Der "digitale Graben" beim Schweizer Glasfaserbau

23. August 2013, 08:07
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Am Mittwoch traf sich die Schweizer Glasfaser-Branche in Spreitenbach anlässlich der jährlichen Openaxs FTTH Conference. Hauptthema war, ländliche Gemeinden für Investitionen zu gewinnen.

Am Mittwoch traf sich die Schweizer Glasfaser-Branche in Spreitenbach anlässlich der jährlichen Openaxs FTTH Conference. Hauptthema war, ländliche Gemeinden für Investitionen zu gewinnen.
Das Dilemma der Glasfaser-Branche war schon im Titel der mittlerweile dritten Openaxs FTTH Conference festgeschrieben: "Gemeinden auf dem Sprung in die Zukunft!" Denn die für Investoren wichtigen grossen Städte verfügen heute bereits über ein Glasfaser-Netz oder werden es in absehbarer Zeit gebaut haben. Offen ist allerdings, wie es in den Regionen ausserhalb dieser Hotspots, also in den Gemeinden, weitergehen wird. Woher sollen hier die Investitionen kommen? Denn derzeit, so der Tenor diverser Gespräche mit den Gästen in Spreitenbach, besteht in den Gemeinden noch kaum die Notwendigkeit, in den Glasfaserbau zu investieren. TV oder Internet funktionieren in der Schweiz weitgehend tadellos. Somit ist eine neue FTTH-Infrastruktur in jedem Fall eine Investition in die Zukunft. Und davon müssen die Endverbraucher in der Region erst einmal überzeugt werden, um die nötigen Gelder für die Ausbauten zu sprechen.
Gemeinden überzeugen
Wie etwa Felix Merz, Head of Solutions von E-Globe Technologies in Bern, anlässlich der Konferenz am Mittwoch gegenüber inside-it.ch erklärt, bestehe die Aufgabe darin, Zukunftsszenarien und Killerapplikationen zu entwerfen. Sie müssen einsichtig machen, warum die schnellen neuen Netze künftig unentbehrlich sein werden und von den Gemeinden dafür jetzt schon Investitionen zu tätigen sind.
Kein Wunder also, wenn die Vorträge am Morgen der Konferenz genau solchen Szenarien gewidmet waren, die ohne Glasfasernetze nicht zu haben sein werden. Am Nachmittag demonstrierten dann Vertreter einzelner Gemeinden aus dem Wallis, von Amlikon–Bissegg im Thurgau und aus dem Zürcher Dietlikon, welche Vorteile mit dem Glasfaserausbau einhergehen können.
Graben zwischen Stadt und Land
Hier zeigte sich aber auch, dass es nicht selten Regionen mit bestehender schwacher Netzinfrastruktur sind, die nun als erstes Gelder sprechen und gleich eine FTTH-Infrastruktur aufbauen. Martin Landolt, Nationalrat, BDP-Präsident und Vorstandsmitglied der Lobbyorganisation Glasfaser Schweiz, sprach gegenüber inside-it.ch sogar von einem "real existierenden digitalen Graben" zwischen den Städten und Regionen. Um diese Situation zu beenden, seien staatliche Investitionen unumgänglich. Es müssten nicht nur Kooperationen gefördert werden - an der Konferenz wurde das Beispiel der Danet Oberwallis vorgestellt - sondern auch mit "Strukturreformen grossräumige Planungen" ermöglicht werden.
Dass auf dem Land aktuell grosser Nachholbedarf in Sachen FTTH-Infrastrukturen besteht, bestätigte auch Tobias Münzer, Market Manager Public Networks bei Reichle & De-Massari. Er schätzt gegenüber inside-it.ch, dass derzeit maximal 10 Prozent aller Schweizer Gemeinden über Glasfasernetze verfügen. Fritz Sutter, Vorstandsmitglied des Telekomverbands Asut und ebenfalls Gast der Konferenz, teilt durchaus diese Einschätzung, betont aber im Gespräch mit inside-it.ch, dass die Gemeinden in Sachen technischer Novitäten immer schon relativ behäbig gewesen seien. Auch wenn der "Weckruf", wie ihn diese Konferenz vortrage, durchaus begründet sei, müsse man auch beim Glasfaserbau nicht in "Alarmismus" verfallen.
Gemeinden zu Investitionen veranlassen
Der Tenor der Gespräche an der Konferenz war denn auch klar: Die Gemeinden sollten sich neue Möglichkeiten für FTTH-Investitionen erschliessen. Bei Swisscom betont denn auch Daniel Staub (Foto), Leiter Wholesale, gegenüber inside-it.ch, wie wichtig es für die Gemeinden sei, bei einem Glasfaserausbau zusammenzuarbeiten. Das sei bereits eine grosse Herausforderung, wenn man sich vor Augen führe, dass im Kanton Thurgau mehr Energieversorger als Gemeinden bestehen, schiebt er als ein "spezielles Beispiel" nach. Damit liege auf der Hand, dass es schwierig sein kann, gemeinsame Strategien zu finden und Technologien auszuwählen, um übergreifende Standards zu entwickeln. Swisscom selber engagiert sich in vielen Gemeinden beim gemeinsamen Glasfaserausbau. Doch spüre Staub auch eine gewisse Scheu, mit einem nationalen Konzern in Kontakt zu treten. Staub betont darum, dass man auch mit einer technischen Hybrid-Lösung den Gemeinden helfen könnte, ins Glasfaser-Zeitalter einzusteigen.
Vorreiter wie Energie und Wasser Meilen betonten im Gespräch vorab ihre Pionierrolle. So erklärte uns Manuel Grossenbacher, dass es durchaus stimme, wenn viele Gemeinden heute noch davon ausgehen, es brauche keine Glasfaser. Doch, so Grossenbacher weiter, wenn man einige Jahre in die Zukunft schaue, werde klar, wie sinnvoll heute getätigte Investitionen dann sein werden. (Und genau diese Zukunft hatten ja die Vorträge vom Morgen thematisiert.) Mit seiner Einsicht steht EW Meilen durchaus nicht allein da. Denn auch Franz Stämpfli, Präsident des veranstaltenden Openaxs-Verbandes, schloss die Veranstaltung mit einen "Weckruf an die Gemeinden". Gegenüber inside-it.ch sagte er, dass Investitionen in Infrastrukturen zwar immer langfristig angelegt seien. Doch während das bei den Strassen, der Kanalisation und vielem anderen berücksichtigt werde, sei der Glasfaserausbau noch viel zu wenig im Fokus. Und hier fordert auch er ein Umdenken, um den digitalen Graben zwischen Stadt und Land zu überwinden. (Volker Richert)

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