Deutsche Telekom spielt "Reise nach Jerusalem"

3. Oktober 2006, 12:55
  • telco
  • deutsche telekom
  • reorg
  • gewerkschaft
image

Wer sitzt am schnellsten wieder auf einem sicheren Arbeitsplatz? 70'000 T-Com-Mitarbeitende müssen sich nochmal um ihre Stelle bewerben.

Wer sitzt am schnellsten wieder auf einem sicheren Arbeitsplatz? 70'000 T-Com-Mitarbeitende müssen sich nochmal um ihre Stelle bewerben.
Die Deutsche Telekom sorgt gegenwärtig mit einer internen Aktion für Aufsehen: Wie die 'Financial Times Deutschland' unter Berufung auf "mit dem Vorgang vertraute Personen" berichtet, müssen 70'000 der 110'000 Angestellten des Festnetzbereichs T-Com erneut Bewerbungsschreiben verfassen. Die Deutsche Telekom kommentierte den Bericht nicht.
Die Aktion steht gemäss 'FTD' im Zusammenhang mit der im letzten November angekündigten Restrukturierung, in deren Rahmen rund 32'000 der insgesamt gegenwärtig etwa 244'000 Arbeitsplatze bei der Telekom abgebaut werden sollen. Als Vorbereitung auf die Reorganisation seien etwa Zwei Drittel aller Stellenbeschreibungen neu definiert worden. Die betroffenen T-Com-Mitarbeitenden müssten sich nun für diese neue definierten Jobs intern neu bewerben. Durch dieses so genannte Anbietungsverfahren wolle das Management ermitteln, welche T-Com-Beschäftigten bei der anstehenden Reorganisation welche Jobs erhielten und wer allenfalls in eine Auffanggesellschaft umplaziert werde.
When the music's over
Die Aktion sorgt neben einem gewaltigen Aufwand auch für viel Unruhe und Ängste unter den T-Com-Angestellten. Ein "hochrangiger Berater" bezeichnete das interne Bewerbungsverfahren gemäss 'FTD' als "Reise nach Jerusalem" – das Partyspiel also, bei dem eine Reihe von Leuten so lange um ein paar Stühle rennen müssen, bis die Musik abbricht. Wer nicht schnell genug einen Sessel findet, ist draussen.
Wie das 'Managermagazin' berichtet, glauben Gewerkschaftsvertreter, dass durch die Neudefinition der Stellen ein Lohnabbau eingeleitet werden soll. Es gebe eine "massive Abbewertung" vieler Stellen, kommentierte gemäss 'Managermagazin' der für die Sparte T-Com zuständige Vertreter der Gewerkschaft Verdi, Jürgen Richter.
Zusätzlich verstärken sich auch die Befürchtungen unter der Telekom-Belegschaft, dass der Stellenabbau tiefgreifender sein wird, als bisher angekündigt. "Da kommt noch mehr", erzählte zum Beispiel ein Telekom-Personalmanager der 'FTD'.
Interessant könnte es sein, ob das Vorbild auch bei anderen Unternehmen, die grössere Restrukturierungen planen, Schule macht. Gerade in den Festnetzbereichen der Ex-Monopolisten ist in fast ganz Europa Personalabbau angesagt – die Party ist definitiv vorbei, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Stimmung der Angestellten. (Hans Jörg Maron)
(Bild: © Deutsche Telekom AG)

Loading

Mehr zum Thema

image

Meinung: Big-Tech-Beteiligung an Netzausbaukosten ist absurd

Das wäre, wie wenn sich Mercedes und VW sich am Strassenausbau oder Samsung und Miele am Stromnetzunterhalt beteiligen würden, kommentiert Chefredaktor Reto Vogt.

publiziert am 27.9.2022 3
image

Swisscom und EU-Telcos fordern Big-Tech-Beteiligung an Netzkosten

16 CEOs von europäischen Telekomunternehmen wollen, dass sich Google, Meta, Netflix & Co. am Netzausbau beteiligen. Die Forderung ist nicht neu, doch der Ton gewinnt an Schärfe.

publiziert am 26.9.2022
image

268 Millionen IPv4-Adressen sind verschwunden

Ein Forscher bezichtigt Adobe, Amazon und Verizon der unrechtmässigen Verwendung von reservierten IPv4-Adressen. Dadurch werden diese praktisch unbrauchbar.

publiziert am 20.9.2022
image

Huawei Schweiz ehrt seine "Partner des Jahres 2022"

Der chinesische Technologiekonzern betont bei der Award-Vergabe 2022 "bedeutende Projekte" der öffentlichen Hand.

publiziert am 20.9.2022