China reagiert auf US-Sanktionen mit der Stärkung eigener Tech-Firmen

21. August 2020, 12:46
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Mancherorts wird ein "neuer Kalter Krieg" befürchtet. Was würde eine technologische und wirtschaftliche Spaltung der Welt bedeuten?

Was schon vor der Pandemie geopolitisch die News bestimmte, sorgt mittlerweile täglich für Schlagzeilen: die Auseinandersetzungen zwischen den USA und China. Die jüngsten Massnahmen aus den USA: Die Sanktionen gegen Huawei wurden nochmals verschärft und die chinesischen Apps Tiktok und Wechat sanktioniert.
China hat seiner Verärgerung Ausdruck verliehen, aber noch keine konkreten Massnahmen gegen die USA angekündigt. Es falle dem Land schwer, sich gegen die US-Bemühungen zur Wehr zu setzen. Jeder Schritt diesbezüglich würde die fragile wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie gefährden, sagte ein Analyst zur Hongkonger Zeitung 'South China Morning Post'. 
Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ist demnach vor allem damit beschäftigt, die Streitigkeiten und Risikos zu managen. Vor den Wahlen zwischen Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden dürften sich die Angriffe seitens der amtierenden Regierung noch verschärfen, zeigte sich Hou Jianguo, ehemals hochrangiger Funktionär im chinesischen Staat, gegenüber der Zeitung überzeugt.

China fokussiert sich auf die eigenen Tech-Firmen

In den letzten Monaten haben laut 'Reuters' lokale Regierungen und staatliche Unternehmen aus China Pläne angekündigt, die darauf abzielen, ein einheimisches Technologie-Ökosystem zu fördern. So wollen sie längerfristig Geräte von Herstellern wie Intel, Microsoft, Oracle und IBM verdrängen. Dies zeigt sich mittlerweile auch in den Kursen chinesischer Tech-Firmen, die Gelder anziehen. Die Investoren spekulieren offenbar auf Wachstumspotential der Firmen im Heimmarkt und die Unterstützung durch die chinesische Regierung.
China hatte bereits in der Strategie "Made in China 2025" festgehalten, dass strategisch wichtige Materialien in China selbst hergestellt werden sollen. Noch ist das Land aber stark von US-Herstellern abhängig: "Es braucht immer noch amerikanische Technologie, und es braucht die US-Wirtschaft als Verbündeten, um die Feindseligkeit der US-Regierung zu mildern", sagte Dan Wang, ein Analyst des Beratungsunternehmens Gavekal zur 'South China Morning Post'.
Allerdings sorgen Bereiche, die für China als Kerninteressen gelten und wo das Land nicht zurückweichen will, für weitere Unstimmigkeiten: Hong Kong, Taiwan, Xinjiang und das Südchinesische Meer. Kürzlich hat China Sanktionen gegen das US-Rüstungs-Unternehmen Lockheed Martin angekündigt, weil dieses Waffen an Taiwan verkauft hatte. Konkretisiert wurde dies bislang aber nicht. Zudem gibt es auch nationalistische Stimmen in China, deren Forderungen nach Vergeltung sich die Regierung in Peking aber bisher zumindest offiziell verweigert hat.

Was würde eine multipolare Welt bedeuten?

Vor einem möglichen Decoupling warnen Beobachter schon länger: Demnach könnte es in Zukunft nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technologisch eine Spaltung der Welt geben. Mancherorts ist bereits von einem "neuen Kalten Krieg" die Rede. China hatte bereits vor über einem Jahr eine Liste mit "unzuverlässigen Unternehmen" aus den USA angekündigt. Veröffentlicht wurde diese noch nicht: "Der Schritt würde weitreichende Auswirkungen haben. Es könnte aber zu einer Entscheidung kommen, nachdem die US-Präsidentschaftswahlen abgeschlossen sind", sagte Ding Shuang von der Bank Standard Chartered.
Der Ökonom Martin Sandbu hat sich die Entwicklung unter dem Aspekt von Regulierung und Märkten angeschaut. Er zeigt in der 'Financial Times' (Paywall) verschiedene Szenarien für die Märkte: Für unwahrscheinlich hält er eine globale Harmonisierung der Regeln, wie sie etwa innerhalb der EU gepflegt wird. Wahrscheinlicher sei es, dass sich die drei Blöcke USA, China und Europa herausbilden, in deren jeweiligen Orbit sich die übrigen Wirtschaften bewegen, je nachdem wie stark sie an welche Ökonomien gebunden sind. Im düstersten Szenario befürchtet Sandbu eine Zersplitterung des Weltmarktes, weil die verschiedenen Regelwerke teilweise nicht miteinander vereinbar sind. Es könne hier aber auch sein, dass die Länder und Firmen die jeweils anspruchsvollsten Regeln adaptieren würden.
Interessanterweise vermeidet Sandbu in der wirtschaftsliberalen Tageszeitung den Begriff des Protektionismus. "Es handelt sich vielmehr um eine tiefere Form der Globalisierung, bei der grenzüberschreitende wirtschaftliche Aktivitäten von grenzüberschreitenden Regeln begleitet werden", schreibt er.

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