CeBIT Tag 5 – Das Wochenende der langen Gesichter

13. März 2006, 17:07
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Ein tiefer Blick in die Gemütslage der CeBIT-Aussteller

Ein tiefer Blick in die Gemütslage der CeBIT-Aussteller.
Ein ewiges Thema rund um die CeBIT ist die Frage, ob die Anordnung der Messetage über ein Wochenende hinweg Sinn macht. Der Charakter der "Fachhandelsmesse" ist schon an den eigentlichen Händlertagen Donnerstag und Freitag, sowie Montag bis Mittwoch kaum konsequent durchzuhalten. Und für viele Aussteller sind die "Public Days" am Wochenende einfach nur eine Zeit- und Geldverschwendung.
Das Interesse der meisten Wochenendbesucher konzentrierte sich dann auch auf die Bereiche Unterhaltungselektronik, Flachbildschirme und PC-Hardware. Da viele Neuheiten schon seit Februar in der Fachpresse vorgestellt wurden, waren es vor allem Designerstücke wie der Taurus auf dem MSI-Stand, die zu Publikumsmagneten wurden. Ein komplett passiv gekühltes PC-Audiosystem mit Car-HiFi-Elementen sieht man dann doch nicht alle Tage.
Animierdamen und Dezibel
Während dessen fanden die Aussteller in den Softwarehallen oder bei den Banking-Solutions reichlich Zeit zum brancheninternen Fachsimpeln. Doch auch in den Hallen mit Besucherandrang war ein effektives Arbeiten nahezu unmöglich. Endkundenorientierte Promotion 2006 auf der CeBIT beschränkte sich auch dieses Jahr auf knapp bekleidete Animationsdamen und Dezibel. Wie Faschingsprinzen warfen die Hersteller Werbegeschenke unter die Menge und der Hauptpreis ging im Viertelstunden-Rhythmus an denjenigen, der am Lautesten die Antwort auf die Frage nach dem besten Was-auch-immer-Hersteller der Welt beantworten konnte. Nach dem vierzigsten Schlachtruf "VIA" oder "Nvidia", kann auch der geduldigste Aussteller das Geschrei nicht mehr ertragen.
Während also fast überall die Geschäftsleitung und das Management die Gelegenheit zur Flucht und einem Kurzaufenthalt bei Frau und Kindern nutzte, kämpfte das niedere Fussvolk mehr oder weniger erfolglos mit den Sammlern und Jägern, den Beutelratten und den Werbegeschenkfetischisten. (An unsere inside-it-Leser: Das ist Ausstellersprache. Sie sind ja damit sicher nicht gemeint.) Alles in der Hoffnung, dass es am folgenden Montag besser werde.
Es wurde Montag, aber es wurde nicht besser. Bislang konnte man die recht mässige Besucherbeteiligung noch immer auf Schnee und Glatteis schieben. Heute war es zwar selbst für die CeBIT zu kalt, aber trocken und eisfrei. An der gähnenden Leere auf der Autobahn bei der Anfahrt oder dem bequemen Wandeln in den Messegängen änderte das allerdings nicht das Geringste.
Was ist Qualität?
Gemäss der Halbzeitbilanz der Messeleitung kamen bisher 200'000 Besucher an die CeBIT, nicht viel weniger als letztes Jahr zur Halbzeit (206'000). Dafür sei – das ist die fast unvermeidliche Standardmeldung aller Messeveranstalter – die "Qualität" der Besucher, insbesondere der Anteil derjenigen Messe-Teilnehmer mit "hoher Entscheidungskompetenz für den Erwerb von IT-Produkten" wieder einmal gestiegen. Die Aussteller seien mehrheitlich zufrieden.
Unseren Gesprächen nach ist die Stimmung der Aussteller bezüglich der Quantität der Besucher aber eher mau. Die Qualität hängt wie immer lediglich vom Aussteller und seinem Produkt ab, aber die Chance auf zufällige Geschäftserfolge ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken. Hoffnung auf Besserung besteht auch nicht mehr. Der CeBIT Dienstag ist traditionell schon immer der schwächste Businesstag gewesen und am Mittwoch beginnen vor allem die taiwanischen Aussteller mit dem Abverkauf ihrer Ausstellungsstücke, was einmal mehr PC-Bastler und Schnäppchenjäger auf den Plan rufen wird, die zwar schön für die Besucherstatistik aber völlig unerheblich für die Unternehmensbilanzen sind.
Was bleibt, ist somit schon zwei Tage vor Messe-Ende die Frage, nach dem Sinn solcher Grossevents. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, dazu sind die vertretenen Branchen zu inhomogen. Aber abseits der Interviewmikrofone hört man immer öfter, dass sauber getrennte Marketing-Events, am liebsten über die Hausmessen der Distributoren für den nationalen Fachhandel, und bei öffentlichen Veranstaltungen für Zielgruppen, wie die Games Convention in Leipzig, bevorzugt werden.
Die CeBIT ist eine Mammutveranstaltung mit einem eigenen Sog-Faktor und einer beachtlichen trägen Masse. Sie wird nicht von heute auf morgen von der Bildfläche verschwinden und wir werden uns alle auch 2007 hier wieder treffen, aber in den Marketing-Budgets nicht nur der grossen Konzerne und Hersteller steht immer öfter ein rotes Fragezeichen hinter dem Termin Anfang März in Hannover. (Thomas Mironiuk)

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