'Blick' beweist: Kritik an Street View berechtigt

1. September 2009, 14:27
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Gestern zeigte 'Blick online' ein Bild aus Google Street View und behauptete, man könne einen Drogenhändler und drei junge Frauen als Kundinnen darauf sehen. Heute folgt die Entschuldigung.

Gestern zeigte 'Blick online' ein Bild aus Google Street View und behauptete, man könne einen Drogenhändler und drei junge Frauen als Kundinnen darauf sehen. Heute folgt die Entschuldigung.
Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür liegt mit seiner Kritik an Google Street View richtig. Der Beweis, dass Googles Dienst, der 180-Grad-Fotos von Strassenzügen mit geografischen Informationen verbindet und damit "virtuelle Spaziergänge" ermöglicht, die Privatsphäre von abertausenden von Menschen gefährdet, lieferte gestern ausgerechnet die Boulevard-Zeitung 'Blick'.
Gestern brachte das Blatt online eine Geschichte ("Polizei jagt Dealer auf Google Street View"), die im Wesentlichen aus einem Screenshot aus Google Street View sowie vielen vielen Mutmassungen und Verdächtigungen bestand. Blick behauptete, man sehe auf dem Foto aus Street View einen "obskuren Typen mit roter Baseballmütze", der "drei jungen Mädchen Päckchen" zustecke. Die schnelle Schlussfolgerung des Blatts: Street View habe sehr wahrscheinlich einen Drogenhändler in voller Aktion erwischt. Dass die Stadtpolizei, wie sie es bei Hinweisen immer tut, auch diesem nachgehen wolle, machte das Blatt dann gleich zum Titel.
Heute nun muss sich 'Blick online' bei den drei abgebildeten (und anhand der Kleidung für Bekannte durchaus identifizierbare) jungen Frauen entschuldigen: "In diesem Artikel haben wir Informationen publiziert, die nicht recherchiert waren und auf nicht gesicherten Annahmen beruhten. Wir haben mit den abgebildeten Frauen gesprochen und entschuldigen uns für diese Fehlinformationen." Die Entschuldigung macht die Sache nicht wirklich besser, denn bei Abertausenden von GelegenheitsleserInnen dürften sich das Bild der jungen Frauen als Drogenkonsumenten und des "obskuren Typen" als Drogenhändler eingeprägt haben.
In Wirklichkeit hatten die Angestellten einer Werbeagentur übrigens von dem jungen Mann einen Gutschein für ein Restaurant erhalten. Das Quartier, die Lage der Szene (Eingang in einen Hinterhof) und die Phantasie des 'Blick'-Journalisten besorgten den Rest...
Jeder sein eigener Spitzel
Google Street View ist zweifellos eine faszinierende Sache. Doch Tatsache bleibt, dass viele Personen und Sachen - zumindest für mit den Umständen Vertraute - erkennbar bleiben. Eine goldene Gelegenheit für alle, die gerne schnüffeln und Dinge wissen möchten, die andere ihnen verheimlichen wollen. "Was macht der Dienstwagen meines Mannes da in der Nähe des Bordells?" "Was hat meine Angestellte xy in der Einkaufsstrasse zu suchen, wo sie doch krank gemeldet war?" "Aha, Nachbar Meier hat wieder die Müllmarke nicht aufgeklebt!"
Es wird zwar (hoffentlich!) die Ausnahme bleiben, dass eine Zeitung Screenshots aus Google Street View veröffentlicht und dazu gleich noch Verdächtigungen konstruiert. Doch die Verantwortung dafür einfach dem 'Blick' zuzuschieben, genügt nicht. Tatsache ist, dass die schiere Menge der Fotos sowie deren Verknüpfung mit geografischen Informationen ein Problem für die Privatsphäre in der Schweiz darstellt.
Dass Schweiz Tourismus, viele Gemeinden und Firmen wie Homegate Google Street View eine gute Sache finden, ändert daran nichts. (Christoph Hugenschmidt)

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