Corona: Konsolidierung kommt in Fahrt

1. Juli 2020, 12:07
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Mehr Schweizer IT-Unternehmen werden auf den Markt kommen oder stehen vor Übernahmen. Davon sind Branchen-Kenner überzeugt.

"Glimpflich", "gut" oder "ohne Probleme" seien sie durch die Krise gekommen. Das sagen die meisten ICT-Unternehmer, mit denen wir ihm Zuge der Recherchen zum Digital Channels Forum gesprochen haben. Wer nicht vom Homeoffice-Trend oder Digitalisierungs-Projekten profitiert, hofft zumindest, dass in den letzten Monaten sistierte Projekte nun wieder angeschoben werden. Alles in Butter also? Oder gibt es doch da und dort Verlieren in der Branche? Kommt es nun zu einer grossen Konsolidierung, zu Fusionen, Partnerschaften und Übernahmen?
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Ralph Meyer.
"Vielleicht ist es auch Zufall, aber mir sind in den letzten Monaten zwei Schweizer IT-Firmen mit 20 bis 50 Mitarbeitenden zum Kauf angeboten worden. Solche Anfragen hatte ich in den letzten drei Jahren keine bekommen", erklärt Ralph Meyer, CEO von Business IT. Firmen, die nun versuchen würden, von einem transaktionalen Business-Modell in ein Service-Geschäft zu wechseln ohne bereits vorher entsprechende Schritte eingeleitet zu haben, für die werde es schwierig.  
"Entweder, eine Firma hat eine Nische besetzt, in der sie ihre Kompetenz hat. Oder sie verfügt über eine gewisse Grösse, breitere Abstützung und ein entsprechendes finanzielles Polster", sagt Meyer. Doch die dazwischen, die in den letzten Jahren durchaus gut gelebt haben, könnte es härter treffen. Zwar bestünden bei Business IT keine konkreten Übernahmepläne, und Investitionen in Krisenzeiten würden immer ein Risiko mit sich bringen. "Aber man kann auch zu gut ausgebildetem Personal kommen", erklärt Meyer. Business IT sei aber nicht krampfhaft auf der Suche. "Was wir sicher machen werden, ist, unsere strategischen Partnerschaften zu stärken, damit wir den Kunden auch neue Business-Modelle in der digitalen Transformation anbieten können."
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Stefano Camuso.

Trend zu Managed Services beschleunigt

Mehr IT-Firmen werden auf den Markt kommen, davon geht auch Stefano Camuso, CEO von Axians & Actemium Schweiz, aus. Es werde aber auch schwieriger, die "Spreu vom Weizen" zu trennen. Bei Axians möchte man weiterhin "gesund wachsen" und Übernahmen tätigen: "Nach wie vor favorisieren wir für Akquisitionen Unternehmen, die eventuelle Nischen in unserem Portfolio besetzen oder bestehende Dienstleistungssegmente möglichst ohne Überschneidungen ergänzen können."
Nun folge eine Phase der Konsolidierung, weil sich einige Unternehmen vor Herausforderungen sehen würden, die sie nicht alleine lösen könnten oder wollten.
Zudem erschwere die Krise auch Nachfolgelösungen: "Eine Übernahme zum jetzigen Zeitpunkt benötigt in vielen Bereichen mehr Mut als vor der Krise, speziell weil die Auswirkungen noch unklar sind", so Camuso.
Weiter verstärke die Krise den Trend hin zu Managed Services: "Die Managed Services haben uns gezeigt, dass unsere Kunden aber auch wir speziell in einer solchen Krise profitieren – der Kunde hatte den Support, den er benötigt, und wir eine gute, berechenbare Auslastung."
Für Branchenkenner Adrian Müller, Managing Director HP Schweiz, sind "beispielsweise flexible Finanzierungsmodelle" bei den Services gefragt. "Sie können den Widerspruch auflösen, vor dem Unternehmer aktuell stehen: Einerseits sind Investitionen in eine veränderte, flexiblere IT-Ausstattung dringlicher denn je. Gleichzeitig herrscht Unsicherheit und viele Firmen sind an der Liquiditätsgrenze."
Ganzheitliche Lösungen von Cloud, Software bis Hardware würden deshalb verlangt. "Das muss kein Widerspruch zur Spezialisierung sein", erklärt Müller. Die Antwort seien Partnerschaften. "Stationäre Händler arbeiten mit Online-Anbietern zusammen. Anbieter von Bürokonzepten kooperieren mit Cloud-Spezialisten. Es gilt, mutige Entscheidungen zu treffen."
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Ruth Odermatt.
Der Trend hin zu Managed Services bestätigt auch Ruth Odermatt, Geschäftsleiterin von Arnel Informatik: "Bei Firmen ab 50 Arbeitsplätzen ist er sichtbar, da beschleunigt sich der Trend zur Standardisierung der Services, sind Einsparungen und Flexibilität gefragt. Bei Startups sind die Anforderungen auch ganz klar im Cloud-Bereich mit Managed Services." Bei traditionellen KMU habe sich durch die Krise das Homeoffice sehr schnell etabliert. "Hier könnte es nun auch verstärkt zu neuen Bedürfnissen kommen. Trotzdem verändert sich noch nicht alles so schnell in diesem Bereich", so Odermatt.

