Blutiges Geschäft mit Elektronik

25. Oktober 2013, 15:05
  • politik & wirtschaft
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Der Anspruch auf Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe sei ein falscher Ansatz: Ausgerechnet ein Kadermitglied des Weltkonzerns Philips machte an einer Konferenz zur Vermeidung von "Konflikt-Rohstoffen" in Bern den stärksten Punkt.

Der Anspruch auf Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe sei kein ausreichender oder sogar ein falscher Ansatz: Ausgerechnet ein Kadermitglied des Weltkonzerns Philips machte an einer Konferenz zur Vermeidung von "Konflikt-Rohstoffen" in Bern den stärksten Punkt.
"Wieviel Blut steckt in unseren Computern und Handys?" Die Antwort, versichert Jan-Willem Scheijgrond (Foto), Global Head of Government Affairs beim Weltkonzern Philips, kenne niemand. "Wer behauptet, in seinem Produkt seien garantiert keine Konflikt-Rohstoffe, lügt", sagte Scheijgrond. Konflikt-Rohstoffe geladen hatte.
Scheijgrond war einer von von neun Referenten und neben Fabian Etter von Swisscom der einzige Vertreter der Industrie. Mit einer unbeschönigenden Darstellung aber machte er deutlich, dass zur Eindämmung von Konflikt-Rohstoffen nicht einfach die grossen Hersteller von Elektronikprodukten in die Pflicht genommen werden können. Die würden zwar reagieren, aber nicht auf eine Weise, die den betroffenen Regionen wirklich hilft. Angesichts der Komplexität der Produktionskette – typischerweise stecken vom Mineur über den Händler bis zur Hütte, Rohstoffhändler und dem Komponenten-Produzenten sieben Stufen in der Kette bis zum Produkt – führe eine Forderung nach totaler Transparenz letztlich zu einem Embargo für die betroffenen Regionen: Weil nach amerikanischer Gesetzgebung (Dodd–Frank Act) in den USA börsenkotierte Unternehmen für diverse Rohstoffe die Herkunft bis auf die einzelne Mine genau dokumentieren müssen (mittels Due-Diligence-Verfahren und Standard-Formularen), machten viele Konzerne ganz einfach einen grossen Bogen um Rohstoffe aus bestimmten Gebieten. Das sei der Weg des geringsten Widerstands und typisch für gewinnorientierte Konzerne, sagte Scheijgrond, aber es diene in keiner Weise der Verbesserung der Situation.
Faktischer Boykott macht Kongo zu schaffen
Ganz im Gegenteil, wie Rohstoffexperte Gabriel Kamundala Byemba von der katholischen Universität Bukavu am Beispiel des Ostkongos darlegte: Die häufig von kleinen, ländlichen Gruppen in den Bergen betriebenen, abertausenden von kleinen Minen stellten seit Jahrzehnten einen wesentlichen Anteil des kongolesischen Bruttosozialprodukts, und der faktische Boykott durch die Abnehmer aus Furcht vor Imageverlusten bei den Konsumenten habe auf die Bevölkerung der kriegsversehrten Region zusätzlich verheerende Auswirkungen.
Der Anspruch des US-Gesetzes, zuhanden der Verbraucher Transparenz zu schaffen, führe nur dazu, "dass wir viele unserer 300'000 verschiedenen Produkte direkt mit einer Mine im Kongo verbinden müssten – in einem Transparenzverfahren, dessen Anspruch nicht erfüllbar und das bürokratisch ist und an dem sich zudem Leute bereichern, die mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben", sagte Scheijgrond. Das Gesetz sei eine gute Idee, die schlecht umgesetzt sei, so Scheijgrond. Philips halte dessen Grundsätze ein, unterstütze aber zudem andere, besser funktionierende Ansätze, welche die betroffenen Regionen nicht mit einem faktischen Embargo belegen. "Dabei muss einem klar sein, dass allen Massnahmen zum Trotz irgendwann ein Bild von Kinderarbeit in einer der geprüften Minen auftauchen wird, von denen man Material gekauft hat", gab sich Scheijgrond realistisch. "100-prozentige Absicherung gibt es nicht." Jedenfalls seien die Deklarationsauflagen an die Hersteller nicht der beste Ansatz, diese anzustreben.
Umwelt- und Konsumentenschutzorganisationen sehen das naturgemäss anders: Tim Steinweg vom Centre for Research on Multinational Corporations SOMO legte dar, dass eine Untersuchung von fast 200 europäischen Unternehmen ergeben hat, dass sich ein geringer Bruchteil von jenen, die dem Dodd–Frank Act nicht direkt unterstehen, freiwillig an dessen Auflagen halten oder wenigstens in Teilen versuchten, Transparenz zu Handen der Konsumenten zu schaffen. Das US-Gesetz liefere offenbar den nötigen Druck, um Konzerne zum handeln zu bringen.
