Der grosse Werbe- und Privacykrieg der Tech­konzerne

6. Mai 2021, 15:32
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Apple hat die Tracking-Regeln verschärft, Google will nachziehen. Was steckt hinter der frisch entflammten Liebe der Konzerne zu Privacy und Datenschutz?

Der Konflikt um Tracking und Privacy im Internet heizt sich weiter auf. Angestossen wurde die jüngste Auseinandersetzung von Apple mit seiner Ankündigung, das Geschäft von Datensammlern und Werbetreibenden künftig zu erschweren. Tim Cook, der Chef des iPhone-Konzerns, hatte erst Ende April wieder getwittert: "Wir bei Apple waren schon immer der Meinung, dass Sie die Kontrolle über Ihre Daten haben sollten." Das Update zum iOS 14.5 brachte die gross angekündigte Änderung.
Faktisch wurde aber gar nicht viel verändert: Bislang konnten sich App-Entwickler auf Apples IDFA-System (Identity for Advertisers) verlassen, um zu sehen, wer auf Werbung klickt und welche Apps heruntergeladen werden. In Zukunft müssen Anbieter wie Facebook die User um Erlaubnis bitten, Tracking-Daten zu sammeln. Statt die Nachverfolgung in den Systemeinstellungen aktiv abschalten zu müssen, können die iPhone-Besitzer im Opt-in-Verfahren zustimmen. Viele User freuten sich auf Twitter über die neue Transparenz.
Laut einer Schätzung des Marktforschers Neil Cybert wurden Ende Oktober 2020 erstmals über eine Milliarde iPhones genutzt. Die "kleine Anpassung" auf den Geräten hat massive Auswirkungen, wie Studien zeigen. Bei manchen ist bereits die Rede von einer "IDFA-Apokalypse", wie die 'Financial Times' berichtet. Betroffen sind neben Google und Facebook auch kleinere App-Entwickler.
Google versprach im März 2021, dass man ab nächstem Jahr keine Individuen mehr im Netz tracken wolle. Die neue Technologie Federated Learning of Cohorts (FLoC) soll Anbietern dennoch personalisierte Werbung ermöglichen. Facebook meldete, dass man künftig den Handel von Partnern vermehrt über die eigene Plattform abwickeln wolle. Beide Konzerne verfügen ihrerseits über Unmengen an Daten ihrer Benutzer. Die Massnahmen von Apple könnten sich so als Vorteil der Grossen gegenüber den kleinen App-Entwicklern rausstellen, die auf den Werbeverkauf angewiesen sind und die selbst kaum Daten sammeln können.
Unter dem Strich könnte sich der mehr als überfällige Schritt also als Monopolisierungsschub herausstellen: Die kleinen App-Anbieter werden künftig stärker auf In-App-Verkäufe angewiesen sein. Ein Geschäft, von dem 15 bis 30% als Kommission an Apple fliessen sollen. Böse Zungen behaupten nun, dass Tim Cook nicht nur aus edlen Motiven gehandelt habe.
Derweil baut Apple offenbar sein eigenes Werbegeschäft aus, das auf den Nutzerdaten beruht, die auf dem eigenen Gerät hinterlassen werden: Käufe, Lesegewohnheit, Abos. Man kann dies zwar ausschalten, aber es ist per Default erlaubt. Apple betonte, dass die Daten nicht personalisiert seien, sondern zu Kohorten zusammengefasst an Werbetreibende geliefert würden.
Zugleich zeigte man sich bei Apple erstaunt über die massive Gegenwehr. Mit harten Bandagen gingen etwa die chinesischen Tech-Konzerne vor. Bytedance und Tencent, testen einen Identifizierungstool namens CAID, mit dem sie Apples neue Datenschutzregeln umgehen und iPhone-Nutzer ohne deren Zustimmung weiterverfolgen können.
Bislang mussten offenbar mehrere Apps abgelehnt werden, weil sie Workarounds implementiert hatten. Gegen die chinesischen Konzerne hat Apple eine Unterlassungserklärung publiziert. Dies berichtet die 'Financial Times' (Paywall). Die neuen Regeln könnten also in der Umsetzung schwierig sein, ihre Auswirkungen werden sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen.

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