"Der Channel ist leer"

7. Oktober 2020 um 15:14
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Lenovo glaubt an einen Boom des PC-Geschäfts, HPE will mehr KMU-Business und der steinige Weg zu "Alles-als-Service".

Das herbstliche Canalys Channels Forum war einst DAS Stelldichein der IT-Branche. Meistens im schicken Arts in Barcelona traf man Grössen der Branche wie Michael Dell, Meg Whitman oder Gustavo Möller-Hergt. Man hetzte tagsüber von Termin zu Termin und tauschte Abends an rauschenden Disti-Partys Gerüchte aus.
An der diesjährigen Ausgabe gibt es bemerkenswerte Absenzen. HP, einst eine Stütze des Anlasses, fehlt und auch Google, Cisco, AWS, Microsoft oder Huawei sind nicht dabei. Der Anlass leidet nicht nur unter den Absenz wichtiger Player, sondern auch am reinen Online-Format. Die Keynotes – immerhin mit VMware-Ikone Pat Gelsinger, Lenovo-CEO Yang Yuanqing und HPE-Chef Antonio Neri, waren Video-Konserven und uninspiriert. Alle hatten sie gleiche oder ähnliche Botschaften: Die Corona-Krise sei eine "massive opportunity" und habe bewiesen, dass die Strategie jeder der auftretenden Firmen goldrichtig sei.
News gab es in den Keynotes so gut wie keine und der geneigte Zuhörer musste zwischen den Zeilen lesen. Dass die neue VMware-Channel-Chefin Sandy Hogan mehrfach betonte, die Channel-Politik ihrer Firma müsse voraussagbar, zuverlässig und einfach zu verstehen sein, kann als Selbstkritik gewertet werden.
Zwei Bemerkungen von HPE-Chef Neri sollte man sich merken. Er sagt einerseits, HPE wolle die Greenlake Cloud-Services für Partner zu einem sehr profitablen Geschäft machen. Es werde Rabatte von bis zu 70 Prozent geben und er versprach wettbewerbsfähige Preise. Und andererseits betonte er, HPE wolle sich 2021 in Europa vermehrt auf das KMU- und Midsize-Business konzentrieren. Das wird man in der Schweiz gerne hören.
Dass IT-Service-Provider Netzwerke und Partnerschaften aufbauen sollen, sagte nicht nur Neri. Die gleiche Botschaft hatte auch Nancy Hogan von VMware.

Lanci prognostiziert die Wiedergeburt des PC-Business

Wie immer trat Branchenveteran Gianfranco Lanci für Lenovo auf, diesmal aber zusammen mit dem chinesischen Konzernchef Yang Yuanqing. Ebenfalls wie immer liess es sich Lanci nicht nehmen, eine kleine Produkteshow zu inszenieren. Ausserdem wagte er eine kecke Prognose. Die Rede vom sterbenden PC-Geschäft sei vorbei. Nächstes Jahr werden gemäss Lanci weltweit 300 Millionen PCs verkauft, 20 bis 30 Millionen Stück mehr als 2020. In einem Presse-Roundtable setzte Lenovo-Channel-Chefin Fiona O'Brian nach: Weil weltweit anders kommuniziert, gearbeitet und gelernt werde, werde der PC-Markt stark wachsen.

Bauchweh wegen Lieferengpässen, VMware-AWS und "Alles als Service" 

Interessanter als die Keynotes war eine Reihe von Interviews, die Canalys-Chef Steve Brazier mit den Channel-Bossen von Nutanix, VMware, HPE und dem Lenovo COO Che-Min Tu führte. Die Corona-Krise habe zu teils massiv stärkerer Nachfrage geführt und CPUs und Notebook-Bildschirme wurden knapp, sagte Tu. Der (weltweite) IT-Channel sei "leer", so Tu. Lenovo müsse mit dem Channel noch enger zusammenarbeiten, um bessere Voraussagen zur Nachfrage machen zu können. O'Brian ihrerseits betonte am Roundtable, dass sie nur noch in bestimmten Marktsegmenten mit Lieferschwierigkeiten rechne. Engpässe bei günstigen Einsteigermodellen könnten immer noch frustrierend sein, so Channel-Managerin O'Brian. Sie betonte, dass eine neue Fabrik von Lenovo in Ungarn die Lieferbarkeit von allen Produkten des Herstellers verbessern werde.
Im Gespräch mit der frischgebackenen Channel-Verantwortlichen von VMware, Sandy Hogan, kam Brazier auf Konflikte zwischen VMware-Partnern und AWS zu sprechen. Offenbar konnte AWS VMware-Preise unterbieten. Hogan blieb in der Sache hart. Die Probleme seien aufgetreten, wenn sich VMware-Partner nicht auch als Partner von AWS registriert hätten, sagte sie. Und die ehemalige Cisco-Managerin betonte erneut, dass VMware nun nicht mehr am Partnerprogramm herumschrauben und das Business für Partner einfacher machen wolle.
Zentrales Thema an diesem Channels Forum sei der Trend zu "Alles-als-Service", betonte Brazier mehr als einmal. "Es ist komplizierter als die Hersteller sagen", widersprach der brilliante Redner dem Optimismus von HPE-Chef Neri. Der Blick auf den Weg hin zu gebrauchsabhängigen Geschäftsmodellen sei verschwommen und es gebe wenig Klarheit, sagte im Gespräch auch der neue Channel-Verantwortliche von Nutanix, Christian Alvarez. Die Definitionen von "as-a-Service" seien ebenso unklar wie die Frage, wie Reseller in aaS-Modellen entschädigt werden. Mehr zum Thema wird man wohl in der morgigen Keynote von Steve Brazier hören.

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