Das Beben in Japan: Update zu den Folgen für die IT-Industrie

22. März 2011, 15:25
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Smartphones, iPad & Co., LCDs, Harddisks und Flashdisks, Chipfertigung und Onlinespiele.

Smartphones, iPad & Co., LCDs, Harddisks und Flashdisks, Chipfertigung und Onlinespiele.
Auch wenn es angesichts der weiterdauernden Nöte und Leiden der Opfer des Erdbebens in Japan etwas egozentrisch erscheint: Die IT-Branche sorgt sich auch um idie Auswirkungen auf ihr Geschäft, global und hierzulande. Nach unsereren ersten Berichten hier ein Update, eine Woche später.
Wie schon berichtet, hat das Erdbeben von Sendai, weniger Auswirkungen auf die Produktion von Fertigwaren als vielmehr auf Komponenten- Materiallieferungen. Denn die meisten IT-Hersteller des Landes der aufgehenden Sonne haben in der Vergangenheit ihre Endfertigung zunehmend nach China oder in andere Billiglohnländer verlagert. Die Produktion von Schlüsselkomponenten und wichtigen Materialien ist aber Japan geblieben. So sind Akku- und LCD-Hersteller zu fast hundert Prozent auf Anoden- und Kathodenmaterial aus Japan angewiesen. Hitachi Chemical allein beherrscht über 50 Prozent des Weltmarktes für Anodenverbindungen, die Produktion ist aber in Folge des Erdbebens, des Tsunamis und der Stromrationierung nach den Unfällen in Japans Kernkraftwerken vorübergehend fast zum Erliegen gekommen.
Smartphones, iPad & Co.: Preiserhöhungen erwartet
Auch wenn die meisten Smartphones und Tablet-PCs heute nicht mehr in Japan gefertigt werden, stellt das Land rund 40 Prozent aller Speicherchips für diese Geräte her. Da bei Toshiba, nach Samsung zweitwichtigster Lieferant für NAND-Flash-Chips, die Produktion weitgehend ruht, wird es in dem Bereich, einschliesslich der darauf basierenden SSDs (Solid State Disks) und Endgeräte, wohl fast unweigerlich zu Lieferengpässen und Preiserhöhungen kommen. Der Preis der Flash-Chips ist seit dem Beben schon um über 20 Prozent gestiegen.
Die Analysten von iSuppli sehen auch die Lieferungen für Apples neues iPad 2 bedroht. Nich nur, weil in Toshibas Flash-Chip-Fabriken die Bänder still stehen, sondern auch in Folge von Produktionsausfällen bei anderen Zulieferern. Die Lieferkette für die Lithium-Ionen-Akkus für das iPad und das iPad 2 beipielsweise ist laut IHS iSuppli durch das Erdbeben und seine Folgen zum Grossteil gerissen. Denn auch wenn auf den Akkus "Made in China" steht, stammen die meisten Komponenten und Materialien aus Japan. So basiert zum Beispiel der Touch-Screen auf "Dragontail" genannten hoch kratz- und stossfesten Glassubstraten (Muttergläsern) von Asahi Glass. Wie bereits berichtet hat der japanische Hersteller unmittelbar nach dem Beben Fabrikschäden gemeldet, was in der allgemeinen Berichterstattung zunächst unterging. Da Dragontail die Basis für die Touch-Panels ist, kann die Produktion nicht so einfach verlagert oder an andere Unternehmen vergeben werden.
LCDs weniger betroffen
Insgesamt hat das Erdbeben laut Digitimes Research aber vergleichsweise geringe Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von LCD-Komponenten, zumal die meisten Ausfälle durch Erhöhung der Kapazitäten in Fabriken weitab vom Epizentrum ausgelagert werden konnte, so bei Asahi Glass ebenso wie bei Fuji Film, einem der wichtigsten Hersteller von TAC-Folien als Schlüsselkomponente für Polfilter eine der Grundlagen von LCDs. Die Nervosität in der Panel-Industrie war trotzdem gross, denn 90 Prozent aller TAC-Filter kommen von zwei japanischen Herstellern, so wie Hitachi Chemical und Sony Chemicals auch 90 Prozent des Weltmarktes für anistropische Leitfolien bestreiten. Die Produktion der kurz ACF genannten Folien, eine weitere wichtige Komponente der aus mehreren Schichten aufgebauten Flüssigkristallbildschirme, ist zum Teil unterbrochen. Das liegt aber weniger an Fabrikschäden als vielmehr an der zusammengebrochenen Stromversorgung in den betroffenen Gebieten. Alle Hoffnungen richten sich daher auf die Wiedereinschaltung der nicht völlig zerstörten Atomkraftwerke (abgesehen von Fukushima), damit die Versorgung sobald wie möglich wieder hergestellt wird.
Sorgen über Sorgen
Derweil gibt es immer neue Meldungen über weitere Folgen der Katastrophen. In Taiwans Herstellerkreisen sorgt man sich laut ‚Digitimes‘ schon über radioaktiv verseuchtes Material aus Japan. Das inseleigene Industry Technology Research Institute (ITRI) versuchte indes, die Sorgen zu zerstreuen. Schliesslich würden die meisten Materialien und Komponenten in Reinsträumen produziert, wo kaum radioaktiv versuchte Partikel eindringen könnten.
