Der Mobile World Congress, die Zahnbürste und die Dritte Welt

19. Februar 2014, 15:09
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    Die Veranstalter des Mobile World Congress rechnen mit über 70'000 Besuchern. Dabei stehen längst nicht mehr nur Handys im Fokus. Und alle schielen auf Wachstumsmärkte.

    Die Veranstalter des Mobile World Congress rechnen mit über 70'000 Besuchern. Dabei stehen längst nicht mehr nur Handys im Fokus. Und alle schielen auf Wachstumsmärkte.
    Der Mobile World Congress ist der wichtigste Treffpunkt der Mobilfunk-Industrie. Diesmal sind vom kommenden Montag bis Donnerstag unter anderem Facebook-Chef Mark Zuckerberg und IBM-CEO Virginia Rometty mit dabei. Rund 1700 Unternehmen zeigen in Barcelona ihre Produkte und Lösungen. Die Messe war im vergangenen Jahr auf ein grösseres Gelände umgezogen, weil es an dem bisherigen Ort zu eng geworden war. Die Veranstalter rechnen erneut mit über 70'000 Besuchern. Dabei ist der Mobile World Congress (früher bekannt als 3GSM) eine Fachveranstaltung: Die Gäste sind entweder Brancheninsider oder Journalisten.
    Vor dem Wandel
    Dieses Jahr ist vieles anders in Barcelona. Der Vorstoss der Dritten Welt in die Smartphone-Ära verschiebt noch einmal die Gewichte in der Branche. Und eine Vielzahl vernetzter Technik vom Auto bis zur Zahnbürste gibt bereits einen Vorgeschmack auf die Zukunft, in der nicht nur Handys funken, sondern nahezu jedes Gerät. Das anstehende jährliche Gipfeltreffen der Industrie in Barcelona verspricht deshalb spannend wie schon lange nicht mehr zu werden.
    Heute ist es kaum mehr vorstellbar, aber vor nicht einmal zehn Jahren waren einfache Handys ohne Internet-Zugang der Standard. Nokia war der unumstrittene König unter den Geräteherstellern. Und die Netzbetreiber hatten die Hoheit darüber, welche Software auf den Telefonen lief. Apple brach dieses Gefüge 2007 mit dem iPhone und ein Jahr später mit dem App Store auf. Das Google- Betriebssystem Android brachte dann den Siegeszug der Computer-Handys in den Massenmarkt.
    Im vergangenen Jahr wurde rund eine Milliarde Smartphones verkauft, etwa 80 Prozent von ihnen laufen mit dem Android-System. Fast jedes dritte Computer- Telefon kam von Samsung. Apple ist die Nummer zwei mit gut 15 Prozent Marktanteil, sichert sich mit seinen eher teuren iPhones aber laut Experten einen Löwenanteil der Profite.
    Doch auch diese klare Dominanz der beiden neuen Schwergewichte ist nicht in Stein gemeisselt. Denn das Geschäft wandelt sich. Der Grossteil des Wachstums beim Smartphone-Absatz kommt derzeit aus den Schwellenländern und der Dritten Welt - China, Indien, Afrika. Dort sind vor allem günstige Computer-Telefone gefragt.
    Es lockt ein riesiger unerschlossener Markt: Rund zwei Drittel der Weltbevölkerung sind noch nicht im Internet. Und inzwischen ist absehbar, dass für den Grossteil von ihnen das Smartphone zum ersten Computer-Gerät wird.
    Smartphone für 60 Dollar
    Zwischen den grossen Playern der Industrie ist ein Wettlauf um diese Wachstumsmärkte der Zukunft entbrannt, der auch die Messe in Barcelona zu prägen verspricht. Eines der heissesten Gerüchte dreht sich um ein erstes Android-Telefon von Nokia, das dort vorgestellt werden könnte.
    Der einstige Handy-Weltmarktführer setzte vor drei Jahren gross auf das Microsoft-System Windows Phone und steht kurz davor, von dem Software-Riesen geschluckt zu werden. Ein Smartphone mit dem System des Erzrivalen auf den Markt zu bringen, sähe auf den ersten Blick nach einem krassen Strategiewechsel aus.
    Doch dahinter dürfte kühles Kalkül im Kampf um die Wachstumsmärkte stehen. Windows Phone läuft derzeit nur mit einigen wenigen leistungsstarken Chips, was den Spielraum für Preissenkungen schmal hält. "Android ist derzeit die einzige Plattform, mit der man in Entwicklungsländern in grosser Zahl günstige Geräte anbieten kann", sagt Analyst Anshul Gupta vom Marktforscher Gartner. Und günstig heisst inzwischen schon für 60 bis 100 Dollar.
    Billige Smartphones sind derzeit die Domäne chinesischer Hersteller. Der Erfolg auf dem heimischen Riesenmarkt macht sie auch weltweit zu bedeutenden Playern. So will der Aufsteiger Xiaomi dieses Jahr 40 Millionen Smartphones verkaufen - und der Absatz werde nur durch die Fertigungskapazität gebremst, sagte Chef Lin Bin dem 'Wall Street Journal'.
    Android werde auf absehbare Zeit die treibende Kraft hinter dem Smartphone-Boom in den Wachstumsmärkten bleiben, betont Gartner-Analyst Gupta. Dabei gibt es immer mehr Android-Geräte, die von Google-Diensten entkoppelt sind. Der Internet-Konzern setzte die Software zwar grundsätzlich als offenes System auf, das jeder kostenlos nutzen und weiterentwickeln kann. Doch der Einsatz von Diensten wie Google Maps, GMail oder der Such-App ist nicht frei, sondern wird von dem Internet-Giganten mit harten Vertragsklauseln kontrolliert.
    Auf diese zum Teil für die Hersteller kostenpflichtigen Google-Dienste verzichten inzwischen viele chinesische Anbieter. Auch Amazon nabelte eine eigene Android-Version für sein Tablet Kindle Fire ab. Und auch Nokia dürfte bei seinem Android-Telefon das Google-System eher wie ein Trittbrettfahrer nutzen und statt Google-Karten oder GMail die Dienste aus eigenem Haus anbieten.
    Leichterer Internetzugang
    Google und Facebook nehmen sich die Dritte Welt aus einer anderen Richtung vor: Sie wollen die Menschen schneller ins Internet bringen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der in Barcelona als Redner auftreten wird, rief dafür die Koalition "Internet.org" für bezahlbares Internet ins Leben.
    Und Google experimentiert mit Projekten wie Sender-Ballons über den Wolken und will laut 'The Information' ein drahtloses Internet-Netz in der Hauptstadt von Uganda, Kampala, starten.
    Die Messe, die einst von Handy-Herstellern und Netzbetreibern beherrscht wurde, wird zugleich immer mehr zur Arena für vernetzte Technik aller Art. So will Ford ein neues Automodell in Barcelona präsentieren, obwohl wenige Tage später der Genfer Autosalon ansteht.
    Ausserdem bringen sich Anbieter von vernetzten Gadgets wie Fitness-Armbändern in Barcelona in Stellung. Der Mobile World Congress findet vom 24 bis zum 27. Februar statt. (sda/mim)

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