Dichtung und Wahrheit zur Infor Entwicklungsstrategie

1. November 2006, 10:30
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Entwicklung aufgegeben? Gerüchte um Entwicklungsstrategie des weltweit drittgrössten ERP-Spezialisten.

Entwicklung aufgegeben? Gerüchte um Entwicklungsstrategie des weltweit drittgrössten ERP-Spezialisten.
"Infor hat die Weiterentwicklung von Infor:com und von Infor Xpert in Deutschland aufgegeben und alle Java-Entwickler entlassen," lautet ein Gerücht, das uns in den letzten Wochen zugetragen wurde. "Infor hat die Entwicklung in Winterthur geschlossen," ein anderes und "Infor entwickelt nur noch in Indien," ein drittes. Zu guter letzt hiess es dann noch: "Infor entwickelt nur noch Baan weiter."
Inside-it.ch ist der Sache nachgegangen und hat sich mit Hermann Stehlik, dem EMEA-Marketing-Chef von Infor im Range eines "Vice President", getroffen. Und siehe da: Die Gerüchte sind wahr und unwahr zugleich. Wahr ist, dass Infor dass Vorhaben, Infor COM, also die klassische deutsche Lösung für die diskrete Industrie, vollständig neu auf Java zu entwickeln, aufgegeben hat. Unwahr ist allerdings, dass Infor COM überhaupt nicht mehr weiterentwickelt werden. Stehlik: "Infor ERP COM auf Java neu zu bauen, macht seit der Übernahme von SSA Global (Baan) keinen Sinn mehr, denn wir haben durch den Aufkauf von SSA bereits das angepeilte Endprodukt, eine Multisite-Lösung für den höheren Mittelstand. Selbstverständlich wird Infor COM auf der bestehenden Technologie funktional weiter entwickelt. Wir positionieren das Produkt als Lösung für den Mittelstand in der diskreten Fertigung. Infor COM ist eines unser Hauptprodukte für den mitteleuropäischen Mittelstand."
Entwicklungsleiter von COM nimmt den Hut
Welche Auswirkungen dieser Beschluss konkret für die Entwicklungsabteilungen von Infor in Deutschland hatte, wollte Stehlik nicht sagen. Sicher ist, dass Stellen abgebaut oder verschoben wurden und dass der bisherige Entwicklungsleiter Günter Kaufmann das Unternehmen enttäuscht verlassen hat. Stehlik betont allerdings, dass heute für die funktionale Verbesserung von Infor COM mehr Leute zur Verfügung stünden als noch vor zwei Jahren. Neuer Entwicklungsleiter ist Thorsten Reuper, der seit vielen Jahren mit Brain (heute Infor XPert) durch die Höhen und Tiefen (Börsengang, Konkurs, Übernahme durch Infor) der deutschen ERP-Szene gegangen ist.
Auch alte Lösungen werden gepflegt
Thorsten Reuper, Leiter Entwicklung der Infor, den wir im Rahmen unserer Infor-Forschungen ebenfalls trafen, erzählte uns, dass Infor selbst das alterwürdige "MAS90", ein auf AS/400 basierendes ERP-System, das in grauer Vorzeit über Brain von IBM zur Infor-Gruppe kam, weiterhin pflegt. "Die Kunden wollen nicht wechseln, also werden wir das System weiterhin pflegen," sagt Reuper glaubwürdig.
Infor ERP Xpert, das auf die Autozulieferer-Branche zugeschnittene System aus dem Infor-Stall, hat gemäss Reuper seit März eine neue grafische Oberfläche bekommen (nicht nur zur Freude der bestehenen Kunden, die an ihren "Greenscreens" hängen) und wird Unicode verarbeiten können. Damit sind dann auch koreanische oder chinesische Versionen für die in der Autoindustrie sehr verbreitete Software möglich.
Und die Schweiz?
Zum Gerücht, Infor habe die Entwicklungsabteilung in Winterthur geschlossen, nahm ein dritter Manager Stellung: Markus Stahl, der bei Infor in Basel sitzt. Auch in dieser Frage mischt sich Dichtung und Wahrheit. Denn die Winterthurer Entwickler kamen über einen Zukauf zu Infor und sind heute wieder als APM Consulting selbständig. Die Firma ist weiterhin für die Entwicklung des Moduls Infor:Project zuständig und führt Infor als Partner auf.
Rasend schneller Umbau der Nr. 3 im ERP-Markt - Kommunikation hält nicht mit
Die US Zentrale des Infor-Konzerns baut den unterdessen drittgrössten ERP-Spezialisten der Welt rasend schnell um. So kam die Kommunikation nach aussen offensichtlich nicht mehr mit.
Stehlik antwortet nicht direkt auf unsere kritischen Anmerkungen: "Wir sind mit der Übernahme von SSA Global und Systems Union in nur zwei Wochen von einem Umsatz von 760 Millionen auf 2,1 Milliarden Dollar gewachsen. Deshalb haben wir im August und September eine völlig neue Organisation aufgebaut. Wir sind nun europaweit in die vier Segmente Verkauf / Marketing / Beratung und Entwicklung aufgegliedert. Ich denke, wir haben diese Aufgabe angesichts ihrer Grösse sehr schnell bewältigt."
Neukunden, nicht nur Wartungserträge
Ein Autor der deutschen 'Computerwoche' hat Infor auch schon mal in einem viel gelesenen Blog-Eintrag vorgeworfen, die "Schrotthändler der ITK-Branche" zu sein. Infor kaufe einfach haufenweise ERP-Systeme zusammen und presse die bestehenden Kunden dann über Wartungsverträge aus.
Bei Infor schüttelt man auf diesen Vorwurf hin den Kopf. Alleine im Geschäftsjahr bis Mai 2006 hat die Infor-Gruppe gemäss Marketing-Mann Markus Stahl weltweit 800 Neukunden gewonnen. Von einem reinen "Wachstum über Akquisition" kann gemäss Stahl nicht die Rede sein. Zusammen mit SSA (ehemals Baan) wolle man im laufenden Geschäftsjahr bis Mitte 2007 1'500 neue Kunden akquirieren.
Und gemäss Stehlik hat Infor einen "Renewal-Rate" (Verlängerung von Wartungsverträgen für bestehende Software-Installationen - ein wichtiges Indiz dafür, ob die Kunden an die Weiterentwicklung eines Produkts glauben oder nicht) von 97 Prozent. Wenn Infor auch Mühe hat, die Strategie nach aussen zu kommunizieren, so scheint man zumindest die Kunden von der Zukunft der vielen Lösungen im Stall überzeugen zu können.
Der Marketing-Mann gibt zu Bedenken, dass SSA und Infor eine unterschiedliche Strategie verfolgt hätten. SSA sei unter dem alten Besitzer auf eine "Halten"-Strategie gedrängt worden. Nun werde es darum gehen, auch für das klassische Baan wieder Neukunden zu gewinnen. (Christoph Hugenschmidt)

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