Die vielen Leben der "Software Research Company"

9. August 2013, 15:22
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Der Software-Hersteller Soreco feiert sein 25-jähriges Bestehen. Ein Blick zurück und einer vorwärts.

Der Software-Hersteller Soreco feiert sein 25-jähriges Bestehen. Ein Blick zurück und einer vorwärts.
Es war einmal vor vielen vielen Jahren eine Druckerhandelsfirma namens Walter Rentsch, die sich vor dem papierlosen Büro fürchtete. Software, das wusste man bei Rentsch, war die Zukunft. Also investierte man zusammen mit IBM und gründete am 1. September 1988 die 'Software Research Company'. Diese sollte branchenunabhängige Software entwickeln und zusammen mit branchenspezifischer Software den Verkauf von IBM-Hardware, besonders AS/400, ankurbeln. IBM entwickelte "Personal 400" während die 'Software Research Company' (die Abkürzung Soreco ist noch heute der Firmenname) die Buchhaltungslösung "Finanz 400" beisteuerte. Bei IBM arbeiteten ein gewisser Bruno Seiler als "Organisationsberater" und ein gewisser Renato Stalder rutschte eben in dieselbe Funktion.
1993 wurde die noch junge IT-Branche umgewälzt. IBM schlitterte tief in die roten Zahlen und wurde in der Folge vom neuen Boss Lou Gerstner völlig umgebaut. Gerstner und sein Vorgänger Akers bauten über 200'000 Stellen ab. Walter Rentsch wurde seinerseits vom Hauptlieferanten Canon übernommen. Weil IBM Schweiz die Zahl der Leute auf der Lohnliste reduzieren musste und Canon keine Software-Firma wollte, wurde Soreco in die Unabhängigkeit gestossen. Paul Sprenger, bei IBM Schweiz für die Software-Entwicklung verantwortlich, übernahm die Firma.
1995 ersetzte die Schweiz die Warenumsatzsteuer (WUSt) durch die Mehrwertsteuer. "Wir waren ideal positioniert, jeder brauchte eine neue Finanz-Lösung. Wir haben sieben Tage pro Woche gearbeitet", erzählt der heutige Soreco-Chef Stalder (Foto Startseite). Allerdings: er und Seiler waren bis 1995 von IBM angestellt und wurden an Soreco "ausgeliehen". 1995 lud man die beiden dann aber doch in die Chefetage am Zürcher Mythenquai vor und machte ihnen klar, dass sie nolens volens von IBM zu Soreco zu wechseln hätten.
Millenium Hype und ein kühner Entscheid
Stalder war erst mit dem erzwungen Entscheid gar nicht einverstanden, biss dann aber in den (versüssten) sauren Apfel, von dem er noch heute lebt.
Die Firma verdaute den unfreiwilligen Abschied der Grossaktionäre IBM und Walter Rentsch gut. Aus "IBM Personal" wurde "Personal 400". Ab 1997 begann man über den "Millenium Bug" zu reden, was erneut eine Welle von neuen Projekten über Soreco (und viele andere Anbieter) schwemmte. Schon 1993 hatte SAP mit "R/3" eine Lösung mit Client-Server-Architektur auf den Markt gebracht, so doch richtig heiss wurde das Thema erst gegen die Jahrtausendwende.
Stalder: "Unsere Kassen waren voll und wir fällten den kühnen Entscheid, unsere Software komplett neu zu entwickeln. Damit legten wir die Grundlage für Xpert.Line." Das Projekt gelang. Am 1.1.2001 wurde die neue Lösung zum ersten Mal bei einem Kunden installiert und am 25.1.2001 wurden zum ersten Mal Löhne damit bezahlt.
