Bundesverwaltungsgericht hat definitiv genug von Open Source

31. Oktober 2008, 12:56
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Voraussichtlich Anfang 2011 wird das Bundesverwaltungsgericht die bestehende Open-Source-Umgebung durch Microsoft-Produkte ablösen. Das Bundesgericht in Lausanne bleibt hingegen bei seiner "zukunftsorientierten Informatik".

Voraussichtlich Anfang 2011 wird das Bundesverwaltungsgericht die bestehende Open-Source-Umgebung durch Microsoft-Produkte ablösen. Das Bundesgericht in Lausanne bleibt hingegen bei seiner "zukunftsorientierten Informatik".
Seit Juli 2007 ist klar, dass sich das Bundesverwaltungsgericht (BVGer) in Bern von der Open-Source-Umgebung des Lausanner Bundesgerichts trennen darf. Deshalb überrascht es nicht, dass das BVGer gestern entschieden hat, dass dies nun auch geschehen wird: Das BVGer wird auf Microsoft-Produkte wechseln, während das Bundesgericht bei Open-Source-Software bleibt.
Monatelanger Streit
Hintergrund: Im Frühjahr 2007 entbrannte ein Streit zwischen dem Bundesgericht und dem erst seit Januar 2007 existierenden BVGer. Das neue BVGer war aus der Zusammenlegung von drei Dutzend Rekurskommissionen und Beschwerdediensten entstanden. Die meisten dieser Bundesstellen arbeiteten mit Microsoft. Da das BVGer nun aber dem Bundesgericht unterstellt war, musste es auch die Informatik des obersten Schweizer Gerichts übernehmen. Beim BVGer war man aber von Anfang an gar nicht zufrieden mit der Open-Source-Umgebung des Bundesgerichts, das unter anderem StarOffice, Evolution, Nautilus-Dateimanager und verschiedene Eigenentwicklungen im Einsatz hat.
Im Juli 2007 einigte man sich darauf, dass das BVGer ab 2010 eine neue IT-Umgebung evaluieren darf. Damals rechnete man damit, dass zu diesem Zeitpunkt der Umzug des BVGer nach St. Gallen stattfinden werde. Mittlerweile ist klar, dass dies erst im ersten Halbjahr 2012 geschehen wird. Ein Wechsel zurück auf Microsoft-Produkte wird voraussichtlich Ende 2010 oder Anfang 2011 geschehen, wie BVGer-Präsident Christoph Bandli gegenüber inside-it.ch sagt. Zurzeit sei man auf der Suche nach einem Leistungserbringer. Wahrscheinlich werde man die heutigen Thin-Clients ersetzen, so Bandli. Ob man auf Windows Vista oder Windows 7 (das Anfang 2010 erscheinen soll) wechseln wird, konnte er noch nicht sagen. Das BVGer beschäftigt zirka 350 Personen und betreibt 430 PC-Arbeitsplätze.
Kosten für die Informatik
Bandli rechnet mit Investitionen von 5 Millionen Franken. Die zukünftigen Betriebskosten seien zwar noch nicht bekannt, doch eine vor einem halben Jahr durchgeführte Studie von PricewaterhouseCoopers habe ergeben, dass diese Kosten gleich hoch wie bis anhin oder sogar noch tiefer sein werden. Möglicherweise ergäben sich Synergien mit dem Bundesstrafgericht in Bellinzona, das schon länger Microsoft-Produkte einsetzt.
Das Bundesgericht bedauert den Entscheid des BVGer, "insbesondere wegen der damit verbundenen finanziellen und betrieblichen Nachteile", wie es in einer Mitteilung heisst. Es bleibt bei seiner "zukunftsorientierten Informatik", die jedoch laut einem Audit von KPMG gewisse Mängel aufweist. Das oberste Gericht betont aber die positiven Ergebnisse des Audits und weist zudem darauf hin, dass die Studie von PricewaterhouseCoopers einer gemeinsamen Informatiklösung von Bundesgericht und Bundesverwaltungsgericht ein jährliches Einsparungspotential von 1,8 Millionen Franken attestiert hatte.
Das Bundesgericht wird nun seinen Informatikdienst "der veränderten Ausgangslage entsprechend neu strukturieren." Sabina Motta vom Bundesgericht erklärt gegenüber inside-it.ch, dass damit Organisatorisches gemeint ist. Die für die IT zuständigen Personen sind jetzt für weniger Arbeitsplätze zuständig. Noch unklar ist, ob die Reorganisation zu einem Stellenabbau führen wird. Beim Bundesgericht sind zirka 250 Personen angestellt, es sind aber rund 450 PC-Arbeitsplätze im Einsatz. Mitte November soll es erste Gespräche mit dem BVGer geben, um Modalitäten der Übergangszeit festzulegen. (Maurizio Minetti)

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