Die Zukunft von DLT in der Finanzindustrie ist ungewiss

11. Mai 2021, 13:08
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Viel wurde geredet und getestet mit "Blockchain". Was war und was eventuell sein wird, fasst ein WEF-Report zusammen.

Hunderte von Blockchain-Konferenzen, Tausende von Workshops und Pilotprojekten, zehntausend "Visionen" und Milliarden von Tweets gingen in der Finanzindustrie ins Land bis klar war: Die Technologie darf nicht mehr Blockchain heissen, sondern "DLT" und hat irgendeine Zukunft. Vermutlich, möglicherweise sogar eine grosse.
Das WEF versucht nun, mit Input von Bankenvertretern und ohne "Evangelists" oder Zukunftsforscher ein Zwischenfazit zu ziehen: Wo steht DLT in der Finanzmarktrealität aktuell? Welche Use Cases sind vielversprechend? Und wo liegen die relevanten Hürden, bevor sich DLT wirklich durchsetzen kann?
Unbestritten ist, dass DLT-Projekte erst in Randgebieten getestet werden und bis heute nicht im Kern der technologischen Transformation der Finanzindustrie sind.
Aber unter dem Einfluss von technologischen und regulatorischen Trends und dem Kostendruck ist die Akzeptanz gewachsen. Und die Industrie hat sich auf eine Grundweisheit geeinigt – die zugrunde liegenden Herausforderungen, die DLT auf den Kapitalmärkten zu lösen versucht, sind real und gross.
Nach Jahren des Experimentierens seien nun "viele DLT- und Smart-Contract-Anwendungsfälle" auf den Kapitalmärkten und in unterschiedlichen Jurisdiktionen live. Dabei "überrascht nicht, dass die meisten Kapitalmarktteilnehmer Anwendungen auf permissioned, privaten, hierarchischen Ledgern entwickeln", so die Autoren des WEF.

Nennenswerte Schweizer Initiativen

Geschlossene und/oder interne Lösungen also prägen die DLT-Anwendungen bis anhin, die "Profis" halten sich fernab von Bitcoin und den zugehörigen Blockchain-Lösungen.
Aber es gehe vorwärts auf unterschiedlichen Ebenen. Zu den signifikanten Playern zählt das 100-seitige Papier auch Schweizer Initiativen, insbesondere das "Blockchain-Gesetz" und SDX, die im Bau befindliche End-to-End-Plattform für digitale Vermögenswerte von Six. Diese soll laut dem Report 2023 kommen.
Vielversprechend seien das 2020 publizierte Token Taxonomy Framework zur Förderung der Standardisierung zwischen DLT-Plattformen und Dienstleistern der Interwork Alliance. 2021 sollen Multiparty Computing Anwendungen lanciert werden, die Berechnungen ermöglichen, bei denen die verarbeiteten Daten dauerhaft vollständig verschlüsselt und sicher Daten bleiben.
Im PoC-Stadium sei die öffentliche Fondsverwaltung auf DLT-Basis und "bald" werde End-to-End-Infrastruktur von einem grossen Infrastrukturanbieter für den digitalen Markt kommen. Details zum wer, wie, wann, wo gibt es aber keine.
"Die Marktteilnehmer bringen Lösungen auf den Markt, die bestehende Prozesse für definierte Ökosysteme in zahlreichen Anlageklassen verbessern sollen und in einigen Fällen die Wertschöpfungsketten, wie wir sie heute kennen, neu gestalten. Die grossen Visionen der Disintermediation oder der totalen digitalen Transformation im grossen Stil sind jedoch noch weit davon entfernt, realisiert zu werden", so die Zwischenbilanz im WEF-Report.

Der Finanzbranche fehlt es an Visionen

Und warum fehlt es an grossen Visionen der Banken? Dafür gebe es mehrere Gründe:
  1. Konkurrierende Anreize und Risiken, dass man durch DLT etwas verlieren könnte, schränken die Skalierbarkeit der Projekte ein.
  2. Top-Kader sind eine Hürde, die Unterstützung von bekannten Namen wäre zudem branchenweit nötig, ist aber nicht wirklich da. Viele DLT-Projekte versprechen erst in mehr als 5 Jahren einen Nutzen, "erfordern aber kurzfristig erhebliche Vorabinvestitionen und eine branchenweite Umstellung. Wenn der Business Case langfristig ist, müssen Projekte von Führungskräften vorangetrieben werden, die die Autorität haben, die branchenweite Ausrichtung zu beeinflussen, um voranzukommen."
  3. Investoren schrecken vor unsicheren Business Cases zurück, weil viele davon ein "minimal lebensfähiges Ökosystem" von Teilnehmern benötigen. Und diese an Bord zu holen, ist offenbar auch 2021 schwierig.
  4. In vielen Fällen müssten die Akteure Rollen, Prozesse und Abläufen reorganisieren, um Vorteile mit DLT zu erzielen. Zwar hätten Branchenkonsortien bereits grosse Herausforderungen und Transformationen in Angriff genommen, doch bleibe der Appetit auf systemweite Veränderungen begrenzt.
  5. Legacy Systeme: Der Betrieb von Altsystemen während man gleichzeitig neue DLT-Lösungen baut und skaliert ist wahrscheinlich kostspielig und komplex. Zudem fehlen teilweise auch gemeinsame technische und finanzielle Standards, um unterschiedlichste Legacy-Systeme und DLT-Lösungen interoperabel zu machen. Ein Beispiel sei DLT in der Wertschöpfungskette des Aktienmarktes.

Zudem werde die regulatorische Situation auf nationaler und internationaler Ebene nach wie vor als "unsicher wahrgenommen". "Obwohl viele Regulierungsbehörden ihre Offenheit gegenüber DLT-basierten Innovationen zum Ausdruck gebracht haben, bleibt der Eindruck bestehen, dass der zukünftige Weg unklar ist, insbesondere da die meisten neuen Marktteilnehmer noch nicht mit aufsichtsrechtlichen Vorschriften konfrontiert wurden", heisst es im Report.
Der Report zeigt viele Use Cases – von Derivativen bis zum Securities Financing – in einer Auslegeordnung: Ist-Zustand, mögliche Auswirkungen, Hindernisse.

DLT findet an den Rändern statt

Die Summe all dieser Beispiele bestätigt, DLT findet an den Rändern statt und mit minimalen Auswirkungen auf bisherige Geschäftsfelder der Banken.
Von einer maximalen Veränderung – eine dezentrale Finanzierung mit einer Verlagerung der Aktivitäten weg von Märkten, die von Infrastrukturanbietern und anderen Intermediären kontrolliert werden – ist man weit entfernt.
"Die fundamentale Umgestaltung der Märkte erfordert neue Denk- und Arbeitsweisen in der gesamten Branche, Standardisierung, regulatorische Sicherheit und die Fähigkeit, Silos aufzubrechen", heisst es bilanzierend. Das bedeutet implizit auch: Die Zukunft von DLT in der Finanzindustrie ist auch 2021 noch ungewiss.
Dennoch zeigen sich die Verantwortlich vorsichtig optimistisch aus technologischer Sicht: "Möglicherweise nähern wir uns einem Wendepunkt, da sinnvolle DLT-Anwendungsfälle in Betrieb genommen werden und viele Institutionen anerkennen, dass diese Technologie wahrscheinlich eine gewisse Rolle in der Zukunft des Kapitalmarktes spielen wird."
Der Report "Digital Assets, Distributed Ledger Technology and the Future of Capital Markets" basiert auf Workshops, Interviews und Online-Umfragen. Er ist 100 Seiten dick und als PDF verfügbar.

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