehrheit an B-Source

31. August 2011, 12:52
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Fernandez mischt die Karten neu und übernimmt die Mehrheit am Tessiner Banken-Dienstleister B-Source. Das Schweizer BPO-Geschäft wird nun abheben, glaubt nicht nur Avaloq-Gründer Fernandez.

Fernandez mischt die Karten neu und übernimmt die Mehrheit am Tessiner Banken-Dienstleister B-Source. Das Schweizer BPO-Geschäft wird nun abheben, glaubt nicht nur Avaloq-Gründer Fernandez.
Der Zürcher Software-Hersteller Avaloq übernimmt zu einem nicht genannten Preis 51 Prozent am Tessiner Banken-Dienstleister B-Source. Die bisherige Besitzerin, die Tessiner Bank BSI AG, behält auf unbestimmte Zeit 49 Prozent und bleibt ein wichtiger Outsourcing-Kunde von B-Source.
Jetzt sei der richtige Moment gekommen, mit B-Source eine Plattform auf den Markt zu bringen, die der Schweizer Finanzindustrie helfe, Kosten zu teilen, sagte BSI-CEO Alfredo Gysi heute Morgen an einer Medienveranstaltung in Zürich. Eine solche Firma könne nur von einer Bank ins Leben gerufen und aufgebaut werden, müsse dann aber auf den Markt kommen, so der Bankenchef, der bereits an der Gründung der damaligen Bosslab vor 15 Jahren beteiligt gewesen ist. Gysi: "Wir warteten auf den richtigen Moment und den richtigen Partner."
B-Source beschäftigt heute ungefähr 600 Mitarbeitende, wobei etwas die Hälfte Bankfachleute sind. Die Tessiner Firma bietet den Kunden nicht nur die Implementation und den Betrieb der Kernbankenösung Avaloq und der Umsysteme an, sondern kann den Kunden auch administrative Aufgaben, wie etwa Kontenführung, Zahlungsverkehr und vieles mehr abnehmen und dabei Skaleneffekte erzielen. B-Source könne die Backoffice-Kosten der Kunden um etwa einen Viertel senken, wenn das Volumen (z.B. die Anzahl Transaktionen) verdoppelt werden könne, sagte B-Source-Chef Markus Gröninger heute Morgen.
B-Source wird eine unabhängige Firma bleiben und am Standort Tessin werde nicht gerüttelt, betonte Avaloq-Gründer und -Besitzer Francisco Fernandez (Foto). Stellenabbau sei keineswegs geplant. Im Gegenteil: "Wir sind im Ticino als Arbeitgeber einmalig, was uns grosse Vorteile bringt," so Fernandez zu inside-it.ch. Die Entwicklung von Bankensoftware müsse im Dialog mit den Bankkunden erfolgen, was mit Offshore-Entwicklern, etwa in Brasilien, nicht möglich sei. So sichert sich Avaloq mit dem B-Source-Deal auch den Zugang zum grossen Entwickler- und Beraterpool nicht nur im Tessin, sondern auch in Norditalien.
"Die Industrie wird neu geformt"
"Heute startet ein neues Industriesegment", erklärte Gysi optimistisch. Denn während das Auslagern der administrativen Tätigkeiten, so genanntes Business Process Outsourcing (BPO), in anderen Ländern Europas bereits gang und gäbe ist, ist es in der Schweiz noch eine seltene Ausnahme.
Nun hat sich die Ausgangslage aber radikal verändert. Steuerabkommen, neue Gesetze und ein verändertes Kundenverhalten führten zu sinkenden Umsätzen bei steigenden Kosten, was Banken dazu zwinge, sich auf die Kernkompetenzen, Produktentwicklung und Kundenbetreuung zu fokussieren und die Administration auszulagern, so Gysi.
Mit Avaloq als Mehrheitsaktionär habe B-Source nun eine marktorientierte Besitzerstruktur, betonte Gröninger. In der Tat wird B-Source die potentielle, künftige BPO-Kundschaft davon überzeugen müssen, dass man den Minderheitsaktionär BSI nicht bevorzugt, sondern für alle Kunden vorteilhafte Skaleneffekte erzielen kann. "Wir werden als Hauptaktionär dafür sorgen, dass alle Kunden gleich behandelt werden," betonte Fernandez im Gespräch mit inside-it.ch nach der heutigen Pressekonferenz.
Avaloq nun in "Coopetition" zu Partnern
Sehr klar antwortete Fernandez auf die Frage, ob sich Avaloq als Hauptaktionär von B-Source nicht in ein gefährliches Konkurrenzverhältnis zu bisherigen Partnern wie Swisscom (Comit) oder IBM begebe: "Heute ist Coopetition normal. Swisscom ist ein wichtiger Partner und in einem Bereich nun auch ein Konkurrent. Am Schluss entscheidet der Kunde."
Vor allem aber erwartet Fernandez ein massives Anziehen des Geschäfts. So kann Avaloq zusammen mit B-Source nun sehr viele Privatbanken ansprechen, für die eine eigene Implementation von Avaloq bisher zu teuer gewesen ist und gleichzeitig noch mehr den Weltmarkt bearbeiten. "Wir haben die Pflicht, den Finanzplatz Schweiz zu stärken, dann können wir die Schweizer Banking-Expertise exportieren", so Fernandez mit etwas Pathos aber durchaus glaubwürdig an der Medienkonferenz.
Avaloq erstmals mit Fremdkapital, kein Ende des Wachstums
"Avaloq kann auch einmal eine SAP werden", so Fernandez' - für einen Schweizer Softwarehersteller verblüffend selbstbewusste - Antwort auf unsere Frage, ob es eine Grenze des Wachstums für seine Firma gäbe. Wichtig sei, die Firma Schritt für Schritt ("wie ein IT-System") zu entwickeln und immer wieder neu zu erfinden, so der gelernte ETH-Informatiker.
Der Kauf der Mehrheit an B-Source dürfte für Avaloq eben so eine "Neuerfindung" der Firma bedeuten, wie es zuvor etwa die rasante Expansion ins Ausland war. Bisher war Avaloq gemäss Fernandez bei einem Umsatz von 340 Millionen Franken letztes Jahr vollständig eigenfinanziert, nun sind "neue Strukturen" in die Bilanz gekommen, wie sich Fernandez ausdrückt.
BSI-Chef Gysi sagte seinerseits, die gebliebene 49-Prozent-Beteiligung seiner Bank an B-Source sei "ein gutes Investment". Es hänge vom Erfolg ab, ob BSI die Minderheitsbeteiligung später allenfalls verkaufen werde. Der Verkauf der Mehrheit, so Gysi, sei "eine Gelegenheit gewesen einen Return auf frühere Investitionen zu bekommen." Diese waren ja tatsächlich nicht immer gering. (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Avaloq ist Sponsor von inside-it.ch)

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