Die neue Mahindra Satyam: "Fun and Family"

3. Juli 2009, 13:48
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CP Gurnani, seit wenigen Tagen CEO von Mahindra Satyam, sagt im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch, wie er das Vertrauen der Kunden des indischen IT-Riesen zurückgewinnen will und warum er "Fun and Family" so wichtig findet.

CP Gurnani, seit wenigen Tagen CEO von Mahindra Satyam, sagt im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch, wie er das Vertrauen der Kunden des indischen IT-Riesen zurückgewinnen will und warum er "Fun and Family" so wichtig findet.
Am 7. Januar erlebte die indische IT-Industrie einen regelrechten Schock. B. Ramalinga Raju, Gründer und Vorsitzernder des grossen und - wie man dachte - erfolgreichen Dienstleistungsriesen Satyam, gab in einem Brief an den Verwaltungsrat zu, jahrelang die Bilanz des Unternehmens gefälscht zu haben.. Hinter Tech Mahindra steht der Industrie-, Immobilien- und Finanzkonzern Mahindra, der unter vielem anderem auch zu den drei weltweit grössten Herstellern von Traktoren zählt.
Seit wenigen Tagen heisst der IT-Dienstleistungsriese 'Mahindra Satyam' und steht unter neuer Führung. Der neue CEO, CP Gurnani (Foto) wurde von Tech Mahindra geholt, wo er zuvor die internationalen Operationen des Joint-Venture zwischen Mahindra und BT geleitet hatte. Gurnani machte sich sofort auf den Weg zu Kundenbesuchen, was uns die Gelegenheit zu einem Exklusiv-Gespräch auf dem Genfer Flughafen eröffnete.
"Der Betrug ist lokalisiert"
Es liegt auf der Hand, dass die Frage, wie Mahindra Satyam das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen wolle, im Zentrum des Gesprächs stand. Gurnani: "Die Kunden, die Satyam treu geblieben sind, hatten ihre guten Gründe. Sie hatten in eine Beziehung zu Satyam investiert und haben auch in der Krise konstant das Feedback ihrer Angestellten über die Qualität von Satyam ausgewertet. Am Schluss geht es aber bei jedem Service-Anbieter immer um die Fähigkeit, die versprochenen Dienstleistungen zu liefern. Ich kann soviel von Vertrauen reden wie ich will. Wenn die Beziehungen nicht gut sind, die Feedbacks der Mitarbeitenden schlecht oder wir die versprochenen Dienstleistungen nicht wirklich erbringen, nützt das alles nichts."
Die Kunden seien sich immer bewusst gewesen, dass die Krise um Satyam wegen bestimmter buchhalterischer Handlungen einiger weniger und namentlich bekannten Individuen, namentlich des ehemaligen CEO und seines Finanzchefs, entstanden sei, so Gurnani weiter. "Der Betrug ist lokalisiert und hat nichts mit allen anderen Satyam-Angestellten zu tun. Ich habe heute einige Kunden getroffen, die mir sagten, dass sie die Expertise und Integrität der Satyam-Mitarbeitenden wie auch das klare Commitment des Managements und des Verwaltungsrats, die ab dem 9. Januar eingesetzt wurden, sehr schätzen. Und Leute wie SAP-Chef Léo Apotheker haben uns immer unterstützt. Er sandte ganz am Anfang der Krise eine E-Mail und sicherte seine Unterstützung zu."
Gurnani über den Vorteil, einem Grosskonzern anzugehören
Ein IT-Dienstleister braucht finanzielle Potenz. Denn die Kunden vertrauen ihm wesentliche Teile ihrer Infrastruktur und / oder ihrer Entwicklungs-Budgets an. So schätzt denn Gurnani den Fakt, dass Mahindra Satyam nun über Tech-Mahindra zum indischen Grosskonzern gehört, als wichtigen, vertrauensbildenden Faktor ein. Tech Mahindra sei zudem ein seltenes Beispiel eines seit vielen Jahren funktionierenden Joint Ventures (mit BT). Doch all das genügt noch nicht, ist sich Gurnani bewusst: "Und dann müssen wir von Mahindra Satyam in aller Öffentlichkeit über unsere Governance, unsere finanzielle Stabilität und darüber, dass wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen, reden. Ich bin überzeugt, dass das Vertrauen in Mahindra Satyam zurückkehren wird."
