Die Schweizer Informatik braucht 180'000 neue Arbeitskräfte

3. September 2009, 10:10
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In zwei von drei Ausschreibungen werden Applikationsentwickler/-innen gesucht. Ein Gastbeitrag von Alfred Breu.

Kein Witz und keine Kopie der aktuellen Berichte aus dem Gesundheitswesens: Es ist in der Tat so, dass im Schweizer Informatikbereich bis 2030 insgesamt 90'000 Personen pensioniert werden. Rechnet man die weiteren üblichen Abgänge hinzu heisst das, dass 180'000 Personen innert 20 Jahren nachgezogen werden müssten. Das sind 9'000 jährlich - 6'500 mehr, als wir heute in der Informatik-Grundbildung und im Studium ausbilden.
Es ist leider so, dass deutlich über 50% der Informatiker/-innen in der zweiten Karrierehälfte ihres Lebens sind. Das belegen verschiedene gründliche Studien, unter anderem die breit angelegte Salärumfrage von SwissICT. Die Zürcher Lehmeistervereinigung Informatik (ZLI) als Träger der Informatik-Berufsbildung des Kantons Zürich und engagierte Kraft im Schweizer Berufsbildungssystem kann nicht mehr als immer wieder darauf aufmerksam machen - die Korrektur selber kann nur von den Betrieben kommen, indem sie mehr Lehrstellen schaffen.
Studie zu offenen Stellen
Eine umfassende extern vergebene Studie des Informatik-Arbeitsmarktes über die offenen Stellen im ersten Semester 2009 (also mitten in der Wirtschaftskrise) hat 4900 Informatik-Inserate identifiziert, wovon rund 1600 wirkliche Profis betrafen.
Das belegt, dass in vielen Fällen Informatik-Kompetenzen in Verbindung mit anderen Berufen gesucht werden. Dazu zählen beispielsweise die vielen Stellen für die Pflege und Erweiterung von Websites mit täglichen Meldungen und attraktiven bewegten Bildern. Aber auch Support-Leute in Verbindung zu einer Bürotätigkeit oder "Power-User" für die verschiedensten Tätigkeitsbereiche, im Rechnungswesen, bei Ingenieuren, im Marketing, in Kommunikationsabteilungen usw. Eigentlich hätten wir dafür übrigens eine passende Lehre: Die des Mediamatikers, der Mediamatikerin.
Tot erklärt - und doch deutlich am Meisten gesucht
Auf die Frage nach dem künftigen Bedürfnis an Applikationsentwicklern erhielt man in den letzten Jahren immer abweisende Bemerkungen: Seit der Milleniumsumstellung sei jede Applikation neu, immer mehr würden auf SAP usw. setzen. Was noch zu entwickeln sei, werde ohnehin im Ausland produziert, hierzulande brauche es nur noch die Architekten und Integratoren.
Weit gefehlt! Bei den Profi-Stellen werden für 56% der offenen Stellen Applikationsentwickler/-innen gesucht, und zwar vor allem Java-Programmierer, aber auch Cobol- und PL1-Fachleute! Aber auch Datenbank-Fachleute, SAP-Entwickler und Berater stehen hoch auf der Liste. In 23% der Fälle werden Systemtechniker/-innen, in 12% Fachleute für Support und Operating und in 6% Fachleute für übergreifende Funktionen gesucht.
Es ist auch kein Wunder, dass die Applikationsentwickler so gesucht sind. Im August 2008 haben in der ganzen Schweiz nur 279 junge Leute eine Applikationsentwickler-Lehrstelle angetreten, resp. 124 einen entsprechenden Informatikmittelschullehrgang: Ein Tropfen auf einen heissen Stein. Das erklärt denn auch, wieso in den Jahren 2007 und 2008 je rund 6'000 Fachleute aus dem Ausland importiert worden sind. Die Informatik hat sehr viel dazu beigetragen, dass die Schweiz dermassen viel mehr Ausländer registriert. Dass das aber gefährlich werden kann, hat die Diskussion um die Einwanderungsbremse in Bundesrat und Parteien vom letzten Frühjahr gezeigt. Es kann auch nicht die langjährige Philosophie einer Branche sein, sich aus Bildungsträgheit nur auf Nachwuchs aus dem Ausland abzustützen.
Schaden für die Wirtschaft
Arbeitskräftemangel in der Informatik bringt nicht ihr selber Sorgen, sondern ihren Kunden und der schweizerischen Volkswirtschaft. Informatiklösungen, die zu spät implementiert werden können, bringen ungeahnten Schaden für Tausende von Betrieben, die immer mehr Mühe haben werden, für ihre innovativen und guten neuen Produkte und Dienstleistungen auch die passende Informatiklösung rechtzeitig zu erhalten. Und
wer mit einer Leistung zu spät kommt, der hat bekanntlich das Nachsehen.
Die Lösung kann nur heissen: Mehr Lehrstellen!
Personaldienste und Informatiker dürfen nun nicht mit dem Rezept der letzten 20 Jahre antworten und wieder Tausende nicht als Informatiker/-innen ausgebildete Arbeitskräfte als Quereinsteiger anheuern. Das passt schlecht ins selbst propagierte Bild eines anspruchsvollen Berufsfeldes. Die Lösung kann deshalb nur heissen, mehr Lehrstellen zur Verfügung zu stellen, junge Leute "by Doing" mit berufsbegleitender Berufsschule zu Fachleuten zu machen und sie danach in der höheren Bildung weiter zu fördern.
Nicht der Staat ist schuld an der Fachleutemisere, sondern die Branche, die Firmen selbst – zumindest diejenigen, die zuwenig neue Lehrstellen pro Jahr anbieten. Pro zwanzig Informatik-Angestellte müsste jedes Unternehmen vier Informatik-Lehrlinge haben, beziehungsweise pro Jahr eine neue Lehrstelle anbieten. (Die Informatik-Lehre dauert vier Jahre.)
Wenn jährlich 9'000 Fachleute verloren gehen, die Hälfte durch Pensionierung, muss man eben gleich viele "nachschieben". Eigentlich eine Milchbüchlein-Rechnung, oder?
Alfred Breu
(Unser Gastautor Alfred Breu ist Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik.)

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