Die Krise hat nur wenig S/4Hana-Projekte ausge­bremst

22. Dezember 2021, 10:07
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SAP-Anwender, die die Digitalisierung ernsthaft vorantreiben wollen, kommen laut DSAG-Fachvorstand Jean-Claude Flury nicht an der S/4Hana-Migration vorbei.

Die gute Nachricht vorneweg: Bei vielen Mitgliedern der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) waren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise geringer als zunächst befürchtet. Ging im Jahr 2020 der Umsatz noch bei drei Viertel der Schweizer DSAG-Mitglieder zurück, ist dies in diesem Jahr nur noch bei 33% (DACH: 42%) der Fall.
"Die SAP-Anwenderunternehmen hierzulande sind in der Regel wirtschaftlich gut aufgestellt. Sie sind bislang verhältnismässig glimpflich durch die Pandemie gekommen", erklärt Jean-Claude Flury, DSAG-Fachvorstand Schweiz.
Die Pandemie löste ausserdem einen Digitalisierungsschub aus. Die Homeoffice-Situation habe es deutlich gezeigt, so Flury. "Wer keine funktionierenden digitalen Kanäle zu seinen Kunden und Beschäftigten hat, wessen Supply-Chains nicht bereits (teil-)automatisiert sind und wer immer noch auf Papier unterschreibt, ausdruckt und einscannt, der kann keine effizienten Geschäftsprozesse etablieren."
Warum wird bei S/Hana-Migrationen noch gezögert?Jean-Claude Flury: Vielen Unternehmen ist der Mehrwert der neuen Produktgeneration S/4Hana noch nicht klar. Bei einigen Mitgliedern wird der Umstieg kritisch hinterfragt. Insbesondere kleinere Unternehmen fragen sich, ob das nächste ERP-System noch von SAP kommen muss. Die grossen Unternehmen benötigen meist den Funktionsumfang und die Belastbarkeit, wie ihn letztlich doch nur SAP bieten kann. SAP muss einen deutlichen Weg von der alten in die neue ERP-Welt vorzeichnen und noch besser kommunizieren, inwieweit bisherige Features mit der neuen Produktgeneration weitergenutzt werden können. Die gemachten Versprechen hinsichtlich der Integration der einzelnen Lösungen, der Harmonisierung der Stammdaten sowie einer einheitlichen User-Experience müssen schneller umgesetzt werden.

"Mehr oder weniger subtil forciert"

