Der Notar, das Handelsregister und wir

13. Februar 2009, 17:22
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
Nervt Sie das helvetische KMU-Geblöcke auch? KMU hinten, KMU vorne, und jede Partei will noch "KMU-freundlicher" sein. Noch so absurde Forderungen (meistens geht es um Steuersenkung für Reiche und Wohlhabende) werden mit dem Argument der angeblichen "KMU-Freundlichkeit" begründet. Und: Wussten Sie, dass Kleinfirmen wie die unsere ganz konkret und in Cash von der Mehrwertsteuer profitieren?
Erinnern Sie sich an den medialen Volksaufstand, den einige Verbände und gewisse Parteien gegen die Einführung des neuen Lohnausweises inszenierten? Man beschwor den baldigen Untergang wegen Erstickung in Bürokratie der Schweizer Wirtschaft (wenn nicht gar des Abendlands). Und nun? Der neue Lohnausweis ist da, die Krise auch - aber gewiss nicht wegen zuviel Bürokratie... Dabei ging es eigentlich ja nur darum, die unter Gewerblern und sonstigen KMU-Propheten verbreitete Methode der Steuerhinterziehung mittels aufgeblähter Spesenabrechnungen abzustellen.
Das verbockte neue Aktienrecht
Ehrlich gesagt: Die Staatsbürokratie ist eine der geringsten Sorgen unserer unterdessen auf sechs Mitarbeitende angewachsenen Kleinfirma. Das mag auch an unserer genialen Buchhalterin Gabriela Jaussi liegen, die ein laufend gestiegenes Transaktionvolumen in der immer gleichen Zeit bewältigt und der wir alle Briefe mit einem Schweizerkreuz oder einem Züri-Leuen drauf verschämt und ungeöffnet hinlegen. Sie wandern dann auf für uns wundersame Weise von ihrem Pult in einen Ordner namens "erledigt" (er kann auch "MWSt" oder so heissen).
Bauchweh macht uns Papa Staat erst seit kurzem. Das neue Gesellschaftsrecht ("KMU-freundlich"!) wurde nämlich verbockt. Man hat die Anforderungen an die Revisionsstellen, die neu sogar auch GmbHs zwingend ernennen müssen, massiv erhöht. Dies führte dazu, dass unser lieber Treuhänder und Revisor, nicht mehr unser Revisor sein darf und wir uns an eine der grossen, staatlich anerkannten Treuhand-Firmen im Stile von PwC, die ja bekanntlich nie Fehler machen, hätten wenden müssen. Das aber hätte zu unverhältnissmässig hohen Kosten geführt.
Als kleine Aktiengesellschaft können wir uns nun für eine eingeschränkte Revision entscheiden oder sogar auf diese verzichten. Doch das löst einen gewaltigen Papierkrieg und - waseliwas? - Kosten aus. So müssen wir die Statuten unserer AG verändern und diesen Vorgang vom Notar beglaubigen lassen. Auf dem Handelsregisteramt Zürich gab man mir trocken Bescheid, das sei ganz einfach, wir müssten nur eine Generalversammlung auf dem Notariat durchführen. Klar, wir schliessen unsere Firma für einen Tag und fliegen unseren Präsidenten schnell ein, damit wir auf dem Notariat generalversammeln können. Kurz geisterte die Vision einer Generalversammlung der UBS im Sitzungszimmer des Notars im Kreis 4 durch meinen Kopf, bis mir einfiel, dass es sich die UBS wohl leisten kann, den Notar zu sich zu bestellen.
Zudem sind kiloweise Formulare auszufüllen, einige davon - zum Beispiel eine gewisse "Einverständniserklärung" muss man auch noch selbst erfinden - um dann den ganzen Karsumpel in die richtige Amtsstube zu schleiken. Welche das dann sein wird, werde ich schon noch herausfinden.
Die Übung (wir hätten das schöne Geld lieber mit der ganzen Crew verfressen...) dient wohlgemerkt nur dazu, damit es bleibt wie es (gut) war. Und wer hat's erfunden? Genau: Der abgew. Justizminister Christoph Blocher, Halbgott und einst einziger Vertreter der ach-so-unglaublich-KMU-freundlichen, volksnahen und Bürokratie-bekämpfenden Volkspartei. Danke, Christoph! (Christoph Hugenschmidt)

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