Channel im "Credit Crunch"

23. Januar 2009, 12:38
  • finanzierung
image

Debitoren-Versicherer werden restriktiver und erhöhen die Preise. Eine hohe Liquidität wird damit zum Differenzierungsfaktor im Schweizer IT-Geschäft.

Debitoren-Versicherer werden restriktiver und erhöhen die Preise. Eine hohe Liquidität wird damit zum Differenzierungsfaktor im Schweizer IT-Geschäft.
2009 und wohl auch noch 2010 wird sich im Schweizer IT-Channel die Spreu vom Weizen trennen. Denn für Systemhäuser und Reseller wird es wesentlich schwerer, nicht nur Projekte zu gewinnen sondern diese dann auch zu finanzieren. Bei Informatik-Projekten liegen meistens einige Wochen zwischen dem Zeitpunkt, zu dem der Reseller seine Ware beim Disti oder Hersteller bezahlen muss und dem Eingang des Geldes vom Kunden.
Daniel Jäggli von Leuchter Informatik rechnet uns vor: Ein Reseller muss Projekte zwischen 30 und 90 Tagen finanzieren. Bei einem Jahresumsatz von beispielsweise 15 Millionen Franken braucht er also (theoretisch und maximal) 3,75 Millionen Franken an liquiden Mitteln, um seine Deals zu finanzieren. Es gebe zwar meistens Lösungen, so kann man seine Forderungen an einen Kreditgeber abtreten, doch verliert man dadurch auch Marge, da ja auch der Kreditgeber daran Geld verdienen will. Leuchter selbst hat gemäss Jäggli schon mehrmals für kleinere Reseller "die Bank gespielt", woraus sich dann auch wieder neue Geschäftschancen ergeben könnten.
Kreditversicherer schauen genauer hin
Eine wichtige Finanzierungsquelle sind Kreditversicherer, denn sie ermöglichen Distributoren und Herstellern, dem Reseller die Ware mit einer bestimmten Zahlungsfrist zu liefern. Doch eben die Versicherer schauen heute sehr viel genauer hin. Lucien Hofmann, Country Manager Schweiz des grossen Kreditversicherers Atradius: "Infolge der Wirtschaftslage ist die Nachfrage nach Kreditversicherungsschutz in der Schweiz sprunghaft angestiegen." Bevor Atradius einem Kunden mehr Kredit versichere, prüfe man die Bonität des Resellers. Dabei schaut Atradius nicht nur Branchentrends an, sondern ganz konkret auch die Geschäftszahlen und das vergangene Zahlungsverhalten des Kunden (Resellers).
Christian Pletscher, Risk Director bei Euler Hermes Schweiz, bestätigt: "Die Anforderung an die Transparenz liegt heute sicher höher als in der Vergangenheit." Gleiches hört man von AXA Winterthur, wo nicht nur die Bonität des Resellers, sondern auch diejenige des Endkunden geprüft wird.
Reseller müssen heute also früher und genauere Zahlen zu ihrem Geschäftsgang abliefern. Thomas Zimmerli von Steffen Informatik: "Der Markt ist eindeutig nervöser. Zum ersten Mal wollten die Kreditversicherer unsere Bilanz sehen." Ziemlich dramatisch sieht Joe Feierabend von Ingram Micro die Lage: "Neukunden zu versichern oder höhere Limiten zu bekommen ist ein Ding der Unmöglichkeit." Für alle Reseller werde es zur wichtigen Aufgabe, aktuelle und geprüfte Daten zur Geschäftslage zu liefern, so Feierabend. Reseller sollten sich bewusst sein, dass der Zugang zu Geld in den nächsten Monaten zu einem wichtigen Faktor werde und sich schon vor dem Start eines Projekts mit der Finanzierung beschäftigen und mit dem Distributor oder der Bank die Sachlage besprechen.
Also "aufmerksam, aber ohne Veränderung"
