Brief aus der Kleinunternehmer-Hölle, II

28. März 2008, 13:56
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
Kleinunternehmer haben es schwer. Sie schmoren in der Steuerhölle (wenn sie Gewinn machen), haben Probleme mit Mitarbeitenden, müssen sich mit dumm-dreisten Versicherungen und Banken herumschlagen und arbeiten dafür erst noch länger als alle anderen. Am schlimmsten ist aber die Kleinunternehmer-IT-Hölle. Nachdem wir letzten Donnerstag die Abenteuer von Kleinunternehmer Hungerbühler mit Microsoft Accounting, Vista und so schildern durften, folgen diese Woche die Qualen von Kleinunternehmer Surber (wirklicher Name der Redaktion extrem bekannt). Herrn Surber hat es wirklich hart getroffen, ob er sich wohl mal beraten lassen sollte? Aber urteilen Sie selbst - hier sind seine eigenen Worte:
Kleinunternehmer Surber in der Stift-Hölle
Vor zwei Jahren haben ich mich entschlossen, einen Tablet PC anzuschaffen. Der steigert die Produktivität enorm. Flink mit dem Stift ein paar Termine koordinieren, dem Kollegen eine Zeichnung schicken, so begreift er schneller, was ich meine. Das alles ist mit so einem Tablet PC möglich. Just diesen Stift habe ich nun verloren. Dahin ist die Produktivität. Ich muss wieder tippen, kann nicht mehr zeichnen. Kauf ich halt wieder einen Stift, dachte ich mir. Online natürlich, das ist produktiver für alle. Doch oh Schreck: kein Onlineshop der Welt weist mehr als 0 (NULL) Lagermenge aus.
"Besuchen Sie uns nächste Woche wieder. Der Artikel ist im Moment nicht verfügbar." Diesen Satz habe ich auf Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch gelesen. Beim Hersteller im Call-Center erhalte ich aber eine Telefonnummer aus Deutschland mit der Bemerkung: "Die managen für uns die Ersatzteile." Denkste.
Nach mehr als 30 Versuchen, gebe ich auf und rufe nochmals beim Hersteller an. Diesmal aber im Headquarter. Dort erhalte ich eine andere Telefonnummer für Deutschland, dort eine Telefonnummer in der Schweiz, dort nochmals eine Schweizer Nummer – und endlich fühlt sich einer verantwortlich. Er fragt zuerst: "Aus welchem Land rufen Sie an?" Aus der Schweiz. Mir wird jetzt eine URL-Adresse diktiert. Dort gibt es ein Formular. Ich tippe die Seriennummer (sie ist unten am Tablet PC angebracht), die Kundennummer, meine Adresse, Telefonnummer, den Gerätetyp. Es klappt. Ich komme auf eine zweite Seite und darf hier nach dem gewünschten Ersatzteil suchen.
Zum Glück kenne ich mittlerweile die Artikelnummer, denn der Produktname hilft bei der Suche nicht weiter. Ich erhalte eine Bestätigung meiner Reparaturanfrage (sic!) und zwei Stunden später einen "Kostenvoranschlag" per E-Mail-Attachment. Den darf ich unterschreiben und "NUR in schriftlicher Form" zurückschicken. Sollte ich die Reparatur (ich wollte nur ein Ersatzteil beschaffen) nicht ausführen wollen, so verrechnet der Hersteller 115 CHF + MwSt. für die Erstellung des Kostenvoranschlags. Der Kaufpreis für den verlorenen Stift beträgt 74.55 CHF inkl. Versandkosten und MwSt. Das Ding kostet in der Herstellung wahrscheinlich etwa zwei Rappen. Es ist nur ein Stück Plastik – dem Aussehen nach nicht von einem Designer gestaltet, dessen Kreativarbeit den Preis noch hätte in die Höhe treiben können. Ich sitzt nun da mit dem Kostenvoranschlag.
Damit ging ich dann zu meinem IT-Leiter. Er meinte dazu, was er immer meint: Füllen Sie zuerst unser 30-Seitiges Projektantragsformular aus. Ich schicke dann dem Lieferanten unsere Standardausschreibung. Wir müssen zuerst eine Eignungsprüfung machen, um festzustellen, ob der Lieferant unseren Ansprüchen genügt. Das muss er aber nur einmal machen. Wenn wir dann wieder einmal so einen Stift brauchen, dann können wir über die Lieferantennummer direkt eine Bestellung auslösen. Sagen Sie mir: Soll ich den Stift kaufen?~~ (Das Zeugnis aus der Kleinunternehmer-IT-Hölle wurde von Christoph Hugenschmidt aufgezeichnet)

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