Deutsche Apobank muss immer noch IT-Probleme bewältigen

11. Juni 2020, 08:30
image

Die Bank wollte die gesamte IT auf einen Schlag migrieren, inklusive Avaloq. Neue Recherchen konkretisieren die Probleme.

Auch heute sehen sich die deutsche Apotheker- und Ärztebank Apobank und ihre 2500 Mitarbeitenden Beschwerden und Spott ausgesetzt.
Die IT-Migration der Bank inklusive Online-Banking und Einführung des Kernbanken-Systems von Avaloq ist nämlich auch neun Tage nach Pfingsten nicht abgeschlossen. Die Feedbacks sind dabei relativ unterschiedlich, sie reichen von Kommunikations- über Verständnis- bis zu technischen Problemen mit dem Online-Banking, Bancomaten, der App und Anbindungen von Finanz-Software. 
Abbuchungen seien nach wie vor nicht möglich, meldet ein Twitterer samt Screenshot.
Weiterhin prangt "Wir sagen Entschuldigung!" gross und fett auf der Webseite der Apobank und sie schreibt ihren 430’000 Kunden: "Aufgrund des grossen Aufkommens an Nachfragen beim telefonischen Kundenservice kann es trotz massiver personeller Aufstockung zu längeren Wartezeiten kommen."
Die genossenschaftliche "Apotheker- und Ärztebank" muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die Präsidenten mehrere Apothekerkammern nach der IT-Umstellung "über ihren privaten Account plötzlich Zugriff auf verschiedene Konten ihrer jeweiligen Kammer" hatten. Dies berichtet jedenfalls das Fachportal 'ApothekeAdhoc'. In einem Videopodcast gibt ein erbitterter Apotheker seiner Bank die schlechteste Note und wünscht ihr dennoch viel Erfolg.

In einer mittlerweile gegründeten Online-Selbsthilfe-Gruppe publizieren Apobank-Kunden derweil Bedienungsanleitungen, wie man vorgehen müsse. Da heissst es beispielsweise zum Online-Banking: "Die Umstellungsanleitungen, die ich bisher in freier Wildbahn gesichtet habe, laufen alle darauf hinaus, dass man den Homebanking-Kontakt komplett neu anlegen muss (…)".

Und auf Twitter publiziert eine hilfsbewusste Hausärztin Fehlermeldungen, die sie rund um das Homebanking Computer Interface (HBCI) erhält.

"Keinen Einfluss auf die Komplexität des IT-Migrationsprojekts"

Im öffentlichen Fokus steht primär der in Deutschland unbekannte Software-Anbieter Avaloq, der das neue Kernbankensystem implementiert hat. So recherchierte 'finanz-szene.de', dass die Apobank kurz vor Launch – im Februar 2020 – einen Zusatzauftrag an Avaloq vergeben habe, dass die Bank "künftig für die Wertpapierabwicklung auch BPaaS-Dienstleistungen von Avaloq zu beziehen" werde.
In diesem Zusammenhang sei es zu einer Filialgründung von Avaloq in Düsseldorf gekommen, bei der 75 Bankmitarbeitende übernommen werden. "Inwieweit wurden die beiden Projekte miteinander vermengt? Und inwieweit entstanden dadurch möglicherweise zusätzliche Komplexitäten und Verwicklungen?" fragte 'finanz-szene.de' die Zürcher. "Diese Transaktion hatte keinen Einfluss auf die Komplexität des IT-Migrationsprojekts", habe Avaloq erwidert, die Apobank ihrerseits bezog keine Stellung.
Sicher ist aber, dass die Bank nicht nur zu Avaloq wechselte, sondern dass sie mit Hilfe von Dienstleistern wie DXC und Orbium auf einen Schlag die gesamte IT-Infrastruktur erneuern wollte – vom Notebook bis zum Rechenzentrum. Offenbar involviert diese Rundum-Erneuerung auch Bearing Point mit seiner Abacus-Lösung, die neu eingeführt wurde. Diese ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen St. Galler Softwarefirma Abacus. 
Und dies alles mitten im Corona-bedingten Lockdown und Arbeiten im Homeoffice. Wie stark dies das sowieso hoch komplexe, auch zeitlich ambitionierte Riesenprojekt zusätzlich beeinflusst, lässt sich nur erahnen. Laut einem Journalisten sei eine Verschiebung des "Big Bang" auf Herbst 2020 zwar diskutiert, aber dann verworfen worden.

"Ich geh jetzt mit EC shoppen"

Ein Grund für das Festhalten am Pfingsttermin dürfte das Auslaufen der Verträge mit dem bisherigen IT-Dienstleister Fiducia & GAD sein, wie ‘finanz-szene.de’ schreibt und damit unsere unbestätigten Informationen bestätigt. Die Bank nimmt dazu keine Stellung.
Es fragt sich wie teuer eine Vertragsverlängerung in einem Projekt gewesen wäre, das laut Schätzungen bis zu 500 Millionen kosten soll.
Heute ist man am Tag 9 nach dem "Big Bang", manche Probleme scheinen gelöst und doch erhält die Bank Facebook-Kommentare wie diesen: "Eins muss man der Apobank schon lassen: sie versuchen, es wieder gut zu machen! Als Ausgleich dafür, dass eine von mir am 4.6. getätigte Überweisung zwar abgebucht wurde, aber nie beim Empfänger ankam, durfte ich am selben Tag mit EC tanken und noch einkaufen gehen, ohne dass mein Konto belastet wurde. Ich packe jetzt PC und Handy weg und geh mit EC shoppen…"

Loading

Mehr zum Thema

image

Nach Citrix-Tibco-Merger: Netscaler wird wieder unabhängiger

Das Gleiche scheint auch für Jaspersoft, Ibi und Sharefile zu gelten.

publiziert am 4.10.2022
image

Das "letzte Stündchen" der alten Einzahlungsscheine

Die Umstellung auf die QR-Rechnung ist aus Sicht der Post sehr gut angelaufen. Es kommen aber immer noch Kunden mit veralteten Einzahlungsscheinen an die Schalter.

publiziert am 4.10.2022
image

Frédéric Weill übergibt OpenWT in neue Hände

Beim IT-Berater übernimmt Swisscom sämtliche Anteile. Anfang nächstes Jahr kommt mit Pierre Grydbeck ein neuer CEO.

publiziert am 3.10.2022
image

IT-Firma der Stadt Wetzikon ist privatisiert

Die Stadt hat ihr IT-Unternehmen an das bisherige Management verkauft. Dies soll dem RIZ mehr Flexibilität für die weitere Entwicklung geben.

publiziert am 3.10.2022