Britisches E-Health-Projekt ein Milliardengrab

20. Mai 2011, 09:54
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Das Milliarden-Projekt einer digitalen Patientenakte in Grossbritannien wird seit Jahren von Problemen geplagt. Der britische Rechnungshof sieht ganz viel Geld nutzlos verlocht und glaubt nicht, dass sich das ändern wird.

Das Milliarden-Projekt einer digitalen Patientenakte in Grossbritannien wird seit Jahren von Problemen geplagt. Der britische Rechnungshof sieht ganz viel Geld nutzlos verlocht und glaubt nicht, dass sich das ändern wird.
Die Einführung einer digitalen Patientenakte in Grossbritannien durch den nationalen Gesundheitsdienst NHS gilt als das weltweit grösste und problemgeplagteste publiziert. Demnach hat das Projekt seit dem Start im Jahr 2002 6,4 Milliarden britische Pfund (9,16 Milliarden Franken) verschlungen, was mehr als die Hälfte der insgesamt budgetierten 11,4 Milliarden Pfund (16,4 Milliarden Franken) ist. Von den ambitiösen Plänen, die Krankenakte auf Papier zu eliminieren, ist allerdings erst ein Bruchteil umgesetzt.
Im Grundsatz sieht das Projekt zwei Systeme vor: Erstens die so genannte Summary Care Record, eine nationale Datenbank mit Basisinformationen aller erfassten Patienten, die dem Gesundheitspersonal im ganzen Land zur Verfügung stehen würde. Zweitens die Detailed Care Record, die vollständige, detaillierte Krankengeschichte eines Patienten, die dem behandelnden Allgemeinpraktiker und dem lokalen Spital zugänglich wäre.
Massive Abstriche, minimale Einsparungen
Beide Projektteile sind, so die Rechnungsprüfer, massiv verzögert und bisher im Alltag nicht brauchbar. Fazit des NAO: "Es werden deutlich weniger Systeme implementiert bei gleichbleibenden Kosten." Die IT-Partner Accenture, BT, Computer Sciences Corporation und Fujitsu haben zum Projektbeginn je einen Zehnjahresvertrag mit der NHS abgeschlossen.
Die NHS hat die Ansprüche jetzt heruntergeschraubt und will die bestehenden Systeme nicht auf einen Schlag ersetzen. Auch bei der Anzahl der angeschlossenen Praxen und Spitäler wurden Abstriche gemacht. In der Region London beispielsweise wurden über 1000 Arztpraxen, das Rettungswesen und die Hälfte der staatlichen Spezialpraxen (acute trusts) gestrichen. Damit wurden allerdings nur 73 Millionen Pfund (knapp 105 Millionen Franken) gespart, weil die NHS massive Nachbesserungen bezahlen musste.
"Diese Reduktionen bedeuten, dass das Ziel einer digitalen Patientenakte für jeden NHS-Patienten nicht erreicht werden wird", kommentiert das NAO und legt den Finger damit auf ein faktisches Scheitern des Projekts.
Keine Besserung in Sicht
Eher ordnungspolitischer Natur ist die Kritik der Rechnungsprüfer an der NHS, dass sie von den ausgegebenen 1,8 Milliarden Pfund (2,5 Milliarden Franken) für die beiden Projekte nicht nachweisen konnte, welches wie viel gekostet habe. Auch habe das Departement auf Nachfrage des NAO zwar Zahlen geliefert, diese seien aber wegen einer anderen Methodologie nicht vergleichbar mit den früheren Angaben gewesen. "Unser erster Eindruck ist, dass die Risikoeinschätzung und die Angaben zum Fortschritt [durch die NHS] zu positiv ausfallen."
Bezüglich der beiden Patientenakten-Systeme kommen die Rechnungsprüfer zu einem vernichtenden Fazit: "Die bisher ausgegebenen 2,7 Milliarden Pfund für die Systeme für Patientenakten haben keinen entsprechenden Wert für [das Gesundheitswesen] gebracht und wir haben keinen Grund zur Annahme, dass das für die weiteren budgetierten 4,3 Milliarden Pfund anders sein sollte." (Philippe Kropf)

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