Investoren wollen wiederkehrende Einnahmen

Inside-channels.ch-Kolumnist und M&A-Transaktionsberater Urs Prantl betont ebenfalls die Wichtigkeit von Managed Services: "Investoren schauen sehr stark darauf, dass die Geschäftsmodelle von IT-Unternehmen in Sachen Managed Services schon möglichst weit fortgeschritten sind. Der Anteil an wiederkehrenden Einnahmen ist einer der grössten Hebel für den Verkaufspreis."
Für Prantl befindet sich die IT-Branche in einer "spürbaren Konsolidierungswelle". Das sei jedoch keine Folge der Pandemie: "Dieser Trend war schon vorher da." Als Ursache nennt er drei Gründe: Nachfolgedruck, Strategiedruck und hoher Anlagedruck durch zahlreiche Beteiligungsgesellschaften, die die IT als Investitionsfeld entdeckt haben. "Die Strategien vieler langjähriger und eingesessener IT-Firmen sind überholt und verlangen nach einer Neuausrichtung. Das gleiche gilt für deren Geschäftsmodelle. Dort ist vor allem der Druck in Richtung Services und Subscription-Modelle stark – und zwar bei Infrastruktur- und Softwareanbietern." Statt Strategie und Geschäftsmodell nochmals grundlegend zu reformieren, sei für viele IT-Unternehmer, besonders solche mit Nachfolgedruck, ein Verkauf naheliegender und "vor allem weniger mühsam".
Nun komme es vor allem deshalb zu mehr Übernahmen: "Diese lösen die Engpässe beim Nachfolge- und beim Strategiedruck. Fusionen und Partnerschaften beobachten wir weniger, höchsten dort, wo einer die Herausforderungen 'Umbau Geschäftsmodell' und 'Digitalisierung' nicht alleine bewältigen will, sondern dazu einen 'Leidensgenossen' oder auch einen starken Partner sucht."
IT sei generell bei vielen Investoren hoch im Kurs, erklärt Prantl. "Es verkauft sich aktuell viel. Am besten laufen IT-Security, Managed Services, alles mit hohen wiederkehrenden Einnahmen, Technologien wie Java, Microsoft, aber auch ERP und andere Standard Business-Software."
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Marcel Jans.

Krise macht IT-Branche unverzichtbar

"Der Konzentrationsprozess wird fortgeführt", betont Marcel Jans, Leiter Corporate Finance bei der Wirtschaftsprüfungs-, Treuhand- und Beratungsgesellschaft BDO. Die Preise für Firmen würden zwar durch die Krise im Moment etwas sinken, mittelfristig aber nicht. "Finanzinvestoren haben immer noch Geld, müssen und wollen investieren." Bei Strategen sei es aber teilweise zu Stopps gekommen. Grund sei einerseits die Einschränkung der Reisetätigkeit und anderseits die aktuell unsichere Wirtschaftslage.
Die Grösse einer Firma habe einen zentralen Einfluss auf die Verkäuflichkeit einer Firma, sagt Jans – nicht erst seit der Corona-Krise. "Je kleiner eine Firma ist, umso grösser ist die Abhängigkeit von einzelnen Personen, in der Regel dem Eigentümer. IT-Unternehmungen mit eigenen Produkten wie Software und wiederkehrenden Umsätzen, zum Beispiel SaaS und IaaS, sind davon etwas weniger betroffen."
"Wenn ich ein Eigentümer einer solchen Firma wäre, würde ich mir aber gerade wegen der der aktuellen Marktunsicherheit überlegen, ob momentan wirklich der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf ist", sagt Jans. In der IT-Branche habe er bei BDO jedoch bis jetzt im Gegensatz zu anderen Branchen keine Abnahme an Anfragen bezüglich An- und Verkäufe festgestellt.
"Die IT-Branche wird durch die Krise noch attraktiver", ist Marcel Jans überzeugt. "Die Krise hat sie zu einem unverzichtbaren Industriezweig der Schweiz gemacht", sagt Urs Prantl. Und für Ruth Odermatt kommt sie ebenso "gestärkt und positiv aus der Krise".
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Philipp Ziegler.
"Die Schweizer IT-Branche hat sicher in der Krise ihren Wert bewiesen und auch, dass sie gut aufgestellt ist", hält der Marktforscher Philipp Ziegler von MSM Research fest. Doch Ziegler warnt: Die Branche befinde sich "in Sichtflug", die Auswirkungen der Pandemie seien noch nicht endgültig abschätzbar. Andere Industriezweige und Branchen wie Tourismus oder Gastronomie seien von der Corona-Krise sehr viel härter betroffen. Und für IT-Firmen, die ihre Kunden auch in diesen Segmenten haben, könnte es zu einem Domino-Effekt kommen: die Aufträge werden wegbrechen.