Fabian Etter, Leiter Corporate Responsability bei Swisscom, steuerte dazu die Anekdote der Entstehung des Umwelt-Rankings für die Smartphones im Swisscom-Sortiment bei. Intern habe man sich damals gefragt, ob Swisscom die Daten für diese Rangliste nach Stromverbrauch, grauer Energie etc. von den Herstellern erhalten werde. Man erhielt sie von allen Herstellern, ausser von Apple: Aber nach einem Bericht über das Abseitsstehen des Computerkonzerns im 'Tages-Anzeiger' habe der Schweizer Apple-Chef persönlich bei Swisscom angefragt, welche Daten man denn brauche. "So kann Swisscom als vergleichsweise kleiner Player Wirkung bis nach Kalifornien entfalten", freute sich Etter. Ansonsten allerdings setze das Telekomunternehmen auf eine Kooperation mit insgesamt neun anderen Telekomunternehmen aus Europa, die zusammen Standards definieren, welche Zulieferer einhalten müssten, Audits in Auftrag gäben und eine koordinierte Eskalation in jenen Fällen unternehmen, wo Handlungsbedarf bestehe.
Dass die Dienstleister einen Teil der Verantwortung übernehmen, tut not, wie zuvor der Generalsekretär der Westschweizer Konsumentenorganisation, Mathieu Fleury, dargelegt hatte. Denn sie und ihre Mitglieder hätten längst eine neue Dimension im Informationsauftrag, der nicht mehr nur die Qualität der Produkte, sondern auch die Umstände und die Ethik in der Herstellung umfasse. Die Konsumenten müssten ermächtigt werden, Ihre Verantwortung wahrzunehmen – womit sie allerdings auch immer mehr überfordert werden könnten.
Umwelt-Ranking und Fairphone
In diese Bresche wollen Aktivisten wie der Holländer Bas Van Abel springen. Als Unternehmer hat er aufgrund seiner eigenen Betroffenheit das Startup Fairphone für die Herstellung eines weitgehend unter fairen Bedienungen hergestellten Smartphones ins Leben gerufen – und mit Vorausverkäufen von 10'000 Stück eines damals noch nicht einmal im Ansatz existierenden Telefons via Crowdfunding finanziert. "Auf Reisen in den Kongo habe ich begriffen, dass es keine 'faire' Mine gibt, auf Reisen in China, dass es keine 'faire' Fabrik gibt." Aber durch ein direktes Engagement und eine ständige Kontrolle der Bedingungen vor Ort könne seine Initiative wenigstens ein gehobenes Mass an ethischen Umständen in der Produktion gewährleisten. Van Abel machte indes keinen Hehl daraus, dass er sich mehr als Aktivist und seine Unternehmung als Druckmittel auf die grossen Konzerne denn als Unternehmer sieht. "Wir treffen die Leute von Apple, Samsung und HTC an den Konferenzen. Wir reden mit ihnen. Und wir mögen sie, und sie mögen uns", so seine Antwort auf die Beziehung zu den "Konkurrenten". Die Plastikteile des Fairphones, sagte Abel weiter, bestünden aus einem Rohstoff aus rezykliertem PET – aus einer Fabrik von Samsung.
Damit sich im grossen Stil etwas ändern wird und Garantien bestehen, auf die man sich auch als Konsument verlassen könne, machte vor allem Willem Scheijgrond deutlich, brauche es einen Einsatz von politischen Mächten auf internationaler Ebene. So hatte sich Philips auf Einladung des niederländischen Aussenministeriums bereit erklärt, im Kongo Zinn zu höheren Preisen als anderswo einzukaufen – aus garantiert kontrollierten Minen. Er wie Van Abel bestätigten dazu aber auch die Einwürfe aus dem fachkundigen Publikum, dass solche Minen mal ein paar Monate in Ordnung seien und dann wieder unter den Einfluss einer der Konfliktsparteien geraten könnten. Van Abel sagte dazu, dass solche Label-Garantien ohnehin fragwürdig seien, weil schon "unsere Definition von fair dynamisch ist und sich wandelt."
Kontrollen im Flaschenhals
Der beste Punkt, an dem angesetzt werden könnte und wo internationale Abkommen und politische Massnahmen greifen müssten, sagte Scheijgrond, sei der einzige Engpass in der Produktionskette der Rohstoffe: Die Hütten (Smelter), in denen die Rohmaterialen für den internationalen Weiterverkauf veredelt werden. Denn von ihnen gibt es weltweit nur einige Hundert, während es Abertausende von Minen und umgekehrt auch Tausende von Verarbeitern der Rohstoffe gibt. Die Hütten seien wesentlich besser in der Lage, direkte Beziehungen zu den Lieferanten und den Minen zu unterhalten. Einer Aufforderung des Internationalen Industrieverbands EICC an alle Hütten, sich einem Audit nach gewissen Standards zu unterziehen (conflict free smelter program), seien aber die wenigsten der Betriebe nachgekommen oder hätten auch nur darauf geantwortet.
In Anbetracht des Umstandes, dass sich ein grosser Teil der Hütten in China und dort in Staatsbesitz befindet, sei das nicht weiter verwunderlich, aber jedenfalls ein Ansatzpunkt, an dem am meisten bewirkt werden könnte, sagt Scheijgrond. (Peter Sennhauser)

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