Der Finanzplatz Zürich hat digitalen Nachholbedarf

16. Januar 2017, 13:41
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Eine Studie zeigt detailliert Stärken und Schwächen bei der Digitalisierung der Finanzbranche.

Eine Studie zeigt detailliert Stärken und Schwächen bei der Digitalisierung der Zürcher Finanzbranche.
Das Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Basel hat im Auftrag von Kanton und Stadt Zürich eine Studie (PDF) zur Entwicklung der Zürcher Finanzbranche veröffentlicht.
Wichtiger Treiber des Strukturwandels
Die Forscher haben Banken, Versicherungen und weitere Finanzdienstleister aus den Kantonen Zürich, Schwyz und Zug bezüglich Digitalisierung befragt und die Antworten ausgewertet. Rund 50 Experten aus den genannten Bereichen hätten den Online-Fragebogen beantwortet.
Die Digitalisierung gilt als wichtigster Treiber für den Strukturwandel in der Branche und sei eng mit der Industrialisierung – der Effizienzsteigerung der einzelnen Wertschöpfungsschritte – verzahnt. Neben dem Potential von Produktivitätsgewinnen, würden sich aus der Digitalisierung auch neue Geschäftsmodelle ergeben.
Bisherige Studien wiesen darauf hin, dass sich ein wesentlicher Teil der Banken und Versicherungen noch in einer Früh- oder Konzeptionsphase der Digitalisierung befände. Als wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung nennt die Studie die technologische Entwicklung, die Kundenbedürfnisse sowie das Regulierungsumfeld. Grundsätzlich reagierten die Banken und Versicherungen in der Region Zürich auf die veränderten Bedingungen und Bedürfnisse, wird in der Studie gefolgert.
Vom Kundenkontakt…
Im Kontakt mit Kunden nutzen aber weder Banken noch Versicherungen sämtliche Möglichkeiten. Obwohl die befragten Unternehmen ihr Angebot an Online- und App-Dienstleistungen ausweiten würden, bestehe derzeit noch Nachholbedarf.
Zwar sind Angebote wie E-Banking oder Tools für Online-Wertschriftentransaktionen bei nahezu allen Instituten im Einsatz, aber erst 60 Prozent gaben etwa an, eine Mobile-Payment-App zur Verfügung zu stellen. Online-Kontoeröffnung bieten erst etwas über 30 Prozent an. Es wird aber von fast 50 Prozent der befragten Unternehmen geplant. Die Finma hatte erst im Dezember 2015 die notwendigen Richtlinien zur Online-Identifizierung erlassen.
Die meisten Versicherungen bieten zwar einen Online-Prämienrechner, eine Versicherungs-App haben aber nur etwa 50 Prozent im Einsatz. Unfallmeldungen können bei über 60 Prozent der Versicherungen online zugestellt werden, während Online-Zahlungen erst bei rund 15 Prozent möglich sind.
Zahlreiche Versicherungen planen innovative Versicherungsangebote, die etwa die Mobilgeräte einbeziehen, ihre Anwendung ist aber aktuell noch selten.
...zu internen Prozessen
Im Bereich Fintech verfügten Banken und Versicherungen bereits über Lösungen, es werde aber noch sehr selektiv vorgegangen.
In der Big-Data-Analyse sehen beide Branchen die Technologie mit der grössten Relevanz. Über 60 Prozent der Banken und fast 70 Prozent der Versicherungen haben Aktivitäten in diesem Bereich angegeben. Bei den Banken wird zudem Personal Finance Management und Robo-Advisor-Lösungen grosse Wichtigkeit zugeschrieben. Ersteres erlaubt Kunden laufende Verwaltung und Übersicht ihrer Positionen. Zweiteres ist die Automatisierung und Digitalisierung der Finanzberatung. In der Versicherungsbranche wird Online-Vertrieb und Smart Contracts grosse Bedeutung zugemessen. Smart Contracts sind digital lesbare Verträge, die im Schadensfall automatisch eine entsprechende Zahlung auslösen könnten.
Den Digitalisierungsgrad der Wertschöpfungskette sehen Banker als weiter fortgeschritten als ihre Kollegen aus dem Versicherungsbereich. Im Bankensektor sind Zahlungsverkehr, Wertschriftentransaktionen sowie Depotführung am weitesten entwickelt, bei den Versicherungen insbesondere die Supportprozesse.
Externes Wissen nutzen
Sowohl Banken als auch Versicherungen haben eine hohe Eigenfertigungsquote. Die Unternehmen greifen zwar vielfach auf das Wissen externer Unternehmen zurück, es gibt aber auch zahlreiche Eigenentwicklungen.
Die Banken haben einen grösseren Teil der Wertschöpfung ausgelagert. Sie sehen aber weiteren Auslagerungsbedarf im Bereich des Zahlungsverkehrs, die Versicherungen hingegen bei Vertrieb und Beratung sowie den übergreifenden Leistungen, also den Aktivitäten, die auf den gesamten Geschäftsprozess wirken. Insourcing wird nur bei einer Minderheit der Institute betrieben, es spielt also nur eine geringe Rolle.
Deshalb sehen sich die befragten Fintech- und IT-Unternehmen wohl auch nicht als Konkurrenten zu Banken und Versicherungen, sondern als Dienstleister und Partner.
Weiterhin grosse Bedeutung
Die Wertschöpfung der Branche betrug 2015 26,5 Milliarden Franken und damit rund 17 Prozent des regionalen Bruttoinlandprodukts. Fast jeder zehnte Beschäftigte ist im Finanzsektor tätig. Innerhalb Europas ist Zürich nach London gemäss dem Global Financial Center Index auf Platz zwei der wettbewerbsfähigsten Finanzplätze. Weltweit belegt der Standort den neunten Rang. Momentan sei das Geschäftsumfeld aber angesichts niedriger Zinsen, negativer Einlagezinsen bei der Nationalbank (SNB), dem hohen Frankenkurs sowie nicht abgeschlossener Anpassungen der Regulierung schwierig. Deshalb sei es nur zu einem schwachen Wachstum gekommen, was auch für 2016 zu erwarten sei. Für die Folgejahre falle der Ausblick aber positiver aus, schreiben die Wissenschaftler in der Studie. (ts)
(Bild Startseite: Falk Lademann.)

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