Die Infor-Nebel lichten sich

30. Januar 2008, 13:42
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Infor ist ein Konglomerat von zusammengekauften Lösungen (Infor, Baan, GEAC, ...). An einer Kundentagung zeigten sich nun Ansätze zu einer konsistenten Strategie. Doch man traf auch aufgebrachte Baan-Anwender.

Infor ist ein Konglomerat von zusammengekauften Lösungen (Infor, Baan, GEAC ...). An einer Kundentagung zeigten sich nun Ansätze zu einer konsistenten Strategie. Doch man traf auch aufgebrachte Baan-Anwender.
Die Konzernspitze des weltweit drittgrössten ERP-Konzerns Infor pilgerte im November ins unwirtliche Offenbach, um sich etwa 650 Kunden aus dem deutschsprachigen Raum zu stellen. In einer Serie von Präsentationen versuchten die Infor-Leute, ihrer Kundschaft das mancherorts in Frage gestellte Vertrauen in die langfristige Strategie des Konzerns einzuflössen. Dies dürfte Infor-CEO Jim Schapers und seinem CTO Bruce Gordon nicht in allen Fällen gelungen sein. Wir trafen Baan-Anwender von grossen deutschen Unternehmen, die offen sagten, sie glaubten in Sachen Baan überhaupt niemandem mehr und würden nun halt eben doch SAP evaluieren.
Kein Wunder: Die Software des holländischen ERP-Anbieters Baan wechselte seit 2001 drei Mal den Besitzer (Invensys 2001, SSA Global 2003, Infor 2006) und es existieren heute drei technologisch unterschiedliche Versionen (Baan IV, Baan V, Infor ERP Ln). Bei Infor ist man sich aber durchaus bewusst, in welch schwieriger Lage Baan-Anwender stecken. Hermann Stehlik, bei Infor für das Marketing in Europa verantwortlich, glaubt, dass vor allem der vorherige Besitzer SSA Global viel Geschirr zerschlagen hat. "SSA sagte damals, Baan IV und V würden nicht mehr unterstützt und die Kunden hätten halt auf Baan Ln zu migrieren. Das macht die Situation für uns schwierig. Tatsache ist, dass 90 Prozent unserer Kunden ihre Produkte nicht bei Infor gekauft haben." Nun gehe es darum, näher an die Kunden zu kommen. "Wir sind bei diesem Thema sehr sensibilisiert. Ich glaube, wir machen schon heute sehr viel für Baan IV und V-Kunden," so Stehlik. Zentral für Infor sei heute, die versprochenen Updates für Baan tatsächlich termingerecht zu liefern.
Auf den oft geäusserten Vorwurf, Infor fahre die Weiterentwicklung von übernommenen ERP-Lösungen zurück, um möglichst rasch Geld damit zu verdienen, antwortet Stehlik: "Für uns ist bei jeder Übernahme zentral, dass die funktionale Weiterentwicklung des Produkts am gleichen Standort mit den gleichen Leuten weiter läuft. Richtig ist aber, dass wir Backoffice-Funktionen zentralisieren. Wir wissen, was Baan-Anwender durchgemacht haben und strengen uns enorm an, ihnen eine gute Perspektive zu zeigen."
Wie weiter mit Baan IV und V?
Die Präsentation der Roadmaps für die "alten" Baan-Versionen IV und V stiess in Offenbach auf so grosses Interesse, dass sie einen grösseren Saal verlegt werden musste.
Wie wichtig Infor die Beruhigung der bestehenden Baan IV und V-Kundenbasis ist, zeigte sich unter anderem daran, dass der Software-Konzern gleich CTO Bruce Gordon (Foto), einen der führenden Köpfe des Konzerns, auf die Bühne schickte. Niemand werde gezwungen, auf die neueste Baan-Version zu migrieren, versicherten die Infor-Leute mehr als einmal.
Eine der zentralen Verbesserungen von Baan IV und V wird die Entwicklung von so genannten "Hompages" sein. "Homepages" sind über Rollen gesteuerte, individuelle Benützeroberflächen, in denen die für den jeweiligen Benützer, z.B. "Einkäufer", nötigen Informationen zusammengefasst werden. Weiter erhalten Baan IV und V funktionale Zusätze ("extended Solutions") wie Analyse- und Reporting-Werkzeuge, CRM-Lösungen, Erweiterungen für PLM (Product Lifecycle Management) und SCM (Supply Chain Management). Eine für multinationale Firmen wichtige Ergänzung wird die Einführung von mehreren buchhalterischen Hauptbüchern im Januar 2009 sein.
Weitere Verbesserungen betreffen die Inventarkontrolle und -Kostenrechnung, Projekt-Kostenkontrolle und neue Funktionalitäten für die Preisberechnung.