Über ein Drittel der Unternehmen stoppt IT-Projekte

Aus Sicht der Anwender-Unternehmen nennt Ziegler konkrete Zahlen: 57% rechnen mit Umsatzrückgängen von über 20%. 37% legen ihre geplanten IT-Projekte vorläufig auf Eis. 23% wollen ihre IT-Budgets um bis zu 20% oder sogar mehr kürzen. 48% berichten von Problemen in ihren Lieferketten. Positiv für die IT-Branche sind die 67% der Unternehmen, die nun verstärkt mit Kunden und Lieferanten über digitale Kanäle kommunizieren.
Ziegler geht deshalb von drei Szenarien aus, die allerdings alle einen Rückgang für den ICT-Markt Schweiz voraussagen. Das "positive Szenario" mit einer raschen Erholung ab Juli 2020, steigendem Konsum, Aufhebung der Einschränkungen und offenen Grenzen sieht einen Marktrückgang von 3,9% vor. Das "Basis-Szenario", das für Ziegler wahrscheinlichste Szenario, geht von einer langsameren Erholung, Einschränkungen bis in den Herbst und einem verfügbaren Impfstoff ab 2021 aus. Der prognostizierte ICT-Marktrückgang hier: minus 5,8%.
Das "negative Szenario" schliesslich, die berüchtigte L-Kurve, mit einer zweiten Corona-Welle, neuen Lockdowns und steigenden Konkursen würde ein Minus von 9,6% nach sich ziehen. Vor dem Hintergrund aller drei möglichen Szenarien sagt deshalb auch Philipp Ziegler: "Die Konsolidierung in der IT-Branche wird sich verstärken."

Digital Channels Forum: Der Film

Das "Digital Channels Forum" – unser digitaler Ersatz für den jährlichen Kongress, den wir aus bekannten Gründen absagen mussten – nähert sich dem Ende zu. Wir haben in Dutzenden von Gesprächen mit Exponenten und ExponentInnen der Schweizer ICT-Branche Antwort auf die Frage gesucht, wie die Schweizer ICT-Branche die Corona-Krise überstanden hat und noch wird.
Zum Schluss fühlen wir in einem Podcast der Security-Szene auf den Zahn. Werden die ICT-Security-Dienstleister wie Ispin, United Security Provider oder die SITS-Group zu den grossen Gewinnern der Krise? Wird sich die Konsolidierung der Branche, in der viel Investorengeld steckt, noch beschleunigen? Wir sprechen mit Insidern wie Marco Marchesi (Ispin / Cymbiq Group), Urs Rufer (TerreActive), Gregor Näf (Achermann ICT-Services), Philipp Stebler (SITS Group) und Michael Liebi (United Security Providers). Mit Martin Kull von OBS kommt auch ein Vertreter eines multinationalen Unternehmens zu Wort.
Nächste Woche dann fragen wir im Video-Beitrag, was Distributoren und Vendors ihren Partnern nun empfehlen und wie sie sie unterstützen. Auf der "Bühne": Thomas Boll (Boll), Frank Thonüs (Dell Technologies), Christoph Blankenhagen (Lenovo), Thomas Winter (Microsoft) und Stefan Beeler (Datastore).

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