Datensicherheit: Der Standort ist nicht alles

4. Juli 2014, 15:32
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Ist der Hype um den Standort Schweizer für Datenhaltung schon wieder vorbei?

Ist der Hype um den Standort Schweizer für Datenhaltung schon wieder vorbei?
Seit den Enthüllungen von Edward Snowden über die weltweite Schnüffeltätigkeit des US-Geheimdienstes NSA (und anderer) würden die aktuellen Diskussionen um die physischen Orte der Datenlagerung zunehmend irrelevant. Das jedenfalls meinen die Marktforscher von Gartner im Report "The Snowden Effect: Data Location Matters". Gartners Forschungschef Carsten Casper glaubt, dass das Thema Datenhoheit und Datenstandort zuletzt derart in den Mittelpunkt gerückt sei, dass es inzwischen technologische Innovationen abzuwürgen drohe. Dabei müsste jedem pragmatisch denkenden Unternehmer längst klar sein, so Casper, dass eine Gesamtsicht nötig sei. Neben dem physischen Standort seien bei der Datenhaltung längst auch andere Aspekte zu prüfen. Die politische und rechtliche Lage in einem Land könnten genauso wie der "logische" Ort für einen Standort sprechen.
Es könne doch nicht sein, so Casper weiter, dass die IT-Spezialisten noch immer mit Rechtsberatern, Kunden, Regulierungsbehörden, Gewerkschaften, ihrer Firmenleitung und der Öffentlichkeit in Diskussionen über die Standortfrage verstrickt seien, während die Unternehmensführung eigentlich längst Entscheide für die Zukunft treffen müsste. Und das heisse nun einmal, so Casper, ein Restrisiko zu akzeptieren. Man habe einen Ausgleich zwischen verschiedenen Gefahrenszenarien finden. Dabei sei zu fragen, wie viel Rechtsunsicherheit für das Unternehmen erträglich ist, ob es lieber eine Geldstrafe akzeptiert oder sich der öffentlichen Empörung ausliefern will.
Wer aufgrund des starren Blicks auf einen einzigen Standortfaktor an Innovationskraft einbüsse, müsse dann halt unzufriedene Mitarbeiter akzeptieren und werde vielleicht sogar Marktanteile verlieren, erklärt Casper. Der starre Blick auf nur einen Aspekt der Datenhaltung dürfe jedenfalls nicht zur Folge haben, dass Unternehmen, statt ihren Entscheidungshorizont zu öffnen, einfach weiter an einer redundante oder veraltete IT festhalten.
Was heisst "im Land"?
Der Gartner-Bericht hat deshalb vier typische Themen ermittelt, die in Ermittlung eines Datenstandorten einfliessen sollten. Der physikalische Ort würde vielfach gleichgesetzt mit körperlicher Nähe und Kontrolle über die Daten und ihre Sicherheit. Dabei weiss jeder, so der Gartner-Mann, dass auch auf lokal gespeicherte Daten aus der Ferne zugegriffen werden kann. Nötig sei deshalb, die Diskussion mit anderen Risikofaktoren auszubalancieren. So könne die Rechtslage ausschlaggebend sein. Nur sollte man sich dabei nicht von den Juristen mit Aussagen abspeisen lassen wie der, dass es illegal sei, bestimmte Daten ausserhalb eines Landes zu speichern. Die Interpretationen des Rechts sei oft unklar, sagt Casper. Deshalb müsse jede Organisation selbst entscheiden, was sie akzeptieren will.
Politische Fragen
Zudem müsse immer auch die politische Lage in einem Land mit in die Entscheidung der Datenhaltung einfliessen. Was passiert, fragt Casper, wenn eine Strafverfolgung bei einer Zugriffsanforderung auf die Daten droht. Was, wenn billige Arbeitskräfte in anderen Ländern eingesetzt werden oder lokale Arbeitsplätze gefährdet sind? Fragen, die ein Unternehmen beantworten muss, bevor es sich für einen Standort entscheidet, falls nicht etwa Reputationsschäden riskiert werden sollen. Und schliesslich spiele für ein Unternehmen auch der "logische" Ort eine Rolle. Zum Beispiel müsse sich ein Schweizer Unternehmen bei einem Vertrag mit der irischen Tochter eines US-Cloud-Anbieter voll bewusst sein, dass ein Backup aller Daten physisch in einem Datenzentrum in Indien gespeichert wird. Wer die Daten dann verschlüsselt übertragen will, müsste Architekturen bauen, die die Kosten und Komplexität steigern.
Es gibt schlechthin nicht eine einzige richtige Lösung, um die Datenlagerung zu lösen, so Casper. Die Zukunft werde hybrid sein. Unternehmen und Organisation würden mehrere Standorte in diversen Service-Modellen wählen. Sicher sei dabei nur, dass ein Unternehmen trotz andauernder Diskussionen Entscheidungen zu treffen habe. (vri)

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