Ein missglückter Werbeslogan, ein Crash, eine Übernahme und ein Besitzerwechsel
Erinnern Sie sich an den New-Economy-Hype? Alles musste "e-Irgendetwas" sein und man glaubte fest daran, dass die "New Economy" die Gesetze der Wirtschaft ausser Kraft setzen würde. Soreco sprang auf den New-Economy-Zug und warb mit dem Slogan: "Ersetzen Sie Ihren Lohnbuchhalter durch eine Maus." Und erntete "riesige Proteste" (Stalder). Man war zu früh und zu laut, doch falsch lag man trotzdem nicht. Eine moderne HR-Lösung muss heute webfähig sein und vieles, was früher die HR-Abteilung machte, müssen Angestellte heute im Self-Service-Portal erledigen.
Der "New-Economy"-Rausch währte nicht lange. "2001 war ein himmeltrauriges Jahr. Unser Neukundenumsatz schrumpfte im Vergleich zu 1999 auf einen Drittel," erzählt Stalder. Weil Soreco aber nie Software ohne Unterhaltsvertrag verkauft, gab es doch eine gewisse Umsatzbasis. Stalder: "Nach "Millenium-Bug" und "New-Economy" war unsere Kasse gut gefüllt." Und alles hat zwei Seiten. Die New-Economy-Krise schmerzte Soreco zwar, gab der Firma aber auch die Gelegenheit, "Xpert.Line" fertig zu entwickeln.
Im Juli 2004 übernahm Soreco zusammen mit dem welschen Partner TI Informatique den Prozess-Management-Spezialisten IvyTeam mit damals sieben Mitarbeitenden von Heinz Lienhard, der eine Nachfolgelösung suchte. "Wir haben die Firma übernommen, um uns das Know-how und die Technologie von Ivy zu sichern," sagt Stalder. Heute wird Xpert.Line mit Ivy-Technologie entwickelt und Kunden nützen die Business-Prozess-Plattform, um ihre Software zu parametrisieren.
Ende 2004 durchstiess Soreco die 100er Marke bei der Zahl der Mitarbeitenden. "Ab 100 Mitarbeitern fragt dich keiner mehr, wie lange deine Firma noch existiert," erklärt Stalder, wieso ihm diese Zahl wichtig ist.
Ab 2002 kauften Renato Stalder und Bruno Seiler in mehreren Schritten die Aktien von Soreco von Firmengründer Paul Sprenger. "Wir haben acht Jahre dafür gearbeitet," sagt Stalder auf unsere Frage, wo er das Geld dafür aufgetrieben habe. 2004 übernahm Stalder von Sprenger den Titel als "CEO", 2008 trat Firmengründer Sprenger auch als Verwaltungsrat ab.
Abenteuer Vietnam, Abenteuer Axon
Wie so manche Softwarehersteller hat sich auch Soreco mit dem Versuch, "Offshore", also weit entfernt, Software zu entwickeln und so dem Fachleutemangel in der Schweiz zu entgehen, eine blutige Nase geholt. Experimente mit einem Partner in der Ukraine sind gescheitert.
Nicht gescheitert scheint hingegen der Aufbau von mehreren Teams in Vietnam, über die wir bereits im Sommer 2011 ausführlich berichtet haben.
Heute kommen die modernsten Teile der Soreco-Software (teilweise) aus Vietnam. So die Software für eRecruitment und für Talent Management. Auch in Kundenprojekten arbeiten Fachleute in der Schweiz und EntwicklerInnen in Vietnam zusammen.
Zum Standort Vietnam ist Soreco über die Zusammenarbeit mit Axon Active gekommen. Axon ist 2008 von Stefan Muff gegründet worden, der 2006 seine Firma Endoxon an Google verkauft hatte. Man lernte sich kennen, als Axon eine Lizenz für Xpert.ivy gekauft hatte. Axon hatte 2008 mit einer Niederlassung in Vietnam gestartet und bot Soreco eigene, dedizierte Teams an.
Die Zusammenarbeit liess die beiden Firmen näher rücken und Stalder bot Muff einen Sitz im Verwaltungsrat von Soreco an. Aus der Zusammenarbeit wurde rasch mehr: Im August 2011 übernahm Axon Active Soreco, während sich im Gegenzug Stalder und seine Mitaktionäre Thomas Koller und Rolf Stephan an Axon beteiligten.
