Die grosse Swisscom-Auto-Show

15. Mai 2015, 15:01
  • kolumne
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Gepimpte Parkierhilfe oder Innovation? Egal!

Swisscom zeigt das erste autonom fahrende Auto in der Schweiz und stösst auf riesiges Interesse der Medien. Ist Swisscom innovativer als die Konkurrenz?
Swisscom präsentierte diese Woche Medienschaffenden und wichtigen Kunden das angeblich erste selbstfahrende Auto in der Schweiz und löste damit einen regelrechten High-Tech-Medienhype aus.
Warum Swisscom? Warum ist es ausgerechnet den ehemals drögen Berner "Telefönlern" gelungen, sich mit dem heissen Thema der selbstfahrenden Autos als innovative Firma in den Schweizer Medien zu platzieren? Warum kam der Schritt nicht von Stadler Rail, der SBB, Siemens Schweiz oder ABB, die mit den Themen "automatische Steuerung" mindestens so viel zu tun haben? Und warum ist es nicht ein cooler, von viel Risikokapital finanzierter, Startup, sondern ein staatsnaher Betrieb, der das Thema aufgebracht hat?
Die Begeisterung ist umso erstaunlicher, weil das von Swisscom gezeigte Auto weder neu – es fährt schon seit 2011 in Berlin herum – noch wirklich autonom ist. Das "selbstfahrende" Auto braucht einen menschlichen Piloten sowie eine Co-Piloten und es darf nur auf einer genau definierten Strecke fahren. Wichtiger noch: Es ist gar kein so gutes Beispiel für die "Digitalisierung", denn es kommuniziert nicht selbst mit der Umwelt und kann (noch) keine Daten von Ampeln, von anderen Autos oder Verkehrsinformationssystemen verarbeiten. Ist es deshalb nicht eher eine Art gepimpte Parkierhilfe?
Egal!
Wichtiger ist, dass es Swisscom mit geschickter PR-Arbeit gelungen ist, die aktuellen Hype-Themen rund um "Digitalisierung" (Internet der Dinge, Cloud, Smart Home, E-Health, Big Data und wie sie noch alle heissen) zu besetzen. Der einst vielgescholtene Ex-Monopolist präsentiert sich nicht erst seit dieser Woche als Modernisierer der Schweiz.
Swisscom verkabelt die Schweiz so schnell mit Glasfaserkabeln, dass der einst so gefährlichen und im Mobilfunkbusiness treibt man die Konkurrenz mit Flat-Rate-Angeboten und dem Angriff auf die Roaming-Profite vor sich her.
Der Internet-Unternehmer Andreas von Gunten schreibt in seinem Blog, Swisscom gehe es mit der Auto-PR-Show darum, präventiv gegen Netzneutralität vorzugehen.
Das ist zu kurz gedacht, denn Swisscom geht es um mehr. Beim im internationalen Vergleich winzigen Schweizer Telekomriesen weiss man genau, dass die Margen im heutigen Kernbusiness (Festnetz + Mobile + IT-Services) so sicher schmelzen werden, wie Schnee im Frühling. Und besetzt unter Einsatz von viel Geld und Hirn künftige Geschäftsfelder, noch bevor es sie gibt. Die wenigstens (Ex-) Monopolisten schaffen dies und "Staatsbetriebe" schon gar nicht. (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Der Autor schreibt manchmal in seiner Freizeit im Auftrag von Swisscom für das Kundenmagazin 'dialogue'.)

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