Gordon betonte, dass die angekündigten Erweiterungen der drei Baan-Lösungen nach einem fixen Zeitplan auch wirklich ausgeliefert würden. Noch unklar ist hingegen, ob es eine Baan IV-Version für die Prozessindustrie geben wird und ob die Lösung auch auf Windows Server 2008 und nächste Version der Microsoft Datenbank SQL-Server migriert wird.
Baan IV lebt (teilweise) noch lange
Die neuen Funktionalitäten, insbesondere die neuen User-Interfaces von Baan IV werden mit modernen Methoden (AJAX) entwickelt. Dies wird dazu führen, dass Anwender von Baan IV unter Umständen zwischen verschiedenen Interfaces hin- und herschalten müssen. Doch Anwender sollen nur jene Komponenten der Software erneuern, die sie auch wirklich brauchen. Gordon: "Wenn ein Anwender in fünf oder zehn (!) Jahren nur noch drei "alte" Komponenten von Baan IV benützt, dann kann es sinnvoll sein, komplett auf eine neue Version zu migrieren. Doch wir überlassen diesen Entscheid Ihnen."
Bauchweh mit der Umsetzung von neuen Steuervorschriften
Keine verbindliche Terminaussage konnte Gordon zu den Fragen aus dem Publikum geben, wann Infor bestimmte neuere EU-Vorschriften in Baan abbilden würde. Man sei sich des Problems bewusst, sagte Gordon und werde wohl eine "Tax Engine" für alle Infor-Systeme schreiben, die dann jeweils nur noch einmal pro Land angepasst werden muss. Aus den Publikumsreaktionen wurde klar, dass Infor gut daran täte, sich des Problems rascher als geplant anzunehmen.
Das ist die Infor-Strategie
Aus den Vorträgen und Gesprächen am Inforum kristallisierte sich endlich eine verständliche und konsistente Strategie heraus. Der heute drittgrösste Anbieter von ERP-Lösungen sitzt auf einer wahren Herde von zusammengekauften Lösungen und ihren Kunden.
Entgegen den ursprünglichen Befürchtungen, unterstützt der "heimliche ERP-Riese" die zusammengekauften Lösungen (Brain, Infor, Baan, Geac, Epiphany, ...) weiterhin. So wurde am Inforum eben Version 4.0 von "Infor ERP Xpert", dem guten alten "Brain", angekündigt. Neue Funktionalitäten wie Module für Projektmanagement, Produkt-Lebenszyklus, Business Intelligence und vieles mehr, werden aber in neuen Technologien entwickelt und an die bestehenden, "gekapselten" Lösungen angeflantscht.
Infor-CTO Gordon im Gespräch mit inside-it.ch: "Man kann Kunden nicht zu einem Upgrade zwingen. Wir werden die meisten Produkte bis 2010 auf einer neuen Plattform entwickelt haben, doch die Kunden werden die alten Komponenten noch viel länger benützen, als wir das gerne hätten. Doch wenn man versucht, Kunden zu zwingen, dann verlassen sie einem. Wir müssen den Kunden Zuckerbrot geben, nicht die Peitsche. Wenn wir dem Kunden genügend neu entwickelte, gute Funktionalitäten anbieten, wird er sich irgendeinmal dazu entscheiden, auch noch die letzten Reste des alten Codes aufzugeben und auf neue Komponenten zu migrieren. Er wird das zwar später tun, als wir es gerne hätten. Aber eben: Wir können ihn nicht zwingen."
Das unsichtbare SOA
Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, hier en détail auf die SOA-Strategie im Hause Infor einzugehen. Wir fassen hier deshalb nur einige wenige Aussagen zusammen.
Anders als man es von SAP und Oracle gewohnt ist, hörte man am Inforum das Schlagwort SOA (Service orientierte Architektur) nicht sehr oft. Gordon erklärt: "Kunden sind nicht an Technologie interessiert. Sie wollen Funktionalitäten. Unsere SOA-Strategie soll deshalb unsichtbar sein. Klar ist, dass es in Zukunft nicht ein SOA-Framework geben wird, sondern viele. Die Anwender werden also unsere Plattform benützen oder eben nicht. Danach haben wir uns zu richten."
Der eloquente Neuseeländer hält den Weg, den SAP und Oracle gehen, für viel zu komplex, da zu viele einzelne Geschäftsprozesse definiert werden müssen. "Wenn es nicht einfach ist, funktioniert es nicht." (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Infor ist als "Partner" ein Werbekunde unseres Verlags. Viele Mitbewerber allerdings auch.)

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