Deutschland vollzieht Kehrtwende bei Corona-Tracing-App

27. April 2020, 10:14
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Nun setzt auch der grosse Kanton auf eine dezentrale Architektur wie die Schweiz.

Deutschland vollzieht einen Kurswechsel in der Frage, welche Art von Smartphone-Technologie es zum Aufspüren von Coronaviren-Infektionen einsetzen will. Nun setzt das Land auf einen dezentralen Ansatz, der von Apple und Google sowie einer wachsenden Zahl anderer europäischer Länder befürwortet wird.
Kanzleramtsminister Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn sagten in einer gemeinsamen Erklärung, Deutschland werde beim "Digital Tracing" einen "dezentralen" Ansatz verfolgen und damit eine hausgemachte Alternative aufgeben, die den Gesundheitsbehörden landesweit die Kontrolle über die Tracking-Daten via eine zentralisierte Server-Lösung gegeben hätte.
Man werde, so die Minister, "eine dezentrale Architektur vorantreiben, die die Kontakte nur auf den Geräten speichert und damit Vertrauen schafft".
Diese App existiert im EU-Raum noch nicht. Und Apple wie Google arbeiten momentan an einer API, die das dezentrale Tracing möglich macht, weil Smartphones dezentral, OS-unabhängig temporäre Identifikationsnummern austauschen können. Zudem werde man sicherstellen, dass auch mit dem Bluetooth-Funk verbundene Zusatzdaten wie etwa die Signalstärke verschlüsselt würden, hatten die beiden Unternehmen versichert. Die kryptographischen Schlüssel sollen alle 10 bis 20 Minuten ändern, maximal 30 Minuten "Begegnungszeit" sollen erfasst werden.
Eine eigene dezentrale Schweizer Lösung steht kurz vor der Lancierung. Die App DP-3T soll laut ETH und EPFL bis zum 11. Mai fertiggestellt werden. DP-3T steht für Decentralized Privacy-Preserving Proximity Tracing.
Aber noch sind Fragen auch in der Schweiz offen. Die Staatspolitische Kommission des Nationalrats (SPK) drückt auf die Bremse: Bevor eine solche App zum Einsatz kommen dürfe, brauche es eine gesetzliche Grundlage. Sie hat eine entsprechende Motion eingereicht. Die SPK nimmt gleichzeitig zur Kenntnis, dass bei der Schweizer App die entsprechenden Daten anonymisiert seien, und aus diesen keine Schlüsse auf das Verhalten einzelner Personen gezogen werden könnten.
In eine ähnliche Richtung muss Israel gehen: Israels oberstes Gericht entschied, die Regierung müsse die Covid-19-Telefonüberwachung gesetzlich verankern.
Weniger Probleme mit der Überwachung scheinen Herr und Frau Schweizer zu haben, im Gegenteil: Die User-Akzeptanz für eine Tracing-App sei hoch, so folgert zumindest Deloitte basierend auf einer Online-Umfrage.
Die Corona-Apps sollen helfen, die Covid-19-Ansteckungen einzudämmen, wenn die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden. Sie sollen erfassen, welche Smartphones einander nahegekommen sind und sie sollen deren Besitzer warnen, wenn sich später herausstellt, dass sie infizierten Personen nahegekommen sind.

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