Digitale Ethik: Bescheidenes Schweizer Niveau

26. Januar 2022, 17:00
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Zwei Publikationen zeigen bei Schweizer Firmen viel Luft nach oben was Transparenz, den Umgang mit künstlicher Intelligenz oder Datenschutz anbelangt.

Ethos, die Schweizerische Stiftung für nachhaltige Entwicklung, hat erstmals eine "Studie über die digitale Verantwortung" von in der Schweiz kotierten Unternehmen veröffentlicht. Ziel der Studie sei es, den Grad der Vorbereitung der grössten Schweizer Unternehmen auf die Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft zu ermitteln, schreibt Ethos.
Ausgehend von den 7 Themenfeldern Governance, Transparenz, Datenschutz, künstliche Intelligenz, sensible Aktivitäten, Auswirkungen auf die Gesellschaft und Einfluss auf die Umwelt wurde den 48 Unternehmen im SMI Expanded ein Fragebogen zugestellt: von ABB über Nestlé bis Zurich Insurance. Geantwortet haben allerdings nur 12, der Rest wurde auf Grund von öffentlich zugänglichen Daten und Informationen bewertet.

Nicht mal die Hälfte der Erwartungen erfüllt

Keines der 48 Unternehmen erfülle mehr als 40% der Erwartungen von Ethos, heisst es in der Studie. "Schlimmer noch: Nur vier Unternehmen erreichen mehr als 20 von 100 möglichen Punkten: Bâloise (39,6), Swisscom (29,1), Straumann (26,7) und Swiss Re (21)."
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Bewertungen im Bereich Datenschutz. Grafik: Ethos
"Die Versicherungsbranche scheint am weitesten fortgeschritten zu sein, mit einem Durchschnitt von 17,3 Punkten. Dagegen bleiben der Banken- und der Gesundheitssektor, die von den Fragen im Zusammenhang mit der digitalen Verantwortung ebenfalls besonders betroffen sind, mit Durchschnittsresultaten von 10,3 beziehungsweise 11,1 Punkten zurück", schreibt Ethos.
Das gesamthaft gesehen schwache Niveau könne zum Teil mit der fehlenden Transparenz der Unternehmen auf dem Gebiet der digitalen Verantwortung erklärt werden. Nur drei der Unternehmen (Bâloise, Nestlé und Zurich Insurance) würden etwa explizit darauf hinweisen, ethische Grundsätze zum Einsatz von künstlicher Intelligenz eingeführt zu haben. Beim Thema KI erreicht nach den Ethos-Bewertungen einzig Novartis knapp über 30 Punkte.
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Bewertungen im Bereich Digitale Transparenz. Grafik: Ethos
Etwas besser sieht es im Bereich Transparenz aus. Mit Sika, Zurich Insurance und Baloîse bringen es drei Unternehmen auf 60 bis 70 Punkte. Keines der 48 Unternehmen des SMI Expanded gebe aber heute öffentlich den Standort und die Lage seiner Datenspeicherzentren bekannt, heisst es in der Studie. "Diese Informationen würden jedoch Aufschluss darüber geben, ob die Daten in einem Staat gespeichert werden, der sie ohne das Wissen der Unternehmen und der Nutzerschaft auswerten könnte."

Ansätze zu Best Practices vorhanden

Die Schweizer Unternehmen würden bei der digitalen Ethik jedoch weder besser noch schlechter abschneiden als ausländische Firmen. Und man habe auch Beispiele von Best Practices für praktisch jeden Punkt des Fragebogens bei den 48 Unternehmen feststellen können. Die Studie soll nun jährlich durchgeführt werden. "Für Ethos ist die digitale Verantwortung von Unternehmen derzeit eines der aktuellen und für die Zukunft entscheidenden Themen auf dem Gebiet der nachhaltigen Anlagen", schreibt die Stiftung.
"Digitale Ethik ist heute ein zentrales Thema, dem sich die Unternehmen annehmen müssen" – zu diesem Schluss kommt auch die Zürcher Hochschule für Wirtschaft (HWZ). Dies zeige die Auswertung des Stimmungsbarometers 2022 "Digitale Ethik" der HWZ und des Centre for Digital Responsibility, welcher die digitale Verantwortung von Unternehmen in der Schweiz jährlich misst.

"Es fehlt an notwendigem Wissen"

"Die drohenden Regulierungen, etwa bei der Datennutzung oder beim Einsatz künstlicher Intelligenz, beschäftigen stark", schreibt die HWZ. 70% der 225 befragten Unternehmen würden von Erfahrungen mit ethisch umstrittenen Projekten im Bereich des Datenmanagements berichten. Weitere Erfahrungen mit umstrittenen Projekten beinhalten die Datafizierung am Arbeitsplatz (33%) und den Umgang mit neuen Technologien (32%).
Studienleiterin Cornelia Diethelm folgert: "Es fehlt flächendeckend an notwendigem Wissen, wie Digitale Ethik in das eigene Unternehmen integriert werden kann." Die Umfrage zeige aber auch, dass ethische Themen in mehreren Unternehmen bereits in interne Richtlinien und Prozesse integriert wurden: Jeder zweite Befragte gab an, dass das Datenmanagement (51%) sowie die Datenstrategie (46%) entsprechende Vorgaben enthalten würden. Oft existiere bereits eine Ethik-Richtlinie (38%) oder sie sei zumindest geplant.
Die Ethos-Studie "Digitale Verantwortung der Unternehmen im SMI Expanded" kann als PDF heruntergeladen werden.

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