"Bei einem Konzern sitze ich im goldenen Käfig"

4. Mai 2021, 12:42
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Software-Ingenieur Rémi Lanvin wechselte vom Konzern zu Startups. Im Gespräch erklärt er, warum er Entwicklern trotz hoher Belastung seinen Weg empfiehlt.

Wer nach der Ausbildung als Entwickler oder Entwicklerin die Karriere plant, steht vor grossen Entscheidungen. Eine davon lautet: Will ich bei einem soliden Grossunternehmen anheuern oder doch lieber mein Glück bei einem Jungunternehmen suchen? "Ich würde immer wieder den steinigen, aber abenteuerlichen Weg der Startups wählen", sagt Rémi Lanvin, der beide Welten aus seiner Karriere kennt. Der Software-Ingenieur arbeitet heute als Engineering Manager beim 700-köpfigen Unicorn Personio in München und berät dort auch junge Entwickler, die am Anfang ihres Weges stehen.
Lanvin startete seine Karriere 2005 in Paris in der IT-Abteilung von TF1, dem grössten Fernsehsender Frankreichs. "Hier habe ich klare Strukturen und Methoden kennen gelernt, aber ich habe auch schnell gemerkt, dass man Angestellte je nach Ausbildung und Erfahrung in Schubladen steckt", sagt er im Gespräch und ergänzt: "Ich landete dort irgendwann in der falschen Box". Nach 2 Jahren kehrte er dem Unternehmen den Rücken.
Nach einem Zwischenhalt beim Netzwerkspezialisten BSO verschlug es ihn nach Helsinki, wo er 2010 als Software-Architekt beim Startup Developer's anheuerte. Dieses verfolgte damals den ambitionierten Plan, eine Plattform für Echtzeit-Analytics zu entwickeln. "Wir waren auf einem guten Weg, unsere Plattform nahm Gestalt an, als uns eines Tages die Hiobsbotschaft erreichte: Google habe seine Analytics mit Echtzeitfunktionen ausgestattet". Das bedeutete das Ende für Developer's.
"Es ist gut belegt, dass neun von zehn Startups nicht überleben", sagt Lanvin heute. Dennoch gründete er 2013 mit seinem Bruder die Firma Dmbook, die mobile Keys und virtuelle Assistenten für Hotels entwickelt. Diese wurde im Dezember 2020 schliesslich gekauft, über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Die beiden Geschichten zeigen, warum sich Lanvin einst "hohes Risiko, hohe Belohnung" auf die Fahnen schrieb. Heute geht er bei Personio selbst einen Mittelweg zwischen Startup und Konzern. Der Anbieter einer HR-Software ist mit reichlich Venture-Kapital versorgt: Allein in der letzten Finanzierungsrunde vom Januar hat das Unicorn 125 Millionen Dollar gesammelt.

Work-Life-Balance und Lifestyle bei Startups

"Klar, bei Grossunternehmen gibt es auch viele Vorteile", sagt Lanvin und nennt die Sicherheit von Arbeitsplatz und Einkommen. Zudem könne man in den klaren Strukturen oftmals rasch lernen, bekomme Einsichten in die Entwicklungsprozesse in grossen Projekten und habe Zeit für tiefergehende Analysen. Auch sei es deutlich einfacher sein Verhältnis von Freizeit und Arbeit, die berühmte Work-Life-Balance, mehr in Richtung "Life" auszutarieren. "Bei den Startups habe ich gerne mal 80 bis 100 Stunden in der Woche gearbeitet", sagt er und fügt an, dass bei TF1 mit den klaren französischen Gesetzen eher 35 Stunden die Regel waren.
"Aber", so ergänzt er rasch, "bei den Startups war viel Energie drin, die Arbeit selbst habe ich nicht als mühselig empfunden, im Gegenteil fühlte es sich wie ein Lifestyle an". Die Energie stammt allerdings auch aus äusseren Quellen, nämlich der ständigen Drohung, dass man die Ziele nicht erreicht oder ein Konkurrent schneller ist, räumt Lanvin ein. Man müsse einiges an Passion mitbringen und mit der unsicheren Situation umgehen können, dann winkten viele Vorteile: Etwa ein zusammengeschweisstes Team und eine hohe Belohnung im Falle des Erfolgs. Schliesslich lebt die Startup-Welt auch davon, dass sich Mitarbeiter am Geschäft beteiligen können.
Lanvin würde sich wieder für das Startup entscheiden, weil dort seiner Meinung nach, die ganz grosse technologische Pionierarbeit geleistet wird und persönliche Herausforderungen warten.

Das Dilemma der Innovatoren und das Abenteuer Startup

Aber gibt es das nicht auch bei Google und Co.? Lanvin räumt ein, dass er vor allem die Strukturen von TF1 kenne, die vielleicht typischer für Konzerne aus der alten Welt seien. Er verweist aber auf das "Innovator's Dilemma", das der Ökonom Clayton M. Christensen bereits 1997 in einem viel beachteten Buch festgehalten hat: Eine Erfindung katapultiert ein Unternehmen an die Spitze, dann wird es durch Grösse und Strukturen behindert, wenn seine Schöpfung zum Standard wird. Ein bekanntes Beispiel ist Nokia, das mit dem Smartphone die Welt auf den Kopf stellte, aber in jenem Bereich schliesslich ins Hintertreffen geriet. Firmen haben versucht, dem entgegenzuwirken, indem sie intern Startup-ähnliche Teams einrichten oder erfolgreiche Jungunternehmen einfach aufkaufen.
Die Firmen-Struktur sei aber nicht das einzige Hindernis sagt Lanvin und richtet seinen Blick wieder auf die Karriere des Entwicklers: "Ein Freund von mir hat nach dem Studium bei Google angeheuert, wir waren etwas neidisch, weil er wirklich viel verdiente". Nun habe dieser Freund aber etwas Neues suchen wollen und festgestellt: Er kennt nach vielen Jahren beim Tech-Konzern fast ausschliesslich dessen Tools und Methoden. Lavin unterstreicht, dass er auf seinem eigenen Berufsweg immer wieder über seinen Horizont hinausschauen und Neues erlernen musste – oftmals in Eigenregie.
Das könne auch im Lebenslauf ein Vorteil sein, auch wenn kein grosser Name drinstehe. Denn eine 10-jährige Karriere bei Google sehe auch plötzlich nicht mehr so hervorragend aus, wenn nicht das ganz spezifische technische Know-How gefragt sei. "Ich sehe häufig, dass die Angestellten von Konzernen zwischen den grossen Firmen hin und her wechseln", so Lanvin. Das sei auf keinen Fall generell schlecht, er selbst würde sich allerdings wie in einem goldenen Käfig fühlen. "Aber es ist letztlich natürlich eine Frage des Typs und der Lebenssituation, ob man sich für das Abenteuer Startup entscheidet oder ob man bei den Grossen anheuert".

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