Die andere Sicht: "Hier können kleinere Unternehmen lernen von grösseren"

28. Oktober 2020, 13:41
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Was bedeutet es, nach einer internationalen Karriere in die GL eines nationalen Unternehmens zu wechseln? Eine Ex-Microsoft-Managerin berichtet.

In "Die andere Sicht" kommen operativ Verantwortliche aus der Schweizer ICT-Branche zu Wort. Sie haben ausgetretene Pfade verlassen und neue Horizonte erschlossen.
Zum Auftakt berichtet Vanessa Marr, CMO und Geschäftsleitungsmitglied von Localsearch, von ihren Erfahrungen als Managerin beim Weltkonzern Microsoft Schweiz und der Schweizer Localsearch. Wir haben die Mutter einer Teenager-Tochter gefragt, was es bedeutet, jahrelang zwischen Zürich, London und Seattle unterwegs zu sein, um dann wieder ganz auf die Schweiz zu fokussieren. Marr äussert sich gleichzeitig dediziert zu Diversität und Frauen in Führungspositionen.
"Beim Wechsel von einem Konzern zu einem viel kleineren Schweizer Unternehmen empfinde ich weniger die Grösse als Unterschied denn die globale und nationale Ausrichtung. Bei Microsoft hat mir gefallen, dass wir global entwickelte und erprobte Produkte im Schweizer Markt einführen konnten und dabei auf ein breites Spektrum an Erfahrungen und Kulturen zurückgreifen konnten. Heute bei Localsearch gefällt mir wiederum, dass wir Lösungen speziell für den Schweizer Markt entwickeln und hier auch weniger Kompromisse eingehen müssen.
Ein anderer für mich spürbarer Unterschied: Die Fixierung auf eine allgemein gültige Balanced Scorecard im US-Grosskonzern ist geschäftsprägend. Entscheidungen werden primär zur Erfüllung der Ziel-KPI gefällt mit dem Vorteil, dass die Zielsetzung für alle gleich und transparent ist. Der Nachteil besteht jedoch darin, dass teilweise lokale Spontaneität und Innovation keinen Platz finden, wenn sie nicht eng abgestimmt sind mit der voraus definierten Jahresplanung.
Übrigens habe ich dieses strikte Regime eines Business-Rhythmus weniger im Schweizer Umfeld vorgefunden. Wobei die Frage jedoch noch offen bleibt, ob es dies auch wirklich braucht. Als neue Freiheit hat sich dann auch das Wegfallen des Arbeitens über 3 Zeitzonen gezeigt.
Anders gesagt habe ich früher globale Produkte lokal vermarktet, habe also digitale Services wie zum Beispiel Outlook.com, Skype oder das Webportal MSN im Schweizer Markt beliebt und erfolgreich gemacht. Ziele waren dabei vor allem das User-Wachstum, Marktanteile und Monetisierung der Freemium-Services über Werbung.
Heute ist meine Verantwortung ähnlich, mit dem Unterschied, dass sich die Nähe zur Produktentwicklung die Vermarktung der Produkte natürlich insofern einfacher gestaltet, weil die Entwicklung nur für einen Markt definiert werden muss, und wir damit Marketing und Produkt eng für diesen einen Markt abstimmen können. Kurz: Bei globalen Services müssen zwangsläufig Abstriche bei den Bedürfnissen von Märkten gemacht werden. Meistens leider bei kleineren Märkten wie eben der Schweiz.
Gut war im internationalen Umfeld auf jeden Fall, dass ich die Dynamik und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Abteilungen und Teams gelernt habe (Cross-Kollaboration). Mit dem Ansatz des 'Gärtchendenkens' kommt man in einer globalen Unternehmung nicht sehr weit. Diese Flexibilität kommt mir auch im nationalen, grösseren Unternehmen sehr zugute. Zudem konnte ich schon früh die Vorzüge von virtuellen Meetings schätzen lernen (2009). Was heute zu Corona-Zeit für viele neue ist, war für mich jahrelang Alltag. Beim übergreifenden Team-Denken können kleinere Unternehmen durchaus von den grossen lernen.

Diversität

Ein ganz anderes Thema, für mich persönlich jedoch zentral, ist Diversität. Als Frau und Mutter in einer verantwortungsvollen Rolle war für mich die amerikanische Haltung diesem Thema gegenüber sehr passend. Man kann von den Amerikanern halten, was man will. Wo sie uns in der Schweiz meines Erachtens voraus sind: Sie meinen es ernst mit 'Gender Diversity'.
Mir ist das aufgefallen, weil ich von einem Schweizer Unternehmen ohne Frauen in der GL und praktisch keinen Frauen im Kader kam. Plötzlich galt 50/50 wie in anderen europäischen Märkten etwa in Frankreich oder Grossbritannien. Auch habe ich zu dieser Zeit zum ersten Mal eine weibliche CEO in der Geschäftsleitung Microsoft Schweiz erlebt. Kurz gesagt gab und gibt es im nationalen Kontext nur wenige weibliche Vorbilder, obwohl ich nun selbst hoffentlich für jüngere Frauen zu einem geworden bin.
Mein aktueller Karriereschritt bei Localsearch in die Geschäftsleitung als CMO hat sicher viel mit dieser Erfahrung zu tun. Für einen solchen Schritt bringe ich sicher das nötige Selbstvertrauen und die Seniorität mit.

Fazit

Gegenwärtig fühle ich mich sehr wohl in meiner Rolle. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, später wieder international zu arbeiten. Der tägliche Austausch mit verschiedenen Märkten ist das Einzige, was ich in einer nationalen Unternehmung vermisse.
Wenn ich nach Ratschlägen gefragt werde, möchte ich hier gerne und vor allem an die weiblichen Führungskräfte oder solche die es werden wollen, folgendes richten: Die Erfahrung in einem internationalen Umfeld zu wachsen, ist eine grossartige. Sie hilft vor allem in der natürlichen Vorbildfunktion von aktiven Managerinnen, welche man in anderen Ländern noch viel mehr antrifft als in der Schweiz. Hat man das Vergnügen, mit talentierten und charmanten weiblichen Führungskräften in jungen Jahren zusammenzuarbeiten, kann das nur positiv auf die eigene Entwicklung wirken. 'Charmant', sage ich übrigens bewusst."
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    Vanessa Marr

    CMO Localsearch

    Vanessa Marr hat ihre Karriere 2003 bei SRG/SSR gestartet und zugleich fast 3 Jahre in der Online-Publikumsforschung gearbeitet. 2006 wechselte die studierte Publizistin und Soziologin bis 2009 als Head of Research & Communication zu Goldbach Media. Mit diesem Background kam sie zu Microsoft Schweiz, wo sie zuletzt die landesweite Werbung verantwortete. Nach knapp 7 Jahren wechselte sie von 2016 bis 2018 zum digitalen Mobile-Advertising-Spezialisten Adello Group. Seither hat Marr bei Localsearch zunächst das E-Commerce-Business aufgebaut und amtet heute als CMO (Chief Marketing Officer). Sie gehört der Geschäftsleitung des Unternehmens an.

Zu "Die andere Sicht":

Der Erfahrungshorizont unserer Gastautorinnen und -autoren soll regelmässig Inspirationsquelle sein und darf durchaus auch provozieren. Haben auch Sie eine andere Sicht? Dann senden Sie uns einen kurzen Abstract an redaktion@inside-it.ch und vielleicht laden wir Sie zu einem Gastbeitrag ein.

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