Die nun wieder ansteigenden Umsätze würden eine finanzielle Grundlage für Investitionen in die IT schaffen, ergänzt Flury. Es gebe zwar Branchenunterschiede, aber grundsätzlich lasse sich sagen: Unternehmen, denen es gut geht, haben verstanden, dass sie jetzt aktiv werden müssen. Das gelte auch für SAP-Migrationsprojekte.
Viele SAP-Anwender haben bereits mit der Migration begonnen. Die Projekte würden "von SAP mehr oder weniger subtil forciert", so Flury. Zwar wurden die Wartungsfristen für SAP ECC nochmals verlängert, aber dort könnten dann bestimmte neue Cloud-Services nicht mehr vernünftig angedockt werden. Kunden, die die Digitalisierung ernsthaft vorantreiben wollen, würden deshalb an einer Migration nicht mehr vorbeikommen, so der DSAG-Fachvorstand. "Ich kenne eigentlich kein Unternehmen mit SAP im Einsatz, das nicht schon einen Umstellungsplan oder ein Projekt gestartet hat."
Man sehe aber noch viele ungelöste Probleme. Die Funktionalität von S/4Hana in wichtigen Teilbereichen sei noch nicht auf dem Stand des bisherigen SAP ECC, vor allem was die klassischen Kernfunktionen angeht, bilanziert Flury.
Wie unterscheiden sich Schweizer SAP-Anwenderfirmen von jenen im DACH-Raum?Flury: Grundsätzlich denke ich, dass sich vor allem kleine Schweizer Unternehmen durch eine gewisse Agilität und Innovationsfreude auszeichnen. Ganz pragmatisch nehmen sie die Dinge in Angriff, ohne noch wochenlange Entscheidungsprozesse und Sitzungen voranzustellen. Bezogen auf SAP heisst das, im Vergleich mit dem gesamten deutschsprachigen Raum beschäftigen sich bereits viele mit S/4Hana-Migrationsprojekten und optimieren in diesem Zuge ihre Prozesse.
Mit der Pandemie wurden andere Digitalisierungsprojekte drängender. Wirkt sich das auf die SAP-Migrationen aus?Flury: Die DSAG hatte in einem Statement zu Corona vermutet, dass die Krise auch S/4Hana-Projekte ausbremsen könnte. Im Gegensatz zu Deutschland und Österreich ist dies in der Schweiz jedoch weniger der Fall: Nur 31% der Befragten gaben an, dass S/4Hana-Projekte beziehungsweise -Roadmaps verschoben oder sogar prinzipiell zurückgestellt werden. Bei 66% der Schweizer Unternehmen werden solche Vorhaben sogar beschleunigt oder zumindest konsequent vorangetrieben.
Mit S/4Hana liessen sich intelligente Netzwerke aus Lieferanten und Partnern, übergreifende Prozesse und gemeinsame Datennutzung realisieren, fügte Flury an. Und diese brauche es angesichts des künftig zunehmend verteilten Arbeitens. Das hätten auch die Unternehmen gemerkt, als ihre Beschäftigten von heute auf morgen im Homeoffice sassen, es aber immer noch lokal im Büro fest verdrahtete Telefonielösungen gegeben habe. "Da wurden viele Missstände offensichtlich, die man jetzt angeht", wie Flury erklärt. Es sei spannend zu sehen, wie die Migration dort auch während der Pandemie vorangetrieben wird. Der verlängerte Support für die Business Suite sei natürlich wichtig, denn viele Unternehmen betreiben noch irgendwo alte ECC-Subsysteme, die erst später abgelöst werden können.
SAP hat Anfang 2021 "Rise with SAP" vorgestellt. Sieht man schon positive Auswirkungen des Programms?Flury: Eine DSAG-Umfrage vom Juli 2021 stimmt was das Programm angeht nicht gerade euphorisch. Nur 12% der DSAG-Mitglieder (insgesamt) halten das Angebot für sehr beziehungsweise eher werthaltig und nur 10% glauben, demnächst auf das Programm aufzusatteln. 39% hingegen sind der Ansicht, Rise with SAP sei für sie nicht sehr oder gar nicht relevant. SAP müsste deshalb den inhaltlichen Nutzen und das damit verbundene Transformationspotenzial noch viel deutlicher vermitteln. Nur wer diesen Wertbeitrag als Bestandteil seiner Unternehmenstransformation erkennt, wird den Weg auch mit Rise with SAP gestalten.
Grundsätzlich würden aber die meisten S/4Hana-Projekte gut vorangehen, erklärte Flury. Daran habe auch die Pandemie nichts geändert. Da die Unternehmen aber gut auf ihre Prozesse abgestimmte ECC-Installationen ablösen müssen, wird es laut Flury durchaus noch Baustellen und Diskussionsbedarf geben. SAP sei gefordert, den Kunden die Transition so einfach wie möglich zu machen.
Neben Datenschutz-Bedenken, woran scheitert oder verzögert sich die Einführung von Cloud-Lösungen?Flury: SAP hat in der Vergangenheit vielfach die angestrebte Cloud-first-Strategie betont. Grosse Investitionsbereitschaft in die SAP-Cloud-Lösungen herrscht bei den Schweizer Unternehmen allerdings bis dato nicht. Die Bedenken der Unternehmen, firmenrelevante Daten in die Cloud zu geben, ist noch immer gross. Dennoch sind wir in der Schweiz dem Ganzen gegenüber noch deutlich aufgeschlossener als im restlichen DACH-Raum. Insbesondere die SAP Analytics Cloud scheint bei den Schweizer Unternehmen auf Interesse zu stossen. Diese unterstützt Firmen bei ihren Digitalisierungsbemühungen und kann gleichzeitig dabei helfen, den Bedarf an Vorhersagen zu decken, die insbesondere in Krisenzeiten wichtiger denn je sind.
In Bezug auf ihre Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit würden Unternehmen SAP-Cloud-Lösungen aber nicht immer nur positiv bewerten. Es sei bei deren Weiterentwicklung nicht immer nachvollziehbar, wie Kunden-Anforderungen priorisiert und umgesetzt oder auch nicht umgesetzt werden. Hier müsse SAP noch nachbessern, damit Cloud-first für die Schweizer Unternehmen vermehrt ein gangbarer Weg werde. "Die grösste Herausforderung bei der Nutzung von Cloud-Diensten sehen DSAG-Mitglieder laut einer Umfrage beim Thema Lizenzmodelle und -kosten", sagt Flury. "Erst anschliessend folgen Datenschutz und Informationssicherheit sowie die fehlende Integration."

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