Als Teil der Mahindra-Gruppe sei das Potential fast unbegrenzt, betont Gurnani: "Tech Mahindra kann IT und Netzwerke bieten und im Mahindra-Konzern finden sich riesige Industriekapazitäten, Finanzdienstleistungen und Produktions-Know-How. Wir können beispielsweise einem Flugzeughersteller anbieten, nicht nur bestimmte Teile für ihn zu entwickeln und zu produzieren, sondern auch das Risiko zu tragen. Wir können für unsere Kunden nun nicht nur Software entwickeln, sondern auch Systemintegration oder den Bau und Betrieb der Netzwerke übernehmen. Satyam ist nicht mehr alleine, sondern zusammen mit BT Global Services, Tech Mahindra und dem Mahindra-Konzern."
Verlorene Kunden zurückholen
Dass Mahindra Satyam in den Turbulenzen seit Januar Kunden verloren hat, ist kein Geheimnis. Gurnani: "Es waren einige, was niemanden erstaunen kann. Wir gingen durch eine Periode der Spannung und Unsicherheit: Die Kunden wachten eines Morgens auf und stellten fest, dass Satyam kein Geld mehr hat, um die Löhne zu bezahlen. Das gleiche passierte den Angestellten. Doch heute haben wir 600 Millionen Dollar in der Bilanz. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Investition von Tech Mahindra in Satyam voll der Firma und nicht irgendwelchen Aktionären zu gut kam. Sie machte Mahindra Satyam zu einer reichen Firma.
Ja, wir haben Kunden verloren. Aber wir haben immer noch über 400 Auftraggeber. Und die gingen mit uns durch die ganze Unsicherheit und glauben immer noch an uns. Wir werden noch 600 Kunden neu gewinnen und die verlorenen zurückholen."~~
Glaubt man Gurnani, dann haben jene Kunden, die dem Dienstleister in den kritischen Monaten die Stange gehalten haben, sogar bewusst darauf verzichtet, sofort auf eine Neuverhandlung der Verträge (zu tieferen Preisen) zu drängen. "Unsere Kunden waren wirklich ausgesprochen nett."
Services für eine Finanzindustrie in der Krise
Wie wirkt sich die Finanzkrise aus? Welche Strategien verfolgt Gurnani gegenüber den Kunden aus dem Banken-Umfeld? ~~" Ich gehöre zu denen, die glauben, dass Krisen auch Chancen bieten. Es gibt Dienstleistungen, die in einem schrumpfenden Markt gebraucht werden, ich nenne sie 'Downturn-Services'. Was macht eine Bank in guten Zeiten? Sie sagt sich zum Beispiel, sie wolle eine Plattform für den Wertschriftenhandel aufbauen und betreiben, die Millionen von Transaktionen täglich bewältigen kann. In der Krise hat nun jede Bank eine eigene Plattform und hunderte von Leuten, die nicht ausgelastet sind. Warum sollen sie den Wertschriftenhandel nicht als 'shared service' von uns beziehen?
