Bund-Bashing und Microsoft-Missgunst

12. Mai 2009, 13:20
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Berichte über ausschreibungslose Auftragsvergaben des Bundes an Microsoft häufen sich. Überraschend ist höchstens der Zeitpunkt solcher "Enthüllungen". Nun springt auch der Gebrauchtsoftware-Händler Usedsoft auf den Protest-Zug.

Berichte über ausschreibungslose Auftragsvergaben des Bundes an Microsoft häufen sich. Überraschend ist höchstens der Zeitpunkt solcher "Enthüllungen". Nun springt auch der Gebrauchtsoftware-Händler Usedsoft auf den Protest-Zug.
Die 'Neue Zürcher Zeitung' hat heute erneut einen Fall einer ausschreibungslosen Auftragsvergabe des Bundes an Microsoft publik gemacht. Genau genommen geht es nicht um den Bund, sondern um den bundesnahen Betrieb SBB. Die Bundesbahnen haben, so berichtet die 'NZZ', im Mai 2006 (!) eine Lizenzverlängerung für Microsoft-Produkte im Umfang von 10,5 Millionen Franken im freihändigen Verfahren vergeben. Der Auftrag wurde, wie jener der Bundesverwaltung über 42 Millionen Franken, nicht öffentlich ausgeschrieben.
"Open Source zu teuer"
Nun stellt sich wie beim Fall der Bundesverwaltung wiederum die Frage, ob es rechtens war, den Auftrag nicht auszuschreiben. Anbieter von Open-Source-Software fühlen sich nämlich vom Wettbewerb ausgeschlossen. Liest man die Kommentare zu den Berichten, ist eine offene Microsoft-Missgunst zu spüren. Dem Bund wird zudem vorgeworfen, sorglos mit Steuergeldern umzugehen. Die Argumente der Auftraggeber sind indes immer die gleichen: Beim Bezug von Microsoft-Lizenzen handle es sich um Folgelieferungen, weil man bereits seit Jahren Microsoft einsetze. Open-Source-Lösungen könne man zudem nicht einfach ohne teure Anpassung der bestehenden IT-Umgebung einführen.
Bei der Beschaffung vom Mai 2006 handle es sich "im Wesentlichen um die Pflege von bereits im Einsatz stehenden Microsoft-Produkten und nicht um die Neubeschaffung von Lizenzen", wird SBB-Sprecher Roland Binz in der 'NZZ' zitiert. Diese umfasse "technischen Support sowie Upgrades von bestehender Software". Binz betont, dass der Einsatz von Open-Source-Software "eine neue Ausrichtung der gesamten IT-Strategie" bedinge und "nicht ohne erhebliche Anpassungen in der Basisinfrastruktur und den Geschäftsanwendungen erfolgen" könnte. "Die SBB haben diese Alternative untersucht und festgestellt, dass sich dadurch die Kosten nicht senken lassen, im Gegenteil", so Binz.
Die 'NZZ' zitiert zudem aus einem Sitzungsprotokoll des "Informatikrates Bund" von Ende März. In Bezug auf SBB und Post wird dort die Situation, die die Nicht-Ausschreibung von Informatik-Beschaffungen betrifft, als "nach wie vor nicht legal" bezeichnet. Ausgeschriebene Aufträge werden im Schweizerischen Handelsamtsblatt publiziert und Konkurrenten können gegen die Vergabe eine Beschwerde einreichen. Bei besagtem SBB-Auftrag ist das nicht geschehen. Beim 42-Millionen-Auftrag des Bundes soll es nun erstmals eine Beschwerde durch die Schweizer Open-Source-Community geben. Von dieser Möglichkeit hatten Schweizer Open-Source-Firmen bisher nicht Gebrauch gemacht.
Gebraucht-Software als Alternative
Es ist unklar, weshalb gerade jetzt jeder ausschreibungslose Microsoft-Auftrag des Bundes unter die Lupe genommen wird – vor allem wenn er drei Jahre alt ist. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten besonders stark auf Staatsaugaben geachtet wird. Microsoft-Konkurrenten wollen nun die Chance packen und auf die Vorzüge von Microsoft-Alternativen aufmerksam machen. Und das sind keineswegs nur Open-Source-Lösungen.
So teilt der Gebrauchtsoftware-Händler Usedsoft heute mit, dass in Deutschland Behörden Jahr für Jahr Millionenbeträge beim Software-Kauf einsparen, in dem sie auf (Microsoft-)Software setzen, die anderswo schon einmal verwendet wurde. Auch in der Schweiz habe bereits eine erste "Kommune" die Sparpotenziale von Gebraucht-Software für sich entdeckt: die Stadt Kloten. Usedsoft-Chef Peter Schneider wird in der Mitteilung in Bezug auf den 42-Millionen-Auftrag des Bundes mit der Aussage zitiert: "Hätte es eine öffentliche Ausschreibung gegeben, hätten wir ein hochattraktives Alternativ-Angebot vorgelegt, das vermutlich über 10 Millionen Franken unter dem jetzt bezahlten Preis gelegen hätte", behauptet er. Es scheint tatsächlich ein guter Zeitpunkt für Software-Anbieter, um sich als valable Microsoft-Alternative zu präsentieren. (Maurizio Minetti)

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