Die Übernahme schien uns damals unverständlich. Ging Soreco das Geld aus? Schaffte man den Sprung in die Zukunft von "Software as a Service" nicht mehr? Oder wollte sich Axon Active die Kundenbasis einen etablierten Software-Herstellers sichern?
Die Antwort: "In ein paar Jahren gibt es Software, wie wir sie kennen, nicht mehr," ist Stalder überzeugt. "In Zukunft wird man Software zusammen mit Daten, oder besser gesagt, wird man statt Software 'Nutzen' verkaufen. Der Mehrwert liegt in einem Prozess," so Stalder. Ein Beispiel ist ein grosser Schweizer Autohändler. Die Autoverkäufer, die zwar eine moderne CRM-Lösung einsetzen, brauchten bisher bis zu drei Tagen, um einen Entscheid über die Kreditwürdigkeit eines Kunden zu fällen. Heute dauert der Prozess noch fünf Minuten. Gebaut wurde die "Software-Prozess-Information"-Plattform mit Xpert.Ivy, Wirtschaftsdaten der Axon-Tochter Orell Füssli Wirtschaftsinformationen und der Lösung für "Decision Support" von Axon. Und programmiert hat man grossenteils in Vietnam.
Das unendliche Leben von Software
Katzen haben sieben Leben, Software überlebt es sieben Mal, totgesagt zu werden. So hat Soreco den Support für die 1991 (!) geborene P400 (siehe Illustration oben) erst Mitte dieses Jahr eingestellt. "Zuletzt haben noch etwa 50 Kunden mit dieser Komplettlösung gearbeitet. Zum Teil auf Releases von AS/400, von denen man bei IBM nicht mal mehr weiss, dass es sie je gegeben hat," erzählt Stalder vergnügt.
Doch zurück zu Axon und Soreco. Wo sieht Stalder die Zukunft "seiner" Soreco?
Stalder: "In Zukunft wird es zwei Kundenkategorien geben: Grosse Firmen werden tendenziell on-site-Installationen betreiben, alle anderen werden Software von einem Provider beziehen und nach Gebrauch bezahlen. Wir werden so ein Provider - zum Beispiel mit einem Partner wie In4U sein. Schon heute macht Gastrosocial zig-tausend Lohnabrechnungen pro Monat mit E-Payroll-Technologie von Soreco."
"Mit Cloud-Computing sind neue Silos in der Informatik entstanden oder sie werden entstehen. Die nächste Herausforderung wird sein, diese Silos miteinander zu verbinden. Künftige Business-Prozesse werden Cloud-Lösungen integrieren müssen. Die Prozess-Engines werden damit eine neue Bedeutung bekommen," sagt Stalder. So gesehen, macht der Soreco-Axon-Deal Sinn. In der Axon-Gruppe vereinen sich nun Datenquellen (Orell Füssli) und Datenanalyse ("Decision Support"), SaaS-Business-Lösungen (Soreco) und eine Business-Prozess-Maschine (Ivy). Dazu kommen Know-How, Fleiss und Kreativität von über 220 EntwicklerInnen in Da Nang und Ho-Chi-Minh-Stadt.
Diesen Herbst feiert Soreco das 25-jährige Jubiläum der Firma. Stalder will auch das 30. als Aktiver miterleben. "Mindestens" sagt unser Gesprächspartner: "Ich will unbedingt mindestens die nächsten fünf Jahre eine Rolle in der Geschichte von Soreco und von Axon spielen." (Christoph Hugenschmidt)
(Foto Startseite: Renato Stalder beim Gespräch auf der Redaktion von inside-channels.ch. Scan Textseite: Ein Kleber für die Software, mit der die Soreco-Geschichte begann.)
(Interessenbindung: Soreco ist ein Werbekunde unseres Verlags und der Schreibende hat 2011 auf Einladung von Soreco die Axon-Niederlassung in Viet Nam besucht.)

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