Die andere Sicht: "Der Mensch ist das Öl."

3. August 2021, 07:55
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Immer wieder höre ich das Mantra von den Daten, die das Öl der neuen Zeit seien. Es offenbart eine Schwäche der IT, alles an Daten und Prozessen festzumachen.

Der Mensch sei austauschbar, heisst es oft, eine Variable im Räderwerk der Informationstechnologien. Das ist falsch. Wenn wir zurückblicken auf die Anfänge der Industrialisierung zeigen sich Abgründe. Die Maschinen wurden von ausgebeuteten Menschen bedient. Oft waren die Arbeitsbedingungen gesundheitsgefährdend, gefährlich und die Bezahlung schlecht. Zwölf bis 16 Stunden pro Tag, im Maschinenraum einer neuen Wirtschaft. Aus den sozialpolitischen Schriften von Ernst Abbé (Jena, 1920): "Mein Vater war ein Mann von Hünengestalt, einen halben Kopf größer als ich, von unerschöpflicher Robustheit, aber mit 48 Jahren in Haltung und Aussehen ein Greis; seine weniger robusten Kollegen waren aber mit 38 Jahren Greise."
Wir dürfen nicht die Fehler der damaligen Zeit wiederholen und den Menschen vergessen. Die Digitalisierung und Vernetzung ist der Kern der vierten Industriellen Revolution, nach der Automatisierung durch Computer, nach der Akkordarbeit am Fliessband und der Erfindung der Dampfmaschine mit der nachfolgenden maschinellen Produktion von Gütern um 1800. Immer geriet der Mensch unter die Räder. Diesmal kann alles anders sein.
Daten sind die kleinste Einheit der gerade begonnen Phase in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Sie sind Ausgangs- und Endpunkt für bessere Informationen, bessere Prozesse, bessere Geschäftsentscheidungen. Für mehr Effizienz und Produktivität. Die Analogie zum Öl greift nicht, da mit dem fossilen Brennstoff nur eine weitere Maschine angetrieben werden würde. Mit Daten hingegen dreht die künftige Wirtschaft rund, die sich jetzt in ihren Konturen abzeichnet.

Ein Gespräch ist mehr als ein Prozess

Sie sorgt für menschlichere Bedingungen, wenn wir den Menschen nicht als Teil des IT-Prozesses verstehen, sondern den IT-Prozess als Verbesserung seines Wirkens. Künstliche Intelligenz und automatisierte Prozesse entlasten von routinemässigen, arbeitsteiligen Aufgaben, was neue Kräfte an der Mensch-Mensch-Schnittstelle entfaltet. Menschen verhalten sich gegenüber Menschen im Gespräch nicht länger wie ein Prozess – sondern wie ein Mensch. Individuell. Mitfühlend. Nach einer Lösung suchend. Individuelle, komplexere Fälle gemeinsam lösen, menschliche Unterstützung und Nähe für kreative Prozesse suchen – die Pandemie hat gezeigt, dass der Rückzug hinter den Bildschirm nicht die Lösung ist, vielmehr hybride Modelle gefragt sind. Und dass sie funktionieren.
Wir gleiten über Flächen von Datenstrukturen, die immer dichter werden und Gesellschaft und Wirtschaft transformieren, in einen beständigen menschlichen Wert. Umso erstaunter bin ich, dass immer noch viele Unternehmen recht sorglos damit umgehen, ihre Bedeutung für das heutige Geschäft und für die Zukunft unterschätzen. 71 Minuten beträgt laut unserer jährlichen Untersuchung die Ausfallzeit eines Systems in der Schweiz, fast ein Viertel der angelegten Backups lassen sich nicht wiederherstellen. Gleichzeitig entwickelt sich eine Cloud-Ökonomie mit vielen verschiedenen, verknüpften Services im Hintergrund einer Kundenschnittstelle. Eine Pizzabestellung involviert nicht mehr nur ein, sondern viele Systeme. Wo sind die Daten, wann in welchem Zustand?
Eine stringente Datenmanagement-Strategie ist dringend, wollen wir die Vorteile der Digitalisierung nicht verspielen. Wir haben zum ersten Mal seit Beginn der Industrialisierung die Chance, das Leben und Wirken von Menschen nicht auf Ausbeutung zu gründen. Sondern auf einer menschlichen Digitalisierung, die uns nicht bereits in jungen Jahren vergreisen lässt, sondern uns als Menschen stärker macht. Der Mensch, er ist heute so wertvoll wie früher das Öl, das ist wohl der grösste Fortschritt aller Industrialisierungen seit der Dampfmaschine.
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    Douglas Chechele

    Country Manager Switzerland Veeam

    Douglas Chechele verantwortet seit 2016 das Schweiz-Geschäft der hierzulande gegründeten Software-Firma Veeam. Im letzten Jahr hat die Private-Equity-Firma Insight Partners den global agierenden Spezialisten für Datenschutz und Datensicherheit übernommen.

In "Die andere Sicht" kommen operativ Verantwortliche aus der Schweizer ICT-Branche zu Wort. Sie verlassen ausgetretene Pfade und erschliessen neue Horizonte.

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