Und man kann natürlich auch klassisch dem Kunden Assets abkaufen und so seine Kapitalkosten reduzieren. Drittens kann man Plattformen kombinieren und ihre Zahl reduzieren. Schauen wir Verkaufsprozesse an. Da gibt es verschiedene Kanäle wie Callcenter, Retailläden und Webportale. Die drei beruhen auf unterschiedlichen, redundanten Systemen und allenfalls sogar unterschiedlichen Datenbanken. Wenn ich alle Prozesse in einem Unternehmen auf zwei, nämlich Verkauf und Reparatur ("Trouble-Ticketing"), reduzieren könnte, würde ich dem Kunden Kosten einsparen und hätte ein gutes Argument.~~
"Fun and Family"
Auf unsere Frage, ob Mahindra Satyam massiv Stellen abbauen musste oder wichtige Mitarbeitende abwanderten, kam Gurnani so richtig in Fahrt: "Wo ich arbeite, ist die Abwanderung von Mitarbeitenden immer am geringsten. Denn wir verstehen die Bedürfnisse der Leute. Was will ein Angestellter? Er will wachsen, er will Anerkennung, er will eine lernende Umgebung, ein angemessenes Gehalt und fünftens will er "fun and family". Wir alle verbringen 10 Stunden pro Tag in der Firma und wollen dort deshalb eine Familienumgebung. In meiner Familie streitet, diskutiert und lacht man zusammen und kümmert sich gleichzeitig umeinander. Wir bringen eine solche Umgebung in unsere Firma. Unsere Organisation soll wie eine Familie funktionieren. Ich lerne viel von meinen Kindern und so soll die Organisation von den Mitarbeitenden lernen. Sie sollen in der Firma wachsen können, stark werden und lernen auf eigenen Füssen zu stehen. Wenn wir es nicht schaffen, eine solche Firmenkultur zu entwickeln, werden wir keine zukunftsfähige Organisation aufbauen können."
Massenentlassungen gab es gemäss Gurnani nicht, da Satyam gar nicht so viele Angestellte hatte, wie zu Zeiten von Raju behauptet. Er erklärt, wie der Konzern mit der sich verschlechternden Auftragslage umgegangen ist: "Nach der Übernahme haben wir ein Programm namens "Virtual Pull Program" initiiert. Das bedeutet, dass Mitarbeitende, für die wir keine oder wenig Arbeit haben, ein reduziertes Salär bekommen und von zu Hause arbeiten können. Wenn wir sie brauchen, können wir sie zurückrufen. Dieses Programm haben wir auf sehr humane Art durchgezogen. Wir haben niemanden entlassen, keine Löhne gekürzt und keine Boni gestrichen."
Grosse europäische IT-Dienstleister werden alleine bleiben
Wie schon Azim Premji von Wipro hält auch der neue Boss von Mahindra Satyam wenig von den Gerüchten, dass einer der indischen "IT-Riesen" einen der grossen "Europäer" (T-Systems, Atos Origin, Capgemini, ...) übernehmen könnte. Ein solches Unterfangen wäre "zu ambitiös". Gurnani will aber trotzdem die Präsenz in Europa, auch mit taktischen, kleineren Übernahmen, verstärken: ~~"Der Ausbau in Europa ist auf jeden Fall ein Thema. Wir haben bekanntlich die Consulting-Firma Citisoft in Belgien übernommen. Es geht bei unseren Akquisitionen in Europa immer um Wert, nicht Masse. Also um Consulting, Program-Management und ähnliches. Wir haben eine kleine Niederlassung in Ungarn. Diese werde ich stark vergrössern. Wir überlegen uns ebenfalls, die Position in Belfast zu verstärken. Und ich werde mit opportunistischen Akquisitionen fortfahren. Dabei geht es aber mehr um nähere Partnerschaften mit unseren Kunden. Wir werden also entweder IT-Einheiten oder dann Assets unserer Kunden kaufen. Unser Geschäft in Europa ist sehr stark und wir fokussieren darauf, es auszubauen.
In unseren kleinen, europäischen "Fabriken" in Ungarn und Nordirland geht es uns meistens um Sprachkenntnisse. In den nächsten zwei Jahren will ich aber auch in Indien wachsen, denn jetzt sind die qualifizierten Leute zu haben."~~ (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)

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