Das Patientendossier erregt die Gemüter

5. September 2013, 11:14
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Am Swiss eHealth Summit 2013 stand in diesem Jahr einmal mehr die politische Agenda in der Kritik. Ausserdem wurde wieder das Dauerthema "Vernetzung" diskutiert.

Am Swiss eHealth Summit 2013 stand in diesem Jahr einmal mehr die politische Agenda in der Kritik. Ausserdem wurde wieder das Dauerthema "Vernetzung" diskutiert.
Diese Woche ging in Bern das Swiss eHealth Summit über die Bühne. Wenn es um heisse Themen wie die E-Health-Strategie des Bundes oder die elektronische Patientenakte ging, war allenthalben Ungeduld am zweitägigen Treffen der IT-Spezialisten aus der Schweizer Gesundheitsbranche zu spüren. Doch im Vordergrund standen einmal mehr das Networking und der Erfahrungsaustausch. Laut den Veranstaltern war die Tagung ausgebucht und zum diesjährigen sechsten Treffen sollen sich täglich rund 700 Gäste eingefunden haben, gut 200 mehr als im letzten Jahr. Zumindest am gestrigen Vormittag dürften diese Zahlen aber nicht erreicht worden sein, denn die Halle und die Vortragssäle waren aus subjektiver Sicht von einer eher überschaubaren Gästeschar bevölkert. Immerhin mehr als 60 Aussteller waren vor Ort.
Gleichwohl ein ideales Umfeld der Branche für den Gedankenaustausch. Zumal an beiden Tagen ein Marathonprogramm mit an die hundert Vorträgen abgespult wurde. Denn neben dem sogenannten Summit Forum waren auch die Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI), die Lobby-Organisation IG eHealth und die Vereinigung Gesundheitsinformatik (VGI.ch) mit eigenen Themenbeiträgen vertreten. So lieferte das umfangreiche Vortragsangebot die Diskussionsbasis für nahezu jedes Problemfeld im Gesundheitswesen. Es begann mit politischen Themen und ging dann weiter mit diversen Erfahrungsberichten bis hinein in die Details der Architekturen oder Problemfelder wie Usability. Die Veranstaltung wurde denn auch generell als gutes Forum zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch gewertet.
IT ist in den Spitälern angekommen
Grundsätzlich, so formulierte es der IT-Spezialist Roman Rudolf von Rohr von der Solothurner Spitäler AG gegenüber inside-it.ch, sei die Akzeptanz der IT in den Spitäler in den letzten Jahren erheblich verbessert worden. "Die Verantwortlichen sind für das Thema sensibilisiert und man hat realisiert, was die IT nicht zuletzt bei den Business-Prozessen im Spital leisten kann". Doch obwohl die IT im Spital durchaus eine starke Position habe, müsse man gleichwohl zur Kenntnis nehmen, dass von der Basis her, also von den Ärzten und Patienten, kein Druck oder auch nur Nachfrage nach IT-basierten Lösungen existiere, konstatierte von Rohr. Hier gäbe es noch viel zu tun. Ein Aufgabenbereich sei dabei die Überweisung in die Spitäler, die einfacher werden müsse. Das fange bereits bei den Login- und Frontend-Systemen an und erstrecke sich bis hin zu ausgereiften Lösungen zur Vernetzung mit den einzelnen externen Leistungserbringern.
Ähnliche Einschätzungen waren auch von IT-Verantwortlichen des Spitals Einsiedeln, Pius Fässler, zu vernehmen: "Unser Ärzte wollen ein Klinik-Informationssystem (KIS) und ab 2015 werden wir es einführen“, stellte er klar. Zwar gehört Einsiedeln zu den kleinen Spitälern, aber auch hier steht die IT längst nicht mehr in Frage.
EPDG - ein heisses Thema
Aufschlussreich waren die Gespräche, wenn es um das Gesetz zum elektronischen Patientendossier (EPDG) ging. Mit diesem politischen Thema war die Veranstaltung am Dienstag gestartet. Fässler wünschte sich, dass endlich die Papierberge abgeschafft werden und künftig alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen für die jeweiligen Patienten an einem einzigen Dossier arbeiten, das dann dem Patienten gehört. Es wäre wünschenswert, dass der Bund dafür sorgt, dass jedem Patienten solch ein Dossier zur Verfügung steht. Und zwar "eher gestern als morgen", wie Fässler betonte.
Urs Stromer (Foto), Präsident der IG eHealth, war im Gespräch mit inside-it.ch weniger fordernd. Er ist schon zufrieden darüber, dass seit Mai endlich eine Vorlage für das EPDG vorliegt. Das sei ein wichtiger Schritt für die E-Health-Strategie der Schweiz. Im Herbst kommt die Vorlage in die Räte, 2017 soll das Gesetz in Kraft treten und nach einer fünfjährigen Karenzzeit 2022 national umgesetzt sein. Und Stromer gab sich optimistisch: "Die Inhalte werden nicht mehr viel zu reden geben", sagte er. Hingegen vertrat er die Meinung, dass "finanzielle Anreize" geschaffen werden müssten, um alle Leistungserbringer für die elektronische Patientenakte zu gewinnen. Denn problematisch sei heute, dass zwar die "Apotheken, Spitäler und Labore längst zu nahezu 100 Prozent IT-basiert arbeiten", aber die Leistungserbringer auf der Basisstufe hier noch viel Nachholbedarf hätten. Dort sei das vernetzte Arbeiten mit den entsprechenden IT-Tools "erst bei 15 bis 20 Prozent der Leistungserbringer" angekommen. Zudem, so Stromer weiter, sollten die künftigen Regularien so geschaffen werden, dass sie nicht mehr rückgängig zu machen sind, und dringend müsste auch die Krankenakte selbst standardisiert werden.
Dass schnellstens einheitliche Standards für die Patientenakte zu schaffen sind, war auch eine Forderung der Industrie am diesjährigen Swiss eHealth Summit. Doch Daniel Schindler, Produktmanager beim KIS-Anbieter Polypoint, ging gegenüber inside-it.ch weit darüber hinaus. Damit das EPDG nicht erneut wie seine Vorgängerprojekte "an viel zu vielen Partikularinteressen scheitert", sei die Politik entscheidend gefordert. Ärzte, Krankenversicherer und andere Marktteilnehmer seien noch viel zu renditeorientiert. Bei ihnen stünde der Patient noch immer zu wenig im Mittelpunkt. Der Gesetzgeber müsse endlich aktiv werden und die Rahmenbedingungen per Gesetz schaffen, so Schindler, der damit einen der grössten Stolperstein des EPDG formulierte. "Freiwilliger Einsatz und schwammige Definitionen werden die Einführung nur blockieren, die Akzeptanz gefährden und den Nutzen deutlich schmälern", hielt er fest. Ein weiterer Stolperstein sei, dass es immer noch nicht möglich ist, einen Schweizer Standard für die Inhalte der Patientenakte zu erstellen, "obwohl davon jeder profitieren" würde, wie Schindler nachschiebt.
Festzuhalten ist, dass sich das Swiss eHealth Summit 2013 erneut als Diskussionsplattform bewährt hat, was gerade die sehr kontrovers geführten Gespräche über das EPDG gezeigt haben. Die nächste Veranstaltung soll denn auch im September 2014 wieder in Bern über die Bühne gehen. Die Planung laufe bereits, heisst es bei den Veranstaltern. (Volker Richert)

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