Blockchain: Ist nach dem Hype vor dem Durchbruch?

16. September 2020, 15:18
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An der Konferenz "Blockchain 2020" zeigte sich nicht nur, was aus dem Hype wurde, sondern das grosse neue Thema: Digitale Identität.

Der Blockchain-Hype ist vorbei, der Markt ist 2019/2020 global geschrumpft, es gibt nicht viele Firmen, die in der Schweiz eine Blockchain wirklich bauen können und funktionierende "Ökosysteme" noch weniger.
Dies scheint der Ist-Zustand zu sein, den die Redner, die alle nichts mit Kryptowährungen und schicken Powerpoint-Präsentationen anfangen können, an der Konferenz "Blockchain 2020" aus Sicht der produzierenden Industrie festhielten.
"Interessantere Blockchainfälle sind nicht primär in der Finanzindustrie zu finden, sondern in Energie, Mobilität und im öffentlichen Bereich", postulierte Professor Nils Urbach vom Fraunhofer Institut einleitend.
"2018 versuchten Firmen, Lösungen für Probleme zu finden, die sie noch gar nicht hatten. Nun ist die Essenz geblieben", machten auftretende IT-Dienstleister sich und den Teilnehmenden aus unterschiedlichen Industrien Mut.
Das aktuelle Zauberwort beim Verkauf und dem Einsatz von Blockchain-Lösungen laute nun "Vertrauen". Vertrauen ist gut, Vertrauen kann man haben, Vertrauen ist zwingend.
Und die Essenz der Blockchain, das seien vergleichsweise überschaubare Projekte und Initiativen, die tatsächlich ein Problem lösen können. Im Bereich Mobilität überzeugte einmal mehr der Schweizer Verein "Cardossier" – ein Konglomerat von Autohändlern, Versicherern und Behörden – mit einem gut erklärbaren Geschäftsmodell und einer nachvollziehbaren Erklärung, warum dafür eine Blockchain eingesetzt werden soll und welche. Beziehungsweise sei es eben gar keine Blockchain, sondern DLT auf Basis von Corda mit verteilter Governance. "Wir verteilen nicht alle Daten auf alle Knoten, das ist fundamental anders", hielt der Cardossier-Vertreter fest.
Dabei lernten die Partner, dass der Teufel im Detail steckt: Sie mussten von Hyperledger auf Corda wechseln, um ihre Pläne umsetzen zu können.
Corda von R3, für die Finanzindustrie optimiert, scheint sich als eine der führenden technologischen Basen zu etablieren. Hyperledger ist im Bereich "permissioned Blockchain" mit einer grossen Community im Rücken und Support von IBM als Open-Source-Projekt relevant und als "Public Blockchain" ist Ethereum eine feste Grösse geworden, zeigte sich in Referaten und Gesprächen.
Immerhin.
Die Konsolidierung der Blockchain als einigermassen solide Basis für Applikationen ist das eine. Das andere: An vielen Ecken und Enden gibt es auch 12 Jahre nach der "Erfindung" grosse Baustellen. An Standardisierungen (Governance, Interoperabilität, Security) wird jedoch bei den grossen Organisationen (W3C, ISO u.a.m.) gearbeitet, an Daten-Standards und Referenzarchitekturen ebenfalls und die Communities seien gross und sie würden ihre präferierten Projekte vorantreiben.
Immerhin.
Es gebe auch in allen Branchen viele Ideen, PoCs und Pilotprojekte, wenn auch oftmals mit unterschiedlichem Fokus, wie ein Energie-Vertreter bedauerte.
Immerhin.
Geblieben sind die Feinde der Initiativen und Projekte: Die Intermediäre halten nichts davon, mit Fressfeinden im Ökosystem zu kooperieren, sie könnten ja gefressen werden. Die heterogene Datenqualität bei wichtigen Stakeholders ist eine weitere (Stichwort "Garbage in, garbage out") und die Jugendlichkeit der Technologie und der Mathematik seien nach wie vor spürbar.

Das dräuende Kernproblem: Die Digitale Identität

Eine ganz grosse, bis anhin wenig diskutierte Herausforderung zeigt sich jetzt immer deutlicher und sie war in praktisch jedem Referat ein Thema: Die digitale Identität.
Dabei geht es nicht um eine Authentisierung eines Garagisten oder den Personalausweis auf dem Handy. Es geht um Identitäten von Menschen und Dingen, seien es Gebäude, Maschinen, Rollstühle, Konzerttickets und ohne diese könne man keine grösseren Probleme wirklich lösen. Geschweige denn das technologische Potential wirklich nutzen.
Und, ein einleuchtender Anspruch, diese digitale Identität - verlässlich und abgesichert - muss auf X Business Cases und auch in andere Blockchains übertragen werden können.
"Self-Sovereign Identity" (SSI) lautet das Stichwort dahinter und die Fragezeichen in den Gesichtern vieler Gäste sprachen Bände. Derweil versicherten die Sachkundigen, die Technologie sei nicht das Hindernis, im Gegenteil, diese sei verfügbar oder zumindest im Entstehen begriffen. Pilotprojekte und Anbieter ebenso.
Swisscom, wie immer und überall auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, präsentierte eine auf SSI basierende Lösung ihrer Blockchain-Tochter.
Auf einer anderen, übergeordneten Ebene hingegen argumentierte Claudia Plattner, CIO bei der Digitalfirma der deutschen Bahn, DB Systel. "Wir dürfen nicht zu klein denken". Sie warb für eine gesamteuropäische Lösung, eine "MasterID", und verwies auf einen Online-Demo-Use Case.
"Es lohnt sich gross zu denken" prognostizierte sie in ihrem Appell, der in spürbarem Kontrast zur Stimmung am Rande dieses 'Finanz und Wirtschaft Forum' stand. Vertreter der Schweizer MEM-Industrie zeigten sich nüchtern-neugierig, während ein Blockchain-Lösungs-Anbieter die Geschäftsentwicklung als "mau" bezeichnete.

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