"Denken wird wichtiger als programmieren"

17. April 2013, 07:30
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Software-Vordenker August-Wilhelm Scheer über die Zukunft der Software, seine Beteiligung bei der Basler E2E und die Zukunft der europäischen Software-Industrie.

Software-Vordenker August-Wilhelm Scheer über die Zukunft der Software, seine Beteiligung bei der Basler E2E und die Zukunft der europäischen Software-Industrie.
Professor August-Wilhelm Scheer (Foto) zuzuhören, ist ein Vergnügen. Der deutsche IT-Pionier spricht frei, witzig und allgemeinverständlich. So auch letzte Woche an einer Veranstaltung des Basler Software-Herstellers E2E in Zürich. 2009 hatte Scheer sein Beratungshaus IDS Scheer an die Software AG verkauft. Er baut in der Scheer Group ein Netzwerk von innovativen Startups auf, die sich gegenseitig beflügeln sollen. E2E spielt als Hersteller einer Plattform, der "Business Middleware E2E Bridge", mit der man verschiedene, unterschiedliche Programme untereinander verknüpfen kann, eine wichtige Rolle in dieser Strategie, so Scheer gestern in einem kurzen Gespräch mit inside-it.ch.
Paradigmenwechsel im ERP-Business
Bis vor kurzem habe man Software entwickelt, um das Chaos durch Standards zu besiegen. Dabei versucht man - wie man es vom Paradebeispiel SAP her kennt - möglichst alle möglichen Varianten von Geschäftsprozessen abzubilden. Dies führt aber dazu, dass die Anwender unzufrieden sind. Denn die Software ist für einfache Vorgänge viel zu komplex, kann aber trotzdem nicht alle möglichen Prozesse darstellen - dafür sind die Menschen bei der Lösung von Problemen zu fantasievoll.
Statt an komplexen Systemen, die "alles" können, arbeite man heute an leicht anpassbarer Software für Einzelfälle, so Scheer gestern in seinem Vortrag. In Zukunft werde man massgeschneiderte Prozesse ad hoc abbilden, in dem man Vorlagen eines Systems anpasst. An diesem Punkt kommt E2E ins Spiel. Denn im Kern der Software der Basler sitzt eine Art "Virtual Machine", die grafisch formulierte Prozesse automatisch und nach Bedarf in ein Computerprogramm umsetzen kann. Man kann also theoretisch einen Ablauf "zeichnen" und sofort als Teil eines Computerprogramms ausführen lassen. Scheer: "Denken wird wichtiger als programmieren".
Weil es also anstelle von riesigen, monolitischen Systemen künftige eine Vielzahl von anpassbaren (Cloud)-Applikationen geben wird, werde Integration ein noch wichigeres Thema als bisher, sagte Scheer.
Schwieriger Markt Deutschland
Auf unsere Frage, ob er mit seinem Engagement als Mehrheitsaktionär von E2E zufrieden sei, antwortet Scheer differenziert. In der Schweiz sei E2E schon recht gut bekannt, doch sei es "schwierig", in Deutschland Fuss zu fassen. "Die Entscheidungszyklen sind lange und man muss Vertrauen aufbauen."
Trotzdem ist er von seinem Engagement bei den Baslern überzeugt. "E2E wird in Zukunft als Plattform der Scheer Group eine grosse Rolle spielen." In der Scheer Group finden sich sechs Jungunternehmen, die sich alle mit "heissen" Themen beschäftigen. Darunter der E-Learning-Spezialist imc und der interessante Startup Interactive Software. Interactive macht Service-Lösungen, Software vor allem für und mit mobilen Clients, die "innovative Produkte mit innovativen Dienstleistungen verknüpft".
Den Nachteil zum Vorteil machen
Mit der Scheer Group will der deutsche Software-Pionier einen grossen Nachteil der europäischen Software-Branche ausgleichen. "Software-Hersteller in Europa haben - anders als in den USA - keine "Lokomotive" vor sich. Die beiden einzigen europäischen Software-Hersteller von Weltrang, SAP und Dassault, wurden in den ersten Jahren von IBM vertrieben und weltweit bekannt gemacht. In Europa ist es als Software-Hersteller sogar schwierig, sich aufkaufen zu lassen," so Scheer im Gespräch. Die Scheer Group kann nicht nur eine solche "Lokomotive" sein, sondern die Startups in der Firma können sich austauschen und so auch eine gewisse "kritische Masse" erreichen.
Europäischen Software-Firmen fehlt aber nicht nur weltweit präsente "Lokomotiven", sondern sie leiden auch unter kleinen oder sogar winzigen Heimmärkten. Scheer lässt dieses Argument nicht gelten. "Aus dem Nachteil könnte auch ein Vorteil entstehen. Denn europäische Software-Hersteller müssten eigentlich in der Lage sein, mit Komplexität (viele Sprachen, unterschiedliche Märkte und Regulationen, ...) besser umzugehen. Vielen Software-Herstellern in Europa fehle es einfach an Ehrgeiz und Fantasie. "Ich sehe häufig keinen Welteroberungsdrang bei den mittelständischen Software-Herstellern Europas," sagte Scheer.
Dann schauen wir doch den nächsten Jahren gespannt nach Basel und beobachten, ob sich "Welteroberungsdrang" manifestiert. (Christoph Hugenschmidt)

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