Die IT-Sorgen des Schweizer Detail- und Fachhandels

7. Oktober 2011, 07:20
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Erster Swiss Retail Technology Day zieht Retail- und IT-Experten nach Rüschlikon.

Erster Swiss Retail Technology Day zieht Retail- und IT-Experten nach Rüschlikon.
Das Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon ist seit jeher der Treffpunkt des Schweizer Handels. Hier werden Strategien und Visionen diskutiert und die Chefetage der Handelsfirmen gibt sich gerne die Klinke in die Hand. Für einmal waren es IT- und Prozess-Experten, die am 5. Oktober 2011 zum ersten "Swiss Retail Technology Day" nach Rüschlikon kamen. Der Tag wurde von der Zürcher i2s consulting organisiert und von diversen Sponsoren und Ausstellern unterstützt. So war es nicht verwunderlich, dass sich die Teilnehmerliste wie ein Who-is-who des Schweizer Detail- und Fachhandels lesen liess. Über 60 Experten von Anwenderunternehmen aus einer Branche zu versammeln, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
"Ein harpunierter Wal"
Nun steckt der Schweizer Handel aktuell tief in der Krise. Das schöne Wetter und der Euro-Wechselkurs setzen den Umsatzzahlen schwer zu und Krisen, das weiss man, verhindern das Denken. So forderte Dr. Eric Scherer, Geschäftsführer der i2s und Begrüssungsredner, alle Beteiligten auf, Platz zum Nachdenken in den Köpfen zu schaffen und wieder Freude an Innovation zu gewinnen. "Der Handel ist wie ein harpunierter Wal" meinte Scherer, verstrickt in Altsystemen, um die sich die IT kümmert und neuen Ideen, die leider viel zu häufig rein den Marketingabteilungen überlassen werden. Gerade im Handel ist IT zum Schlüssel für Prozessinnovation geworden und seitdem die Kunden quasi für ihre eigene IT-Hardware im Hosensack sorgen – gemeint ist die Smartphone-Welle – ist Innovation zu einem Supermarkt der Möglichkeiten geworden.
Dass es hier jede Menge von Möglichkeiten gibt, zeigten einige der Aussteller, die sich mit Themen rund um Mobilität und Visualisierung platzierten. So wurden etwa Lösungen unter dem Schlagwort "[email protected]" vorgestellt oder aufgezeigt, wie man den Laden- und Kassenbereich zur dynamischen Werbefläche umnutzt. Dass Platz für Innovation auch dort ist, wo man am Anfang gar nicht drüber nachdenkt, zeigte Markus Guggenbühler, CIO der Valora-Gruppe, auf: Seit einiger Zeit bietet Valora an ihren Kiosken die Möglichkeit zu elektronische Übermittlung von Bargeldzahlungen – in einem Bankenland wie der Schweiz fast schon ein Anachronismus. Trotzdem ist es gelungen, zusammen mit einem Partner in kürzester Zeit zum Schweizer Marktführer zu werden. Für die Valora-Kioske in ihren Kampf um Quadratmeter-Umsätze scheint dies eine echte Innovation.
Aber auch die Frage, wie man Kern-IT-Projekte, wie etwa die Einführung einer neuen Warenwirtschaft anpackt, wurden an praktischen Beispielen aufgezeigt. So zeigte Albert Keel, Geschäftsführer des Schweizer Traditionsunternehmen Spatz Camping, auf, wie es gelingen konnte, ein neues Warenwirtschaftssystem einschliesslich Kasse in nur sieben Wochen einzuführen. Andere Anwendervertreter, etwa von Otto Office oder Navyboot berichteten von gestuften Einführungen mit Zwischenschritten, die sich teilweise über Jahre hinweg erstreckten.
Wie viele Standardprozesse?
Die Frage, wie viel Standard der Handel, der in weiten Teilen noch immer eine Hochburg der Individualentwicklung ist, braucht, wurde im Rahmen des Podiumsgesprächs intensiv diskutiert. In letzter Konsequenz wurde die Strategie, sich auch im Handel vermehrt an Standard-Prozessen und –Systemen auszurichten, von allen Beteiligten bejaht. Angst macht aber vor allem die Komplexität der gewachsenen Altsystemlandschaften, die häufig drohen, zu einem Technologie-Museum zu werden. Gerade hier wurde klar, dass IT-Anbieter heute neben IT- und Prozess-Expertise auch Migrationsstrategien anbieten müssen.
Alles in allem gab der erste Swiss Retail Technology Day genügend Stoff für Erfahrungsaustausch und kompetentes Fachsimpeln zwischen Besuchern und Ausstellern. Und so gesellten sich dank gutem Programm, schönstem Wetter und bester Verpflegung eine grosse Anzahl von zufriedenen Teilnehmern und Ausstellern. Das gesteckte Ziel wurde, so Eric Scherer, klar erreicht: "Mit dem Swiss Retail Technology Day hat die IT im Schweizer Handel einen Treffpunkt gefunden." (red)

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