So wie die Komponenten- und Materiallieferungen unter den Auswirkungen des Erdbebens in Japan leiden, ist auch teilweise die Anlagenindustrie betroffen. Nikon zum Beispiel ist nicht nur eine der führenden Kameramarken, sondern nach ASML auch einer der wichtigsten Lieferanten von Lithographiemaschinen für die Chipfertigung. Wie das Unternehmen vermeldet hat, sind viele Werke im Nordosten der Insel ausgefallen oder beschädigt.
Die Produktion der Anlagen soll dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Nach 49 Stück im laufenden Fiskaljahr 2010 rechnete Nikkon vor dem Beben für das Geschäftsjahr 2011 wieder mit 78 Lieferungen, das Niveau von vor zwei Jahren. Nikon kam 2010 mit Lithographiemaschinen auf einen Weltmarktanteil von 32,1 Prozent, Canon auf 11,6 Prozent und ASML auf 56,2 Prozent. Canon rappoertierte nur wenige Schäden, zusammen mit Nikon ist das Unternehmen aber einer der Hauptlieferanten von Taiwan Semiconductur (TSMC), dem grössten Chipauftragsfertiger der Welt. Zu den Kunden gehört auch Intel. Wie sich die genannten Lieferengpässe bei den Litho-Maschinen und den Materialien auf die Preisentwicklung bei Mikroprozessoren und Speicherchips auswirken werden, ist noch nicht abzusehen.
HDD- und SDD-Engpässe erwartet
Von dem Erdbeben in Japan betroffen sind auch viele Zulieferer für Festplatten (HDDs) und Flash-Speicher einschliesslich SSD. Showa Denko, ein kleinerer HDD-Hersteller berichtet von Produktionsausfällen, so auch die HDD-Substrat-Lieferanten Furukawa Denko und Kobe Steel. Sollte die Lieferkette in Folge des Erdbebens und der Stromausfälle nach den Reaktorunfällen im Norden Japans weiter unterbrochen werden, könnten Festplatten knapp werden.
Nach der geplanten Übernahme von Hitachi Global Storage Technology durch Western Digital gibt es im Wesentlichen nur noch vier HDD-Hersteller: Western Digital, Seagate, Toshiba und Samsung. Erstere produzieren laut ‚Digitimes‘ zu 100 Prozent selbst, sind aber wie die beiden anderen Hersteller bei den Schreib-/Leseköpfen, den Scheiben selbst, den HDD-Substraten und elektrischen Antriebsgeräten (kleine Motoren) teilweise oder ganz auf Dritthersteller angewiesen. TDK zum Beispiel stellt 30 Prozent des Weltmarktes für die Schreib-/Leseköpfe her, da die Produktion aber weit weg vom Katastrophengebiet ist, gab es von TDK keine Ausfälle zu berichten, wohl aber vom Disk-Hersteller Showa Denko. Mit 22 Millionen dieser Scheiben pro Monat bestreitet das Unternehmen 25 Prozent des Weltmarktes. Allerdings ist die Produktion nicht nur in dem seit dem Erdbeben viel zitierten Chiba in der japanischen Präfektur Yamagata, sondern zum Teil auch auf Taiwan und in Singapur angesiedelt. Die meisten HHD-Glassubstrate und Elektromotoren kommen aber aus Japan. Auch wenn die Tophersteller Hoya, Nihon und Konica Minolta nicht im Katastrophengebiet produzieren, ist die Substratindustrie durch die Ausfälle bei Kobe Steel und Furukawa Denko stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
Freiwillige oder zwangsweise Stromdisziplin
Viele Hersteller in Japan mussten wegen des Erdbebens oder der Stromausfälle in Folge der Reaktorunfälle zwangsweise ihre Produktion einstellen oder herunterfahren, andere haben es wie ein Grossteil der Bürger in Tokio mehr oder weniger auch freiwillig getan. So hat der Spielehersteller Square Enix laut ‚Computerbild‘ die Server von "Final Fantasy 14/11" sowie vom Online-Dienst Playonline heruntergefahren und wirbt bei den Zockern um Verständnis, indem er den Online-Dienst im April gratis zur Verfügung stellen will. Konami soll die Server für „Metal Gear Solid Online“ heruntergefahren haben. Von Sony und Sega wird berichtet, dass sie Launch-Termine verschoben haben.
Sony ist mit verschiedenen Tochtergesellschaften auch ein wichtiger Hersteller von Komponenten und Materialien. Stark betroffen ist laut ‚Digitimes‘ unter anderem die Produktion von Sony Chemical and Information Device, einem wichtigen Hersteller von Magnetbändern und Blu-ray-Disks, optischen Geräten und IC-Karten sowie von anisotropischen Leitfolien (siehe oben). Zum Teil soll es sehr schwer sein, die Produktion in Kürze wieder aufzunehmen. Sony Energy Devices, wichtiger Hersteller von Li-Ion-Akkus für Notebooks hat zwar wenige direkte Schäden davongetragen, da die Fabrik aber nur 50 km von dem Reaktor-Katastrophengebiet Fukushima entfernt ist, hat das Unternehmen die Produktion mit Rücksicht auf die Arbeiter teils freiwillig eingestellt, teils mehr oder weniger auf Druck der japanischen Behörden. (Klaus Hauptfleisch)

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