Etwas anders stellt Also-Schweiz-Chef Marc Schnyder die Lage dar. Der Kreditversicherer habe für Also weder die Konditionen verschärft noch die Prämien erhöht, weil Also seine Debitoren ab einer bestimmten Limite pauschal versichert. Zudem könne Also auch separat Projektfinanzierungen anbieten oder direkt an den Endkunden liefern und damit Finanzierung und Risiko übernehmen, während der VAR mit einer "Fee" entschädigt wird. Doch auch bei Also verfolgt man das Zahlungsverhalten der Kunden sehr genau. Schnyder: "Wir sehen es, wenn sich die Einhaltung der Zahlungsziele bei einem Kunden verschlechtern sollte."
Lob des Bargelds, Lob der Kontinuität
Markus Wullschleger von MTF sieht die Lage ähnlich: "Ein kleinerer Reseller, der wenig Liquidität hat, kann ein Millionen-Projekt heute nicht stemmen." Die MTFs so Wullschleger, hätten alle gesunde Bilanzen und ihre Projekte noch nie extern finanziert. Grosse Projekte, so der Leiter von MTF Schweiz, finanziere man teilweise über den Distributor, teilweise aus eigenen Mitteln. Sein Fazit: "Wir sind dem harten Wind nicht so stark ausgesetzt."
Sehr wichtig ist auch Kontinuität - wer lange im Markt ist und seine Rechnungen immer bezahlt hat, kann mit einem gewissen Vertrauensvorschuss rechnen. Daniel Jäggli: "Will man das Business machen, hat man entweder über langjährige Beziehungen viel Vertrauen zu seinem Geschäftspartner oder muss dann eine individuelle Lösung suchen."
Wer heute einen guten Mix zwischen Dienstleistungen und Infrastrukturprojekten und zudem genug Geld auf der Bank liegen hat, wird von der Krise vielleicht sogar profitieren können. Steffen-Finanzchef Zimmerli: "Wir haben eine gute Substanz und verkaufen zudem viel Dienstleistungen auch im ERP-Bereich. Davon können wir nun profitieren." Auch Jäggli glaubt, dass ein Reseller, der genügend Geld gebunkert hat, heute Vorteile hat. So kann er mit Skonti die Marge verbessern und "sicherer und selbstbewusster im Markt auftreten".
Branche vor Strukturbereinigung
Wirklich gefährlich könnte es aber für Firmen werden, deren Übernahme durch Kredite finanziert wurde, die wiederum dem Kaufobjekt aufgebürdet wurden ("leveraged buyout"). So schreibt Pletscher: "In diesem Zusammenhang werden Management Buyouts mit ausgeprägtem Leverage (Verschuldung, die Red.) heute kritischer beurteilt als in der Vergangenheit. Das gilt grundsätzlich auch für Konstrukte im Bereich Private Equity."
Damit wird die Kreditkrise einen für viele ausgesprochen unangenehmen Nebeneffekt haben: Nachfolgeregelegungen über Management Buyouts werden fast unmöglich.
Generell werde die Nachfrage im IT-Markt sinken, so Pletscher. Sein Fazit: "Die Strukturbereinigung wird sich in der IT-Branche weiter intensivieren." (Christoph Hugenschmidt)

Loading

Mehr zum Thema

image

Helvetia investiert in einen Flotten-Manager

Über seinen Venture Fund beteiligt sich der Versicherer an Urban Connect. Das Zürcher Startup bietet B2B-Lösungen für das Flotten­-Management.

publiziert am 22.11.2022
image

Neuer Schweizer Fonds für Frauen-geführte Tech-Startups

Der Equity Fonds Privilège stellt 20 Millionen Franken für die Förderung von Tech-Startups bereit. Im Visier stehen Jungunternehmen, die von Frauen mitgegründet und -geführt werden.

publiziert am 21.11.2022
image

Für Startups stehen 45 Millionen Franken aus Zürich bereit

Die Schweizer Venture-Capital-Firma Equitypitcher schliesst erfolgreich ihren zweiten Fonds. Das Geld soll gezielt im DACH-Raum investiert werden.

publiziert am 17.11.2022
image

Bossinfo sucht frisches Kapital

Über die nun gestartete Kapitalerhöhung sollen 3,4 Millionen Franken zusammenkommen, um weiteres Wachstum zu finanzieren.

publiziert am 14.11.2022