Die Baustellen der Schweizer Telekom-Branche

5. Dezember 2013, 09:27
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Die Konsolidierung in der Telekom-Branche wird weitergehen. Neue Geschäftsmodelle sind gefragt. Die drei grossen Schweizer Telcos bringen sich in Position.

Die Konsolidierung in der Telekom-Branche wird weitergehen. Neue Geschäftsmodelle sind gefragt. Die drei grossen Schweizer Telcos bringen sich in Position.
Anlässlich der 17. Telekommarkt-Jahrestagung, die am Mittwoch und Donnerstag in Rüschlikon stattfindet, liessen die wichtigsten Akteure der Schweizer Telekom-Szene Vergangenes Revue passieren - der Blick in die Zukunft dominierte aber die Gespräche. Der Markt wandelt sich schnell und die Konsolidierungswelle hat ganz Europa erfasst. Wie also soll man sich positionieren?, fragte Fritz Sutter (Foto), Vorstandsmitglied des Telekom-Branchenverbands Asut, zur Begrüssung.
Siegeszug von 4G
Johan Andsjö, seit rund einem Jahr Orange-CEO. Lieber sprach er aber über die Zukunft: Andsjö wagte für 2014 drei Prophezeiungen: Erstens sei die Idee des globalen Telekom-Operators ein Auslaufmodell. Schlank aufgestellte und lokal verankerte Telcos seien im Aufwind. Der Preisdruck zwinge Telcos, Kosten zu senken, was wiederum die Konsolidierung fördere. Vor diesem Hintergrund gehörten globale Investitionen der Vergangenheit an. Der zweite wichtige Trend 2014 sei TV: Die Tendenz, dass vermehrt auf mobilen Geräten TV geschaut werde, verstärke sich weiter. Drittens werde 4G den Siegeszug antreten: Bis Ende 2014 soll drei Viertel des mobilen Traffics (Voice und Daten) über 4G laufen. Das würde bedeuten, dass der Übergang von 3G zu 4G hierzulande innerhalb von lediglich eineinhalb Jahren passieren würde. Im Gegensatz zu 3G werde 4G vor allem von Privatkunden angetrieben, berichtete Andsjö.
Sunrise und Cablecom farblos
Eher uninspiriert wirkten hingegen Sunrise-Chef Libor Voncina und Eric Tveter, Managing Director von UPC Cablecom. Voncina verwies erneut - wie sein Pendant bei Orange - auf den Ausbau beim Kundensupports (Sunrise hat die Zahl der Kundendienst-Mitarbeitenden um über 20 Prozent erhöht, Orange um fast 30 Prozent). Auf konkrete Fragen des stellvertretenden Chefredaktors der 'Bilanz' Marc Kowalsky ging er aber selten ein. Dass sich Sunrise in einem permanenten Krisenmodus befinde, stritt er ab. Das TV-Angebot, sagte Voncina, sei profitabel, wenn man das Festnetzangebot dazu zähle - für sich allein gestellt verliert Sunrise mit dem TV-Angebot aber noch immer Geld.
Tveter von Cablecom, der schon mehrere Male die Jahrestagung besuchte, liess sich keine Details zum geplanten Mobilfunkangebot entlocken, das Cablecom in Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber Orange voraussichtlich in wenigen Wochen lancieren wird. Im Gegensatz zum Orange-Chef sagte Tveter den global aufgestellten Telcos eine glänzende Zukunft voraus. "Es wäre viel schwieriger gewesen, unser neues TV-Angebot Horizon ohne die Unterstützung des Mutterkonzern Liberty Global auf den Markt zu bringen", sagte Tveter.
Offensichtlich gehen in Bezug auf die "richtige" Grösse eines Telcos die Meinungen auseinander.
Baustellen
Marc Furrer, Präsident der Eidgenössischen Kommunikationskommission (ComCom), blickte zurück und meinte, man habe in der Schweiz grundsätzlich das Ziel erreicht, den Infrastruktur- und den Dienstewettbewerb zu fördern. "Die Preise sind gesunken", sagte Furrer und verwies auf die neusten Zahlen des Bundesamts für Kommunikation (Bakom). Allerdings, sagte Furrer, gebe es auch Baustellen: Die ICT-Branche habe nach wie vor Mühe, Fachkräfte zu finden. Weiter beklagte Furrer eine "zunehmende Monopolmentalität" und eine Marktverzerrung.
Die Preise seien zwar gesunken, was insbesondere dem Ex-Monopolisten Swisscom zu verdanken sei. Doch Swisscom bleibe marktbeherrschend und niemand könne garantieren, dass Swisscom dereinst - in fünf oder in zehn Jahren - nicht mehr so stark an der Preisschraube drehe oder gar höhere Preise durchsetze. Der Swisscom-Vertreter im Publikum, Carsten Roetz, kritisierte diese Argumentation und verwies just auf die eben auch von Furrer erwähnten Preissenkungen. Der Konsumentenschützerin Sara Stalder, die tiefere Roaming-Gebühren gefordert hatte, rief er in Erinnerung, dass Swisscom unter den Schweizer Mobilfunkanbietern die tiefsten Roaming-Gebühren habe.
Auf der Bühne liess sich mangels Swisscom-Stellvertreter eine gewisse Einseitigkeit nicht verschleiern. "Der Swisscom ist etwas mehr Wettbewerb zu gönnen", hielt Furrer fest. Was wiederum die Frage aufwarf, ob die geplatzte Fusion zwischen den Verfolgern Sunrise und Orange wieder ein Thema werden könnte. Der Orange-Chef hatte zuvor sinngemäss geäussert, die Fusion werde wohl immer in den Hinterköpfen bleiben. Der Sunrise-Chef sagte dazu bloss, er wisse nicht, ob das wieder ein Thema werde.
FMG veraltet
Eine weitere Baustelle, sagte der Regulator Furrer, seien die im europäischen Vergleich zehn Mal schärferen Umwelt- und Bauauflagen für mobile Infrastrukturen, die der Branchenverband Asut basierend auf zwei Studien bereits Anfang Woche angeprangert hatte.
Die letzte, aber nicht minder wichtige Baustelle seien die "völlig veralteten und überholten Rechtsgrundlagen". Für Furrer braucht es im Schweizer Telekommarkt in erster Linie Eigenverantwortung, aber mit einem gewissen Mass an Regulierung, damit Wettbewerb stattfindet. Heute würden Swisscom-Mitbewerber zu viel bezahlen für die Interkonnektion. Hier brauche es einen Mentalitätswechsel. Furrer und der Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli plädierten dafür, dass das Thema Netzneutralität in die Revision des Fernmeldegesetzes (FMG) integriert werde. Furrer erinnerte daran, dass bei der FMG-Revision vor sechs Jahren noch niemand von Big Data oder Cloud Computing gesprochen habe. Man müsse im Gesetz aber nicht Details regeln, dafür gebe es Verordnungen. Und letztlich habe der Schweizer Telekommarkt schon mehrmals gezeigt, dass er vieles selber regeln könne. (Maurizio Minetti)
Foto: Euroforum

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